«Versöhnung» (4)

Und Teresa starb nicht. Sie erholte sich sogar rasch. Der geheime Zorn auf die Maria verhalf ihr zu einem neuen Lebenszweck. Sie war zuinnerst erbost über die Schwester, die ihr den Tod gewünscht hatte. Dass dem so sei, darüber bestand für sie kein Zweifel. Nichts konnte sie von dieser Gewissheit abbringen. 

Vielleicht mochte sie wirklich recht haben mit ihrer Vermutung, gehörten sie ja ein und derselben Familie an, und die noch so verborgenen Gedanken und Wünsche ihrer Schwestern lagen wohl deswegen so aufgedeckt vor ihr, weil es ihre eigenen waren. 

Nun, die Entrüstung schenkte ihr neue Kraft, und im Frühjahr, als die Arbeiten draussen begannen, sahen die Leute mit Staunen, wie sie ihren Kartoffelacker allein bestellte, den Mist trug und die übrigen Geschäfte nachholte, die während ihrer Krankheit liegengeblieben waren. «Sie ist zäh wie der Kuckuck», meinten sie bewundernd, «da muss schon einmal der Rechte kommen, sie zu holen, anders geht es nicht.»

Und doch war ihr eine Müdigkeit in den Gliedern geblieben. Sie klagte es der Sciora, als diese im Frühling wieder ins Haus zog, sie mache sich Sorgen, wie sie dieses Jahr das Heu allein werde einbringen können. Die Sciora riet, einen Taglöhner zu nehmen, aber die Alte wehrte sich, dafür habe sie kein Geld, immer seien die Leute durstig und hungrig, und was ein rechtes Tagwerk sei, davon hätten sie keine Ahnung. Sie werde es allein machen müssen, und wenn sie darob zusammenbrechen sollte. 

Als die Zeit zum Mähen näher rückte, wurde sie unruhig und fing an zu jammern, sie könne vor Sorgen um die Arbeit nicht mehr schlafen, immer müsse sie an ihr Heu denken, und wenn sie lange daran gedacht habe, so müsse sie an andere traurige Dinge denken, deren es ja genug in ihrem Leben gebe, nichts als Trauriges komme ihr dann in den Sinn … 

Die Sciora schlug nochmals diesen oder jenen Burschen vor, der sicher gerne etwas verdienen würde, aber die Alte machte ein böses Gesicht. Sie biss ihre zahnlosen Kiefer so zusammen, dass ihre Lippen unter der Nase ganz verschwanden. «Wenn es anderen nicht zu viel Freude bereiten würde, mir wäre am wohlsten drunten», sagte sie als Antwort und wies mit dem Kopf in der Richtung der Kirche, unter welcher der Friedhof in der Sonne schlief.

Als die Zeit da war, begann die Teresa zu mähen. Die ersten Tage ging es nicht schlecht. Sie rutschte ihren Hängen nach und sichelte das hohe Gras. Doch als es trocken war und eingetragen werden sollte, da fing die Pein für sie an. Die Sciora sah von ihrem Garten aus, wie sie mehrere Male ansetzen musste, bis sie mit der hochgeladenen Hotte aufrecht dastand, und wie langsam sie damit die Dorfstrasse hinaufwankte, um die Ecke trippelte und die Steintreppe hinauf, bis vor die hochgelegene Türe ihres Heustockes. Dort setzte sie sich auf die Stufen, Atem zu schöpfen, denn um sich mit der Last durch diese Türe hineinzuschwingen, musste sie alle Kraft sammeln. Mit lautem Stöhnen zog sie sich in den dunklen Raum und lange sah man sie nicht hervorkommen.

Es war quälend mit anzusehen, und die Sciora überlegte, was zu tun wäre, um jemanden zu bewegen, der Alten die Arbeit abzunehmen – fast musste man eine List ersinnen –, als sie am folgenden Morgen auf der Wiese einen langen, jungen Mann stehen sah, der sorgfältig seine Sense wetzte, sie dann ins Gras legte und mit grossen Zügen mähte, so dass eine Schwade Gras schön neben die andere zu liegen kam. Es war eine Kunst, auf dem buckligen Boden zu mähen, und die meisten mähten darum mit der Sichel. Dieser junge Mensch aber verstand es. In gleichmässigem Takt zog die Sense durchs Gras, dass es rauschte. Man konnte nicht genug zuschauen.

