«Versöhnung» (3)

Mit finsterem Gesicht kam Theresa zurück. Sie hatte festgestellt, dass Holz fehle. Diese Niedertracht! Und bis sie den langen Weg ins Dorf zurückgelegt hatte, war aus den paar Ästen ein Klafter geworden. Sie hielt ihre Hand aufs Herz gepresst und ihr Atem ging keuchend, als sie schnurstracks im Häuschen der Barbara verschwand.

Diese war zum Glück nicht allein – was Teresa zu sagen hatte, sollten alle hören – und so goss sie über die Ahnungslose einen Schwall der heftigsten Worte, untermischt von jammernden Ausrufen: «Und ich nehme mich ihrer an … ich pflege sie, ich dummes Tier, ich versäume meine Arbeit um eine solche …» Während sie sich so ereiferte, überlegte sie, was jetzt das beste Verhalten sein dürfte, ob sie langsam einlenken und verzeihen solle, denn sie hatte sich gerade daran gewöhnt, mit der Schwester in Frieden zu leben … aber wie sähe das vor den andern aus, verzeihen? Sie, die Teresa, verzeihen, schwach werden und verzeihen?

Das passte sich nicht. Also nur vorwärts. Es gab nichts anderes, als die Türe hinter sich mit Lärm zuzuschlagen und nie mehr herzukommen. Mochte die schlechte Person sehen, wer sie pflegen würde. Jetzt, wo sie sich entschlossen hatte zu zürnen, ergab sie sich ganz dem Groll gegen die Schwester. Sie verbohrte sich in das Unrecht, das ihr geschehen war. Seit längerer Zeit schon hatte sie die Überzeugung, jemand nehme ihr von ihrem Besitz weg.

Bald fehlte ihr Heu … oder es fehlten ihr, was viel schlimmer war, Kartoffeln. Sie hütete sie wie einen Schatz. Das Tor zum Speicher war mit einem grossen Malschloss verschlossen. Sie wechselte das Schloss, denn irgend ein Schlimmer musste einen zweiten Schlüssel dazu besitzen und sie nachts bestehlen. Aber es nützte nichts, ihre Kartoffeln schwanden, oder sie waren doch sicher gegen schlechtere umgetauscht worden, so klein und verhutzelt waren die Kartoffeln aus ihrem Acker nicht. Welcher Verlust! 

Was sie aber noch mehr schmerzte als der Verlust, war das Gefühl der Ohnmacht: Nie gelang es ihr, den Dieb zu erwischen. So genau sie zu wissen glaubte, wer der Missetäter sei, und so sorgfältig sie ihm Fallen stellte, alles war vergebens, er entschlüpfte ihr. Die Leute lachten sie aus, sie leide an Einbildungen, es gebe keine Diebe im Dorf, doch sie wusste es besser. Und jetzt sah man ja, wer recht hatte, jetzt war der Dieb erwischt worden: Barbara, ihre eigene Schwester. Wussten nicht alle im Dorf, warum sie in den Bach gestürzt war? 

Theresa ist nicht mehr die Alte

Sie triumphierte, aber den Verlust des Holzes, der sich in ihrer Vorstellung immer beträchtlicher ausnahm, verwand sie schwer. Niemals würde Barbara ihr all das Holz ersetzen, das sie ihr weggenommen hatte. Sie war mit dem Sindaco darüber ins Gespräch gekommen, ob sie die Schwester zwingen könnte, sie zu entschädigen, doch der hatte mit der Hand abgewunken und gesagt, wegen dieser Kleinigkeit, die nicht einmal bewiesen sei – Barbara leugne ja, dass sie von Teresas Holz weg getragen habe –, sei es lächerlich, ein Wort zu verlieren. Das konnte wohl der Sindaco sagen, der Holz hatte, so viel er brauchte, und Söhne, um es ihm ins Haus zu tragen. Aber sie, sie arme Frau! … 

Um doch etwas zu tun, wünschte sie ihrer Schwester ausführlich allerlei Schlimmes an, und so nahm der Friede zwischen den beiden Alten, über den sich alle schon gewundert hatten, ein jähes Ende. Teresa hatte sich durch diese Geschichte in eine feindliche Haltung nicht nur ihrer Schwester gegenüber hinreissen lassen, sondern gegen alle im Dorf, die sie auf Barbaras Seite vermutete, ja sogar gegen die Vorsehung, die ihr diesen Streich gespielt hatte. Denn war das nicht ein übler Streich? Sie war geschädigt worden, aber das war nicht alles, das war nicht einmal das Schlimmste: Sie war lächerlich gemacht worden. 

Wie stand sie da? Eben hatte sie ihrer Schwester Vertrauen und Anhänglichkeit bewiesen, dieser Schwester, die gegangen war, sie hinterrücks zu bestehlen. Sie würgte daran, dass sie, die Teresa, die doch alles merkte, alles wusste und viel gescheiter war als alle andern im Dorf, die Hinterlist der Schwester nicht beizeiten entdeckt hatte, so als ob diese Barbara schlauer wäre als sie. Das frass an ihr. Sie sprach mit niemandem mehr, geschweige denn mit der Schwester, der sie übrigens ihre Meinung ja ein für alle Mal gesagt hatte, der wüsten Person!

