«Versöhnung» (letzter Teil)

Sie trippelte weiter, die Strasse hinauf, das Blut schlug in ihren Schläfen, sie hatte Mühe zu atmen und das Weinen war ihr nahe. Sie fühlte sich unglücklich. Oder war sie vielleicht glücklich? Amadeo hatte zu ihr gesprochen, er hatte gesagt, er wolle ihr helfen … 

Beim Heustock angekommen, hielt sie sich am Türpfosten fest, um Luft zu schöpfen. Schon war auch Amadeo da. Er blieb beim anderen Türpfosten stehen und beide warteten, wer zuerst einsteigen wolle. Das Gewicht zwang ihre Köpfe vornüber, sie sahen sich nicht an. Amadeo entschloss sich. Er schwang sich in die Höhe, warf seine Last ab und kam zum Tor zurück, Claretta zu helfen. Sie solle aus den Riemen schlüpfen, er hebe die Hotte allein. Sie schob ein wenig nach, dann wartete sie … Amadeo blieb drinnen, er ordnete raschelnd das Heu, er lief hin und her, er war sehr geschäftig … Claretta wartete. Plötzlich kehrte sie sich um und huschte davon. 

Wenn er nur nicht bemerkt hat, das sich gewartet habe, dachte sie beschämt. Sie hörte seine Schritte hinter sich, aber sie eilte weiter. Leicht enttäuscht über ihre Hast, strebte er ihr nach. Wie zierlich ihre Röcke wedelten und wie hübsch sie rund gebauscht um die Taille abstanden! Es machte ihm Spass zuzusehen, wie die engen Falten sich überschlugen, auf- und zuklappten, um die runden Beine klatschten, er guckte hin, und je mehr er hinsah, desto besser gefiel ihm das Spiel.

Eine ungewohnte Heiterkeit überfiel ihn, er hätte jauchzen mögen oder sonst etwas tun, was nicht zum Schicklichen gehörte. Unten schwang er sich übermütig die geladene Hotte auf den Rücken und rannte damit den Berg hinan, bevor Claretta so weit war. Das bestürzte sie. Nun war ihr Amadeo zuvorgekommen. Er würde schon wieder auf dem Rückweg sein, wenn sie erst auf dem Hinweg war, er würde ihr nicht helfen können beim Abladen … Der Weg kam ihr lang und mühselig vor, das Heu schwer und die Hitze drückend. Sicher war er schon droben: Wenn sie ihn treffen wollte, musste sie sich beeilen, schnell, schnell, und sie strengte sich an. 

Als sie das dunkelgeöffnete Tor erreicht hatte, horchte sie hinein. Drinnen war alles still. Also war Amadeo schon fort, wahrscheinlich auf der andern Seite des Speichers herunter gegangen. Sie war allein. Sie lehnte sich an die Türe und aller Kummer fiel über sie her, der sie eben verlassen hatte. Sie wusste es ja, für sie gab es nichts Gutes. Mit Anstrengung kletterte sie die Stufen hinan, warf sich aufs Heu und blieb darin liegen. Da bewegte sich etwas neben ihr. Amadeo. 

Schnell zog sie ihre Arme aus den Riemen und stand auf. «Du hast mich erschreckt», sagte sie scheu, den Hut voller Heu vorn ins Gesicht gerückt. Sie vermochte keine Bewegung zu machen. Ihre Glieder waren ihr seltsam fremd und das Herz so groß und drückend, dass ihr angst wurde. Sie blieb still stehen, mit kurzem Atem, und nur der kleine Finger spielte in einer Falte ihres Rocks. Amadeo fühlte sich nicht weniger beklommen, nun er allein und so nahe bei Claretta war. Etwas würgte ihn im Hals, die Brust war ihm zu eng geworden, er glaubte zu taumeln, in die Knie zu brechen… er hätte etwas sagen mögen, aber es fiel ihm gar nichts ein.