Der fleissige Sohn der Schwester

Hinter dem Hang tauchte Teresas Hut auf. Sie verzettelte dort das gemähte Gras. Als sie den Kopf hob, bemerkte sie die Sciora, nickte ihr zu und lachte über das ganze Gesicht. Sie zeigte auf den Burschen und dann gegen die Felsen hin, die sich oberhalb des Nachbardorfes türmten, wo der kleine Hof der letzten Schwester stand. Also war das der Sohn. Die Sciora nickte zurück, sie habe verstanden. Bald war sie unten auf der Wiese und hörte zu, was Teresa zu schwatzen wusste: Der Schwestersohn – sie blinzelte vielsagend – sei heute Morgen um vier Uhr gekommen, ihr um Gotteswillen mit dem Gras zu helfen. Sie habe gedacht, man könne ja probieren, sie könne ihn immer wieder fortschicken, wenn er sei wie die Hiesigen. 

«Aber nun, Sciora, haben Sie gesehen, wie er mäht? Haben Sie seine Arme gesehen und diese Beine?» Bewundernd mass sie ihn. «Und welcher Fleiss! Er schaut nicht auf. Und so bescheiden. Nur Kaffee will er … aber er soll es bei mir nicht schlecht haben. Zu Mittag bekommt er Wein.» Die Frauen gingen ein paar Schritte auf den jungen Mann zu, der mit der Sense im Gras stehengeblieben war und sich erst aufrichtete und grüsste, als Teresa sagte, das sei die Sciora, die sich freue, dass er ihr helfe. Die Sciora sagte ein paar rühmende Worte, aber er blieb stumm und sah sie nur mit grossen, ruhigen Augen an. Dann nahm er die Arbeit wieder auf. «Er ist anders als die andern», entschuldigte ihn die Teresa. 

Er war anders, das fand auch die Sciora, aber was war anders an ihm? Er war nicht hübscher, es gab Schönere im Dorf. Sein Gesicht war etwas flach und der Mund zu breit. Was als ungewöhnlich an ihm auffiel, war sein ernsthaft-kindlicher Ausdruck, der wohl zu Recht vermuten liess, der junge Mensch wisse wenig von sich. Als ob er sich nie erblickt hätte, weder in einem Spiegel noch in einem anderen Menschen, kam es der Sciora vor. «Er ist noch so dumm», kicherte die Teresa, «und von den Mädchen mag er nicht sprechen, er geht mit keiner.» 

«Ich glaube es», erwiderte nachdenklich die Sciora, «welche würde auch zu ihm passen?» «Da müsste man schon sagen, welche würde seiner Mutter passen», verbesserte die Alte, «denn sie wird bestimmen, wen er zu heiraten hat. Und es wird nur eine Reiche sein, und selbst wenn sie bloss ein Auge haben sollte.» «Schon wieder bös reden?», gab die Sciora zurück. Hier erinnerte sich Teresa an ihren letzten Streit, und rasch sprang sie in die alte Spur. «Sehen Sie jetzt, dass ich recht hatte?», rief sie voller Genugtuung, «jetzt haben sie mir den Jungen geschickt, damit er mir gefalle und ich den Narren an ihm fresse und ihn als Erben einsetze. Sie nehmen an, lange werde ich es doch nicht mehr machen. Was meinen Sie, ob sie mir den Sohn sonst leihen würden, jetzt, wo auch sie alle Händevoll zu tun haben? Nein, nein, sie haben einen Plan mit mir …aber sie verrechnen sich, eher habe ich einen Plan mit ihnen.»

Sie warf einen sonderbaren Blick auf den Jungen, der sich, ohne sich um die Frauen zu kümmern, weiter mühte. Sie wird doch nichts im Schilde führen gegen den einfältigen Menschen, fuhr es der Sciora durch den Sinn. Doch nein, Teresa war viel zu froh über die unerwartete Hilfe, als dass sie heute ihren bösen Gedanken hätte nachhängen mögen. Sie hatte auch keine Zeit dazu, denn, wollte sie nicht hinter dem Burschen zurück bleiben, so durfte sie keine Minute verlieren. 

Er mähte vor sich hin, ohne länger anzuhalten, als das Wetzen der Sense verlangte, und sie ging mit der Heugabel emsig hinter ihm drein. So rückte die Arbeit. Als die Mittagsglocke läutete, war ein guter Teil der Wiese abgemäht und das Gras trocknete duftend an der Sonne. Teresa hatte den Esskorb aus dem Hause geholt und ausgepackt. Man hörte sie plaudern und lachen, und auch der Junge wurde gesprächiger. 

