«Versöhnung» (5)

Claretta war hinter Barbara hervorgekommen und hatte schüchtern gegrüsst. Die beiden Alten betrachteten sie stumm und prüfend, so dass das Mädchen verlegen wurde und scheu den Kopf senkte. Hellbraune Löckchen fielen ihr an beiden Seiten über das Gesicht. «Sie ist gross geworden», fand Barbara, und Teresa fügte in anerkennendem Tone bei «und hübsch». 

Sie stiessen sich mit den Ellenbogen, grüssten und zogen das Mädchen mit sich fort, es sei Zeit. So wandelten sie, die Kleine hinter sich, zur Kirche hinunter, ohne sich umzusehen und ohne sich über das Getuschel der Leute aufzuhalten, als ob das immer so ihr Brauch gewesen wäre, zusammen zur Messe zu gehen. Die Leute wunderten sich. Am Vortag hatten alle viel Arbeit gehabt und waren bis abends spät auf ihren Feldern gewesen. Sie hatten wohl gehört, die Barbara habe ihrer Schwester beim Heuen geholfen; aber ob Teresa sie geholt oder ob die andere sich angetragen hatte, wusste man nicht. Jedenfalls sehe es so aus, als ob die Teresa verziehen hätte. 

Das hatte es noch nie gegeben, das bedeutete etwas. Aber erst der pompöse Kirchgang brachte es allen recht zum Bewusstsein, dass die beiden Feindinnen ausgesöhnt waren. Die Leute waren neugierig. Sie hätten gerne erfahren, warum der Friede geschlossen worden war, denn ohne Sinn versöhnt sich keiner im Dorf, darüber braucht man nicht zu reden. Und was nun gar Claretta dabei zu tun hatte?

Die Wiesen standen in voller Pracht. Es waren mehr Blumen als Gras zu sehen. Aus dieser bunten Überfülle leuchteten die Feuerlilien wie Blutstropfen und daneben flatterten die seidigen, kleinen Berglilien, von denen es heisst, sie säen nicht und sie ernten nicht, und der himmlische Vater erhalte sie trotzdem, wie weisse Fähnchen im Wind. Mit grossen Strichen mähte Amadeo Blumen und Gras zu Boden. Er mähte und mähte, nie hatte er so gemäht. Er sah nicht auf. Claretta hatte er kaum gegrüsst, als sie frühmorgens mit Barbara auf der Wiese angekommen war. Auch zu den beiden Alten war er einsilbig.

Teresa versuchte, wenn sie in seiner Nähe war, ein Gespräch in Gang zu bringen, Barbara machte spassige Bemerkungen, doch waren es nur die beiden Frauen, die darüber lachten. Die Jungen blieben ernst. Nachdem Claretta begriffen hatte, dass es Amadeo nicht freute, sie hier zu treffen, war sie traurig geworden. Sie versuchte ihre Arbeit möglichst weit weg von ihm zu verrichten, um ihn zu meiden. Es wunderte sie nicht, dass Amadeo sich unfreundlich zu ihr zeigte, so war sie es gewöhnt und nie war jemand anders zu ihr gewesen, nur die Patin. 

Aber die Teresa wunderte sich doch. Warum war der Junge heute so verändert? Vermutungen über Gespräche, die er mit seiner Mutter geführt haben mochte, liessen auch sie verstummen und so blieb sogar Barbara nichts übrig, als zu schweigen und Betrachtungen anzustellen, wie wenig ein Tag dem andern gleiche. So hatten sie bis über die Mittagszeit hinaus gearbeitet, als Teresa den Esskorb holte und Wein, Brot und Käse hinlegte. Sie rief zum Essen. 

Die Folgen des Weingenusses

Claretta tauchte hinter dem Hügel auf. Ihr Gesicht glänzte dunkelrot unter dem Hut. Sie setzte sich neben die Patin, die schon das Brot schnitt. Jetzt erschien auch Amadeo, die Sense auf der Schulter und den Hut tief übers Gesicht gezogen, dass davon nur sein junger, geschwellter Mund zu sehen war. Er warf sich neben Teresa auf den Boden und trank in einem Zug den Becher Wein, den sie ihm hinhielt. Das tat gut. Und noch einen. 

Dann ass er bedächtig sein Brot mit dem Käse. Sonst war das Essen Anlass zu Spässen und Lachen. Heute blieben alle vierstumm und still, nur Barbara seufzte etwa gelangweilt auf, wie ein Huhn gluckst, das merkt, es werde bald ein Ei zu legen haben. Das Mädchen hielt die Augen gesenkt und schob kleine Stücklein Brot langsam in den Mund. Teresa war schlechter Laune, sie fand, die Arbeit gehe zu wenig schnell vor sich … für so viele Leute, die alle essen wollten … Am Ende wäre sie besser allein gefahren. Sie rechnete, sie überschlug und kaute dazu mahlend mit ihren leeren Kiefern. 

Der Junge lehnte sich auf seinen Ellenbogen zurück und blinzelte nach den Bergen. Würde es ein Gewitter geben? Wenn der Himmel am frühen Morgen so klar und wolkenlos ist, wie er heute war, ist es immer möglich, dass gegen Abend ein Unwetter kommt. Aber der Himmel wölbte sich immer noch blau und glänzend über dem Tal, die Luft war so trocken und heiss, dass sie über dem Erdboden flimmerte. Zuweilen hob ein Luftzug den schweren Duft der gedörrten Blumen und verwehte ihn über die Wiese. Die Heuschrecken zirpten unmässig. Weit oben im Blau flog ein Habicht, fast ohne Flügelschläge, in lässigen Kreisen.