Claretta hatte es gewagt, den Kopf zu heben. Sie staunte in sein Gesicht, in seine Augen, der kleine Stier kam ihr in den Sinn, der vom Nachbar Bertoni aufgezogen wurde und der solche Augen hatte, sie spürte auch, dass es wohl besser wäre, sie ginge fort, aber wie sollte sie fortgehen? Sie war wie angeschraubt. Amadeo hatte versucht, Fassung zu gewinnen. Sein Blick war von ihrem Gesicht hinuntergeglitten bis zu der Falte, in welcher der kleine Finger spielte. Er griff tappig nach diesem Finger und wollte eben, in zurückeroberter Sicherheit, sagen: Du hast Hände wie eine Näherin, so fein – als jäh ein lodernd-heisses Gefühl ihn ganz überschwemmte. 

Die Jugend

Wie um sich zu retten, zog er Claretta heftig an sich und umhalste sie ungeschickt, so dass ihr Hut auf die Achsel rutschte und sie fast hingefallen wäre. Sie fühlte seinen hastigen Atem in ihrem Haar, seine harten Hände an ihrem Leib. Amadeo! In diesem Augenblick schmolz alles weg, was Claretta durch ihre Kinderjahre hin an Vorsicht gelernt und an Abwehr angesammelt hatte. Ihre Lippen suchten das Gesicht des Knaben. Sie küsste ihn auf die braune Wange, inbrünstig, langsam, immer auf dieselbe Stelle … und er hielt hin, verblüfft fast über die Lust, die ihn durchfuhr und wild entzückte … Die beiden Alten hatten längst die Hotten bereitgestellt und spähten nach den Trägern aus. Teresa war unruhig, sie sorgte sich um ihr Heu, und als die Kleine endlich kam, hatte sie eine scharfe Bemerkung auf der Zunge. 

Doch Barbara verstand mit einem Blick in das gerötete Gesicht des Mädchens den Grund ihres Ausbleibens. Sie legte ihre Hand beschwichtigend auf Teresas Arm und sah sie bedeutungsvoll an: «Die Jugend!», flüsterte sie. Auch Teresa verstand und ihr Gesicht hellte sich auf. Der freundliche Schein stieg von ihren Mundwinkeln bis über die Augen empor, und als Claretta zaghaft die ausgedachte Entschuldigung vorbrachte, verzog sich ihr Mund in die Breite. Bald kam der Junge in langen Sprüngen die Halde hinuntergerannt. Claretta wurde über und über rot. Sie schämte sich, Amadeo nach der kurzen Trennung so im hellen Tageslicht zu begegnen, und versteckte sich, so gut es ging, hinter der Hotte, die Barbara ihr hinhielt.

Doch er war ohne Scham. Mit glühendem Gesicht starrte er Claretta an, er konnte nicht warten, wieder mit ihr allein zu sein, und stürmte mit seiner Last so den Berg hinan, dass die Frauen ihm nachstaunten. «Jugend, Jugend», seufzte Barbara und ihre Löckchen zitterten. Die Alten hatten die Arbeit wieder aufgenommen und waren dabei jede in ihre Gedanken versunken. Barbara versuchte sich vorzustellen, was zwischen den jungen Leuten vorgehe. Sie nahm bald in ihrem Sinn die Stelle der kleinen Claretta ein, und von da an wurde alles möglich. 

Sie verlor sich in fabelhaften Liebesgeschichten, wie sie ihr aus fernen Jugendbüchern noch halb und halb in Erinnerung lebten, und die alle, nach langem Sehnen, nach bitterer Pein, nach Mühen, Prüfungen und Entbehrungen in grossem Glück endeten. Nicht dass sie selbst Derartiges erlebt hatte, ihre eigenen Liebesgeschichten, kurz und deutlich, waren nicht im Geringsten romantisch gewesen, und die Ehe mit dem alten Manne hatte sie bald dazu gebracht, sich mit den erreichten äusseren Vorteilen und dem Bewusstsein zu begnügen, das schönste Mädchen gewesen zu sein. 