Doch machte er keine lange Pause, das Heu musste gewendet werden und er wollte es vor Sonnenuntergang eintragen. So arbeitete er unermüdlich bis am späten Abend. Als das Heu unter Dach war, stiegen die beiden in Teresas Küche hinauf, wo sie lange herumhantierten, denn entgegen ihrer sparsamen Gewohnheit hatte sie Feuer angefacht, um zu kochen. Ein dünner Rauch stieg aus dem Kamin in die klare Luft und es roch nach Polenta. Um dem Neffen, Amadeo, den langen Weg zu ersparen, wollte sie ihn über Nacht dabehalten, seine Mutter hatte es ihm im Voraus erlaubt, und sie schlug ein altes Feldbett für ihn auf. 

Nachdem alles geordnet war, setzten sie sich an das offene Fenster, und bis tief in die Nacht hinein hörte man siezusammen reden. Teresa neckte und hänselte ihn, oft lachte sie dazu aus vollem Halse. Er erwiderte mit seiner tiefen Stimme, die wie aus einem Brunnen tönte. Das Sprechen machte ihm Mühe, er brauchte Zeit, seine Worte zu finden. Aber die Alte hatte wohl nach und nach alles aus ihm herausgeholt, was sie wissen wollte, es wurde still.

Amadeos Veränderung

Am nächsten Tag ging die Arbeit weiter. Vom frühen Morgen an waren Teresa und Amadeo auf der Wiese, und wenn sie heute auch mehr sprachen und sich länger aufhielten, so kamen sie doch gut vorwärts. Die Arbeit eilte auch, denn Amadeo wollte vor dem Abend nach Hause gehen, um den Sonntag mit seinen Eltern zu verbringen. Doch versprach er, am Montag wieder zu kommen.

Zum Mittagessen kehrten sie in den Palazzo zurück, der Junge könne nicht nur Brot essen, er müsse etwas Warmes haben, eine Suppe täte gut. Zu der Sciora, die sich nach dem Gang der Arbeit erkundigte, meinte sie, überschlagend, bis Montagabend könnte die grosse Wiese fertig sein, wenn der Herr Pfarrer erlaube, dass morgen, am Sonntag, gearbeitet werde … und wenn ihre Schwester Barbara ein wenig helfen wolle.

Die Sciora hörte mit Verwunderung den Namen der Barbara fallen, doch verstand sie an Teresas Miene, dass jetzt nicht gefragt werden dürfe. Sie versuchte, über die Frage, die ihr auf der Zunge brannte, hinwegzukommen, indem sie sich zu Amadeo kehrte, um ihm etwas Freundliches zu sagen. Doch da erstaunte sie noch mehr. Sie fand ihn ganz verändert. Er schien ihr grösser geworden, älter. Vor allem befremdete sein Blick, der ihr gestern durch Ruhe und Klarheit aufgefallen war und der heute schwer und dunkel aus übergrossen Augen kam. 

Sie spürte überrascht, dass er ein Mann war. Wie seltsam, sie hatte ihn nicht richtig gesehen. Die Teresa, rasch, wie es ihrer Art entsprach, nahm die Befremdung der Sciora wahr und sagte erklärend: «Er hat nicht geschlafen. Wenn ich nicht schlafe, ist das nichts Besonderes, aber wenn ein junger Mann nicht schläft …» Amadeo wurde verlegen. Er schritt langsam dem Hause zu. «Er hat Zahnweh», meckerte die Teresa, «er sass die ganze Nacht am Fenster und äugte nach den Sternen.» «Dann wird er wohl verliebt sein», meinte die Sciora, «Zahnweh macht nicht so romantisch.» 

«Da haben Sie es wieder getroffen», flüsterte die Alte. «Er hat es mir gestern Abend gestanden. Er ist verliebt, aber wie … Sciora … und er wagt es nicht seiner Mutter zu sagen, denn, denken Sie, wie kurios – er hat es mir nicht verraten, aber ich habe es gleich herausgefunden, es ist die Tochter der Zoe, von der es heisst, sie sei eine Hexe, die dort unten in dem verrufenen Hause allein mit dem Mädchen wohnt und so arm ist, dass sie … Wird meine Schwester Augen machen, wenn sie davon hören sollte!»