Amadeo fühlte seine Schwere gegen die warme, bröckelige Erde. Noch nie war er so schwer gewesen. Seine Arme, seine Beine so schwer. Sein Kopf, der hinten über fallen wollte, sich ins Heu legen, tief hinein, so schwer. Schwer seine Augenlider, die sich über seine Augen senkten wie ein roter Vorhang, roter Vorhang mit seltsamen Zeichnungen darin, bläulichen Blumen und gelben Funken. Seine Hand, die er bis jetzt noch gar nie richtig angesehen hatte, so schwer … diese grosse, harte Hand, fast grünbraun und heiss gegen die Lippen, die er daran rieb, um sich den Mund zu wischen. 

Er sank, den Kopf auf dem Arm, seitlich in die Stoppeln, den Hut über dem Gesicht. Durch das Strohgeflecht tanzten Sonnenstrahlen wie kleine Lichter, es roch vertraut und angenehm vom eigenen Haar, und wenn er den Rand des Hutes etwas lüftete – es gelang ihm durch das Heben der Augenbrauen–, sah er die weiten Röcke der drei sitzenden Frauen hinter ihnen sich runden. Geheimnisvolle Falten … Da waren die schwarzen, dürftigen der Teresa, daneben die weiss und roten, vollen, reich ausladenden der Barbara, und zuletzt, sittsam geordnet, die weich gerundeten Clarettas. 

Er guckte angestrengt hin, sein Kopf war dunstig, das Blut sauste in seinen Ohren und seine Wangen brannten … Das ist der Wein, sagte er sich, die Mutter hat gesagt, ich solle den Wein lassen. Der Wein war es, der so schwer machte, so verwirrt. Mühsam drehte er sich um und richtete sich auf. Als sie ihn steif und stoberen Blickes auftauchen sahen, wie aus einer unteren Welt, lachten die Alten auf, doch Teresa hatte rasch begriffen, wie es um ihn stand. Sie fürchtete, wenn man ihn jetzt sitzen lasse, könnte er nicht mehr aufstehen wollen, und wie sollten sie fertig werden ohne ihn? 

Zwischen Hoffen und Bangen

So gab sie das Zeichen zur Arbeit. Nach Stunden war das Heu in grosse Haufen zusammengetragen. Die Hotten wurden geholt und sorgfältig, Armvoll um Armvoll, gestopft. Claretta, die ihren Eifer beweisen wollte, kniete zuerst hin, um sich eine Last auf den Rücken heben zu lassen. Sie stand langsam auf. Ihre Beine zitterten ein wenig. Mit kurzen Schritten, den Blick auf den unebenen Boden geheftet, ging sie an Teresa und Amadeo vorbei, die Wiesen hinan zur Straße, wo sie, an eine Mauer gelehnt, ausruhte, bevor sie weiterwanderte bis zum Heustock, der in einer schmalen Gasse lag und seine Tore im Schatten öffnete. 

Mit beiden Händen zog sie sich in den höher gelegenen Raum hinauf, warf sich aufs Heu, das dort schon in Haufen lag, und schlüpfte aus den Tragriemen. Sie wagte nicht, hier lange im Schatten zu verweilen. Schnell leerte sie die Hotte und sprang damit den Weg hinunter, auf dem eben Amadeo, mit einer hohen Last beladen, langsam heraufkam. Sie gingen stumm aneinander vorbei. Auf der Wiese wartete schon eine gefüllte Hotte auf Claretta. Sie neigte sich und empfing sie auf die Schultern. 

Geduldig, Schritt für Schritt, stieg sie zur Strasse hinauf und lehnte sich dort an das Mäuerchen, bis der Atem ruhiger ging. Da kam von oben Amadeo zurück. Sofort machte sie sich auf den Weg, er sollte sie nicht müssig sehen. Im Vorbeigehen spähte sie unter ihrem Hut hervor. Hatte er sie nun angesehen, oder war sein Blick zufällig über ihr Gesicht gestreift? Darüber musste sie nachdenken, bis sie beim Heustock angelangt war und sich in seinen Schatten hinaufgezogen hatte. 

Die Kühle umfing sie plötzlich nach dem heissen Gang so angenehm, dass sie sich rücklings ins Heu legte und beide Arme von sich warf. Wie schade, dass sie hier nicht bleiben konnte. Sie federte auf dem Heubett auf und ab, bevor sie sich entschloss, aufzustehen und an die Arbeit zu gehen. Kaum war sie aus dem Heustock gestiegen, kam Amadeo mit seiner Heutracht dort an. Sie freute sich, ihn zu treffen, doch fühlte sie einen Vorwurf, als ob sie zu lange im Schatten geblieben wäre, und flink rannte sie davon, die Strasse hinab, der Wiese zu, wo die Frauen ausruhend neben den vollgepackten Hotten sassen.

Barbara stand auf und half Claretta die neue Last aufladen. Sie richtete ihr die Tragriemen so, dass sie weniger einschnitten, und ermahnte sie, nicht zu schnell zu gehen, sie komme sonst in Hitze. Claretta war eben am Rand der Wiese angelangt und schwenkte in die Dorfstraße ein, als Amadeo, von oben kommend, vor ihr stand. Sie war ein wenig erschrocken und hatte auch Lust zu lachen, aber das schickte sich nicht und sie betrachtete den Boden, damit er nichts merke. Sie wollte an ihm vorbeigleiten, doch er versperrte ihr den Weg. Nachdem er einen raschen Blick auf die Frauen geworfen hatte, die gemächlich Heu zusammenrechten, sagte er ihr, sie solle nicht so hasten, er komme gleich nach und werde ihr dann beim Abladen helfen. 


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

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