Aber wohl gerade deshalb, weil sie selbst nicht viel Glück erlebt hatte, träumte sie in ihren alten Tagen gerne davon, und die Anwesenheit des verliebten Paares genügte, um ihre Phantasie in Bewegung zu bringen. Siesprach leise vor sich hin, als ob der Rechen, den sie flink handhabte, sie hören oder ihr antworten könnte. Teresa beobachtete sie kopfschüttelnd. Die alte Närrin spinnt wieder, dachte sie, aber sie selbst war auch in sanft angeregter Stimmung. Da hatte sie also die beiden Jungen zusammengebracht – es war schnell gegangen–, um ihre Schwester, die Letzte – dass es nur gestanden sei – zu ärgern, diese Leisetreterin und Scheinheilige, diese Erbschleicherin … oder war sie das etwa nicht? 

Hatte sie ihr nicht das Leben missgönnt? Nun hatte sie also die Kinder zusammengebracht, es war, bei Gott, schnell gegangen, und sie konnte sich darüber ins Fäustchen lachen. Doch war ihr gar nicht so nach Spott zumute. Von der Ergriffenheit der jungen Menschen berührt, vergass sie den Zweck ihres Handelns, und die Freude an dem Paar verscheuchte die Schadenfreude, von der sie sich doch so viel Genugtuung versprochen hatte. Sie überlegte, wie es einzurichten wäre, damit die Kinder sich heiraten könnten, denn ihre Wünsche eilten voraus. Sie könnte vielleicht ein Feld abtreten, wenn die Alten von Amadeo kein Einsehen haben sollten –und wie sollten sie, diese Hochmutströpfe? 

Vielleicht konnte Amadeo ihr kleines Berghaus übernehmen, er war es ohnehin gewohnt, abseits vom Dorf zu leben, und Claretta auch, und mit der Zeit die Felder und Wiesen hier herum. Wäre es nicht ein Glück für sie, die alte Teresa, wenn sie jemanden fände, jemanden Treuen, Sicheren, Gutartigen, der ihr zudem dankbar zu sein hätte, um ihr die viel zu viele Arbeit abzunehmen? Und wie verstand er diese Arbeit! Könnte sie einen Besseren finden als diesen Jungen? Sie überlegte genau. Nein, niemanden Besseren … Er war wohl noch jung, und die Mutter würde sich wehren wie um ihr Leben, Claretta als Schwiegertochter anzunehmen … aber sie hatte schon so viel von Amadeo verstanden, dass sie wusste, er würde das Mädchen nicht mehr loslassen, und wenn er auch noch lange warten müsste. So zeigte sich die Zukunft für Teresa in angenehmen Farben, und sie wurde darüber vergnügt.

Die Gedanken Barbaras trafen, nach den gefühlsseligen Umwegen, mit Teresas Gedanken zusammen. Sie blieb neben der Schwester stehen und sagte, wie um ein angebrochenes Gespräch zu beschliessen: «Und wegen der Aussteuer braucht man nicht zu sorgen, du weisst, wie viel Ware noch in meiner Truhe liegt …»

Die Jungen kamen dieses Mal zusammen auf die Wiese zurück. Sie waren lange fortgeblieben, Teresa hatte es bei allen ihrenErwägungen festgestellt. Als sie die schlauen Äuglein der Teresa und die glänzenden Kuhaugen der Barbara neugierig fragend auf sich gerichtet sahen, begriffen sie, trotz der freudigen Verwirrung, die sie wie aus der Welt hob, dass die beiden Alten ihr Glück erraten hatten. 

Erinnerungen an alte Geschichten

Sie fuhren beschämt und hastig auseinander. Jedes holte seine Hotte. Dann stiegen sie bergan, eines hinter dem andern, ohne den Weg zu spüren, ohne die Last zu fühlen, ganz gefangen von dem, was im Heustock auf sie wartete und dem sie entgegenbrannten. Das letzte Heu war zusammenzurechen. Die Alten taten es gemächlich. Sie kamen stehend ins Plaudern. Von den jungen Leuten, an deren Schicksal, sie mochten es fühlen, wohl nicht mehr viel zu ändern war, weder im Guten noch im Bösen, kamen sie auf ihre eigene Jugend zu sprechen. 