Darüber wurde Teresa eigenartiger, als sie schon war. Sie hatte sich nie gepflegt, aber nun ging sie unsauber einher. Ihr Haar stand in unordentlichen Zöpfchen um ihren Kopf herum – wie ein Krähennest, sagte sie selbst – und an ihrer Schürze fehlten die Knöpfe. Man hörte sie viel und angestrengt husten. Bei ihrer Arbeit hielt sie oft inne und atmete schwer. Die Lasten quälten sie, sie brauchte die doppelte Zeit, um sie unter Dach zu bringen.

Am Abend sah sie abgerissen und erschöpft aus. Jeder merkte es, die Teresa war nicht mehr die Alte. Sie war wohl krank, doch davon wollte sie nichts wissen. «Ich krank?», rief sie aus, «das wäre noch!» Aber einmal gestand sie der Köchin Marta, der Husten plage sie so, dass sie die Nächte aufrecht sitzend in ihrem Bett verbringe, was sie meine, ob sie einen Tee trinken sollte? Sie brühte sich verschiedene Kräuter an, aber es half nichts. Das Übel sass zu tief. 

Eines Tages konnte sie nicht mehr die Treppe hinaufgehen. Ächzend hielt sie sich an der Wand fest, schloss die Augen vor Schmerz und schüttelte zornig den Kopf. Vielleicht sollte man den Doktor holen, überlegte sie, aber sogleich wehrte sie ab: nein, nein, nicht den Doktor. Sie zwang sich, weiterzugehen. So ungewaschen, wie die andern Frauen es tun, sich dem Doktor zeigen, nein, das geht nicht … und sich waschen? Dazu war sie zu müde. Sie legte sich jedoch ins Bett, und als die Marta nach ihr schauen kam, gab sie zu, sie sei krank und liess sich pflegen.

Die letzte Schwester taucht auf

Wer würde sich aber der Alten annehmen, wenn die Sciora für den Winter in die Stadt zog und Teresa allein im Hause blieb? Wahrscheinlich müsste die Marta sich dazu bequemen, einmal im Tag zu kommen, um das Nötigste für sie zu verrichten. Es war sonst niemand im Dorf, der sich gerne oder freiwillig damit befasst hätte, denn alle scheuten die Teresa. Was Barbara betraf, so war sie wieder auf den Beinen und fetter denn je: Die Ruhe hatte ihr gutgetan, und sie hätte die Pflege wohl übernehmen können, doch daran war nicht zu denken. Da kam in den nächsten Tagen Marta eilig berichten, die letzte Schwester, die Maria, habe nach Teresa gefragt und steige nun in die Kammer hinauf. 

Weil sie gerne gewusst hätte, ob sich da jemand zur Pflege der Alten melde, ging ihr die Sciora nach. Sie traf vor der Kammertüre mit der ihr Unbekannten zusammen, die, in altmodischer Tracht, die knotigen Hände über dem Leib gefaltet, stand und wartete, ohne zu grüssen, bis die Sciora die Türe zu Teresas Kammer aufgemacht und hineingerufen hatte, es komme Besuch. Teresa hob sich ein wenig in ihrem Himmelbett und blickte nach der Türe, wo die dunkle Frau nach ein paar Schritten stehengeblieben war. Die beiden Schwestern schauten einander forschend an. 

Der Ausdruck in Teresas Gesicht blieb der Sciora unklar. War das Ärger oder Spott, Verwunderung bloss oder eine Art böser Freude? Sie wurde daraus nicht klug, doch schien ihr, Pfiffigkeit bleibe in Teresas Blick, und der Ton, mit dem sie die Schwester begrüsste: «Was treibt dich her?», war fast höhnisch. Die andere kam näher. Sie überflog rasch und prüfend Teresas Gesicht. Es stand nicht so schlimm mit ihr, wie die Leute redeten, verriet ihre Miene. Freundlich nickte sie der Sciora zu, wie um sie deswegen zu beglückwünschen, und sagte laut: «Der Mann schickt mich zu sehen, wie es dir gehe. Du wollest den Doktor nicht.» 

«Den Doktor brauche ich nicht», gab die Teresa zurück, «entweder stirbt man, oder man stirbt nicht.» «Ja, das steht allein bei Gott», fügte salbungsvoll die Schwester hinzu und setzte sich ans Bett. Die beiden begannen ein umständliches Gespräch über die Kartoffelernte, die zu Ende gegangen war, über die Kühe, die bald das Kalb werfen würden – Herr Martino besorgte die Kuh der Teresa, die Schwester hatte sich eingehend danach erkundigt –, über die schlechten Aussichten des Winters und anderes mehr, wobei die Sciora den Eindruck bekam, es handle sich eher um etwas, das nicht genannt werde, als um das Besprochene. 