«Claretta?», fragte die Sciora ungläubig – sie kannte das stille Kind – und wies mit der Hand in der Richtung von Barbaras Haus. «Ja, Claretta, das Patenkind der Barbara. Wer denn sonst als sie hätte dort Patin sein wollen, die alte Närrin?», und ging dem Jungen nach, die Treppe hinauf. Hätte man sich nun wundern sollen, dass am Nachmittag die Barbara in ihren weiten Röcken umständlich auf der Wiese erschien und sich anschickte, neben der Teresa das Heu zu wenden. Es ging dort bald lustig zu. Barbara, die keinen grossen Arbeitseifer hatte, wusste vieles zu erzählen und tat es auf ihre Art so lebhaft, dass auch der Junge darüber die Arbeit vergass. 

Er stand vor ihr und verlor kein Wort. Das wiederum spornte Barbara an, die sich nichts Besseres wusste, als ein dankbares Publikum. Sie kam in Schwung. Mit grossen Gebärden brachte sie ihre Geschichten vor, ahmte die Stimmen der handelnden Personennach, drehte sich hin und her, dass es aussah wie der Tanz eines Truthahnes. Teresa selbst konnte ihrer Kunst nicht widerstehen. Sie setzte sich auf den abgemähten Boden, schaute ihr zu, der Närrin, und stimmte in das Gelächter des Burschen ein. Nun konnte Barbara sich stolz sagen, sie habe die Partie gewonnen.

Aufseufzend setzte sie sich neben Teresa hin, und nun waren es die beiden Alten, die belustigt verfolgten, wie der vor ihnen stehende Amadeo aus sich herausging. Er erzählte laut einen Witz, den er einst gehört und im Geheimen in sich aufbewahrt hatte. Er musste frech sein, die Alten kreischten und versteckten ihre Gesichter in ihren Schürzen. Dieser Erfolg berauschte ihn. Über sich selbst verwundert, so viel Verbotenes zu wissen, gab er nach und nach alles preis, was er in der Nähe seiner frommen Mutter in sich verschlossen hatte, und ein heftiger Stolz durchzuckte ihn, als die Teresa den Finger hob und sagte: «Amadeo, wo hast du das her?» Er reckte sich wie ein junger Hahn, der das Krähen lernt.

Claretta, Barbaras Patenkind

An diesem Sonntag hatte sich Barbara besonders geputzt, um zur Messe zu gehen. Sie trug das schwarze Tuchkleid, das sie an hohen Festtagen anzog. Unter den weiten, enggefältelten Röcken sahen die vielen Unterröcke mit den breiten Säumen hervor, die ihr Stolz waren. Das Spitzentuch war von einer grossen, goldenen Brosche gehalten, die zwei ineinander geschlungene Hände darstellte. Wie sie so aus ihrer Haustüre trat, stolz um sich blickte, den Saum des Kleides vorn ein wenig hob, um nicht zu stolpern – wenn es nicht war, um ihre hübschen Füsse zu zeigen –, wie sie die runden Arme vom Leib abhielt und sich langsam und wiegend in Bewegung setzte, die Stufen des Gässchens hinunter, musste ein jeder denken, diese Frau sei zu Höherem bestimmt gewesen. 

Sah sie nicht fast aus wie die Mutter der Heiligen Jungfrau selbst auf dem Bilde, das in der Kirche hing? Man blickte gerne nach ihr, und die alten Männer mochten sich sagen: diese Barbara! Aber heute war es nicht nur ihre eigene auffallende Gestalt, die ihr die Blicke eintrug, es war ebenso sehr die zierliche Schönheit des schmalen, jungen Dinges, das sittsam hinter ihr herging und das Gebetbuch trug. Es war Claretta, ihr Patenkind, die Tochter jener einsamen Frau, die zwischen den letzten Tobeln in einem verfallenen Hause mit dem Kind wohnte und von welcher die Rede ging, sie sei eine Hexe. 

Warum sie eine Hexe sei und was ihr als Hexe zur Last gelegt wurde, war nicht zu erfahren. Sie war eben eine Hexe, und daran war nicht zu rütteln. Niemand wollte mit ihr zu tun haben, es seien dann etwa Männer, und auch die nur im Geheimen … Es galt als Unehre, in der Nähe ihres Hauses zu später Stunde angetroffen zu werden … Dass die Tochter ein so hübsches Mädchen war, konnte ihr nicht helfen, im Gegenteil, wie kam sie zu diesem schönen Kind? Und es würde wohl nicht viel besser und anders werden als die Mutter. Woher und wozu hat ein Menschenkind solch honigbraune Augen, solch lange, schwarze Wimpern und eine so helle Haut ohne ein Fleckchen darin? 