Sie taten es zögernd und fast verlegen, denn Begebenheiten stiegen vor ihnen auf, von denen eine jede gemeint hatte, sie sei allein noch da, um sich daran zu erinnern. «Das weisst du noch?», fragte ungläubig die Teresa, «das mit dem Stefano?» Und Barbara antwortete stolz und umständlich: «Ich war wohl noch ein Kind, aber ich habe alles verstanden. Nach jenem Himmelfahrtsfest, an welchem er hinter dir drein war, kam er zu uns nach Hause – da warst damals schon lange in Dienst im Palazzo – und sagte dem Vater, er wolle dich heiraten. Vater war einverstanden, aber er gab zu bedenken, dass es dich angehe. 

Es ist aber die Mutter von Stefano angegangen. Sie habe so geschrien, als er ihr mitteilte, er wolle dich – denn sie hatte die rothaarige Clotilde im Sinn, die hinkte und reich war und ihm dann im Kindbett starb –, dass er nachgab.» «Ja, die Mutter von Stefano», meckerte die Teresa, «wie oft habe ich ihr gewünscht, sie möge ihre Augen Stücklein für Stücklein zum Gesicht herausweinen.» «Und so ist es gekommen, als er im Winterausglitt und im Tobel zu Tode fiel», fügte Barbara bei, mit Befriedigung, dass die Schwester gerächt worden war. «Das ist lange her», meinte in sich staunend Teresa. «Ich glaubte damals, es sei mein Unglück, dass ich den Stefano nicht bekam, und es war mein Glück … Aber das, was ich für mein Glück hielt, war mein Unglück.» 

Sie dachte an ihr Missgeschick mit ihrem ungetreuen Herrn. «Man begreift das erst, wenn alles vorbei ist … Und geht es nicht allen so?» Sie nahm, eines nach dem andern, die Schicksale ihrer Jugendgenossen durch, drehte sie hin und her und prüfte sie auf Glück und Unglück, auf Schein und Wahrheit. Barbara half mit, und sie waren so im Eifer des Erinnerns und Erzählens, dass sie die Jungen, die kamen, um die leeren Hotten gegen volle umzutauschen, erst bemerkten, als sie vor ihnen standen. Nun hatten Claretta und Amadeo die letzten Lasten weggetragen.

Die beiden Alten räumten das Gerät zusammen und schickten sich an, nach Hause zu gehen, doch Barbara hielt mit verschmitztem Augenzwinkern Teresa zurück. «Man muss ihnen Zeit lassen.» Teresa liess sich bewegen. So setzten sie sich noch einmal auf die jetzt ganz saubere Wiese nieder und blieben friedlich aneinandergelehnt, die müden Füsse vor sich hingestreckt. Sie hatten über vieles gesprochen. Jetzt schauten sie auf den Friedhof hinunter, der etwas tiefer hinter der Kirche lag und das Kreuzseiner Kapelle über die Böschung der Wiese hinaufreckte, dass es in der Abendsonne glänzte. 

Sterben? Viele waren tot. Dort lagen sie. Auch sie würden dort liegen. Sterben? Es schreckte sie nicht sehr. Da war immerhin die Angst vor dem Fegefeuer, warf Barbara zaghaft ein. Doch Teresa fand, ein jeder von ihnen habe schon zu Lebzeiten das Fegefeuer erlebt, es bleibe davon nicht mehr viel durchzumachen übrig, nach ihrer Ansicht. Und sie musste es ja wissen, sie war so alt und sie wusste so vieles … Ihr konnte man nichts vormachen. 

Über dem Berg, der stolz und einsam das Tal abschloss, schimmerte jene unirdische Klarheit auf, die kühl und stahlhart die Nacht ankündigt. Die Frauen verstummten. In Teresa regte sich ein wehmütiges Gefühl. Das geschah jetzt öfters, dass sie Lust bekam zu weinen und nicht wusste, warum. Sie stand auf, mit dem ausgestreckten Arm machte sie eine weite Bewegung über das Land hin und sagte: «Ach ja», darin fasste sie alles zusammen, was unausgesprochen und wohl nie auszusprechen war, «unser Tal …»


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

Beitrag vom 16.01.2022

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