In der Schule waren die andern Kinder von Claretta abgerückt. Der Lehrer hatte immer wieder Ordnung schaffen müssen, denn das gute und gescheite Kind tat ihm leid, aber es half nicht viel. Bald sass Claretta wieder allein an dem einen Ende der Bank, und die andern Kinder zusammengerückt am andern. Auch während der Freistunden stand Claretta allein in einer Ecke des Dorfplatzes, der als Spielplatz dient, die Hände unter der Schürze versteckt, und schaute zu, wie die andern Kinder herumtollten und lärmten. Es wäre ihr nicht in den Sinn gekommen, mitzuspielen. Kaum dass ein Lächeln auf ihrem Gesicht anzeigte, dass sie Anteil nahm. 

Auf dem Schulweg musste sie viel ausstehen. Die Buben vor allem, die den gleichen Weg hatten, hörten nicht auf zu spotten und zu hänseln. Wenn sich einer besonders auszeichnen wollte, riss er an ihren langen Zöpfen oderstellte ihr ein Bein, damit sie darüber falle. Doch sie war geschickt. Sie glitt still, mit gesenkten Augen, den Rücken gegen die schützende Bergwand gekehrt, wie ein Schatten davon. Oft wartete sie lange hinter einem Baum, bis die Buben, müde oder von anderem Spiel abgelenkt, sie vergessen hatten und rannte dann pfeilschnellnach Hause. Am schlimmsten war es nach dem Katechismusunterricht. 

Da war ein solcher Drang, Übles zu tun, in den Kindern, ihre Freude am Verbotenen war so heftig, die Sucht, sich nach dem langen Stillsitzen auszutoben, so wild, dass Claretta schon den ganzen Tag vor dem Heimweg bangte. Sie machte sich so schmal sie konnte, zog ihr Tuch weit ins Gesicht hinunter und huschte davon, in der Hoffnung, flinker zu sein als die Knaben und ihnen zu entkommen. Oft gelang es ihr, doch öfter noch waren sie ihr nachgeeilt und hatten sie, gleich nach den letzten Häusern des Dorfes, wenn sie niemand mehr hören konnte, mit Schnee eingerieben, bis sie blutete, oder unter fallendes Wasser gehalten, sie zu durchnässen. 

Alle waren gleich grausam. Es war nur einer unter den Buben, ein stiller, langer Junge, scheu fast wie sie selbst, der nicht mithalf, ja, der sich sogar für sie wehrte, sie hatte es gut bemerkt. Er hiess Amadeo. Es war der schönste Name, den sie sich denken konnte. Er kam nur zum Katechismusunterricht, zur Schule war er ins untere Dorf gegangen, wo die Kinder gesitteter sind, und jetzt blieb er schon zu Hause, um seinen Eltern zu helfen.

Als auch Claretta ihre Schulzeit abgesessen hatte, traf man sie kaum mehr im Dorf. Sie arbeitete für ihre Mutter in den mageren Wiesen und Äckerchen, die zu dem Haus gehörten, hütete die paar Ziegen, wusch die zerrissenen Kleider und flickte sie, so gut sie es in der Arbeitsschule gelernt hatte. Sie brachte es fertig, nett und sauber auszusehen.

So fiel sie auch an diesem Sonntag auf, wenn sie schon nur ein altmodisches, ausgewaschenes Kleid trug und den Strohhut ihrer Grossmutter. Sie ging hinter Barbara her mit niedergeschlagenen Augen, wie sie stets ging, um niemanden zu erblicken, und wohl in der Meinung, sie selbst sei dann weniger sichtbar.

Die beiden blieben vor dem Palazzo stehen, Claretta eng an die Patin gedrückt, um ja keinen Platz auf der engen Gasse einzunehmen. Barbara läutete und trat in den Garten, wo Teresa auf sie gewartet hatte. Die Begrüssung war umständlich und dem Kleideraufwand gemäss etwas feierlich, denn auch Teresa hatte sich schön gemacht. Sie wollten zusammen zur Messe gehen, erklärte sie der Sciora, die hinter den Phloxstauden hervorkam.

Der Herr Pfarrer habe erlaubt, man dürfe heute auf den Wiesen arbeiten, weil das Wetter so günstig sei zum Heuen und man nicht wisse, wann es umschlage, und da müsse man sich dankbar erweisen. Das Kind werde ihnen heute helfen, vielleicht auch morgen, damit man endlich fertig werde mit der grossen Wiese.


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

Beitrag vom 02.01.2022

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