Die beiden Frauen tasteten sich mit viel Kunst um etwas herum, das ihr dunkel blieb. Sie begriff, dass der Besuch anderen Zweck haben musste als denjenigen, der Teresa beizustehen, und so verabschiedete sie sich. Nach kurzer Zeit hörte sie die schweren Holzschuhe der Frau die Treppe herunter- und zur Tür hinaustappen; doch kam die Maria von da an öfters wieder. Sie brachte auch den Mann mit, einen alten, verkrümmten Bauern, dessen Gesicht nackt und flach zwischen zwei blassen Ohren und einem Büschel missfarbener Haare hing. Das Paar setzte sich in Teresas Kammer an den Kamin, betete, redete von diesem und jenem und ging bald fort, da sie bis zum Hofe drei Stunden zu gehen hatte. 

Weswegen die Leute kamen? Es lohnte sich doch kaum, bemerkte die Sciora einst zu Teresa. «Gewiss, es lohnt sich kaum», kicherte die Alte heiser. «Ist denn das nicht zum Lachen? Da lassen die dummen Leute ihre Arbeit im Stich, ziehen sich an wie zur Messe und kommen den weiten Weg hierher, nur um zu sehen, ob ich noch nicht gestorben bin. Sie meinen, ich sei so dumm und merke das nicht. Aber die Teresa ist schlau», verschmitzt sah sie die Sciora an, «sehr schlau!», und hielt ihren erhobenen Zeigefinger an die Nase. 

Die Sciora fühlte sich unangenehm berührt. «Ob das nun schön ist, immer das Böse zu denken?», schalt sie. «Die Sciora kennt meine Schwester nicht», begnügte sich Teresa zu sagen, dann schwieg sie. Also konnte die Sciora gehen und sie hatte Lust dazu. Sie stand auf und tat ein paar Schritte bis zum Küchenschrank, wo in Reih’ und Glied Teller und Tassen aufgestellt waren, welche die Teresa nicht benutzte, sie waren zu schön. Sprüche und Wünsche schmückten sie: zum Andenken, der guten Schwester, dem teuren Patenkind, es lebe die Freundschaft, es lebe die Liebe. 

Hoffnung auf das Erbe

«Sie denkt nur an ihren Sohn», kam die Stimme aus dem Himmelbett. «Seit sie ihn hat – er ist so spät gekommen, sie war am Verzweifeln, alle Wallfahrten hatten nichts genützt, erst die Madonna del Re hat geholfen, und dann ist sie erst noch bei der Geburt fast mitsamt dem Kind umgekommen – seither ist sie wie verrückt. Es gibt für sie nichts mehr auf der Welt als den Sohn. Für ihn erträgt sie das harte Leben dort oben, arbeitet und schuftet und kratzt jeden Rappen zusammen, denn er soll reich sein, soll alles haben, nichts ist zu viel für ihn …»

«Nun», fiel die Sciora hier ein und drehte sich um, «so liebt sie eben diesen Sohn über alles und dagegen ist doch nichts zusagen?» Teresa krächzte: «Lieben, gewiss, das ist in Ordnung, aber sie plagt ihn ja. Er mag jetzt siebzehn Jahre alt sein, ein junger Mann, aber sie hält ihn wie einen Kleinen, nirgends darf er alleinhin, sie überlässt ihm keinen Franken, bei allem muss er die Mutter fragen, es ist lächerlich.»

«Mit der Teresa ist schwer streiten», wollte die Sciora dieses Gespräch beenden, «auf alles hat sie eine Antwort, und wenn es auch nicht immer die richtige ist.» «Ich kenne meine Leute», liess die Alte nicht locker, «ich weiss, was sie denken, was sie wünschen. Sie können vor mir nichts verstecken. Als ob ich dabei gewesen wäre, kann ich sagen, was sie miteinander reden: Sie ist alt, die Teresa, sagen sie, alt und krank, der Husten plagt sie arg, er tut ihr weh, er sitzt tief innen in der Brust und drückt auf ihr Herz. Das Herz kann es nicht mehr lange aushalten, es wird ersticken. Was geschieht dann mit ihrem Hab und Gut? Warum sollte nicht der Junge alles bekommen?

Mit der Barbara, der alten Närrin, die ihr das Holz stahl, ist sie für immer verfeindet, schon um ihr nichts zu lassen, könnte es sein, dass sie an unsern Jungen denkt. Sie ist allein, verlassen, niemand kümmert sich um sie, alle hassen sie … Jetzt ist die richtige Zeit … Und darum kommen sie her und tun mir schön, bringen mal ein Kraut, mal ein wenig Honig, sitzen am Kamin und sprechen von der Madonna del Re, die helfe, und was sie sonst noch ersinnen, um mich zu fangen. Aber ich lasse mich nicht fangen.»

Sie stützte sich auf ihren Ellenbogen und ihre kleinen Elefantenaugen sahen die Sciora so eindringlich an, dass diese begriff, wie tief das Verhalten ihrer letzten Schwester die Alte verletzt haben musste. «Was … was meinen Sie, Sciora», fuhr Teresa erregt fort, «was das ist, auf den Tod eines Menschen warten, wie diese auf den meinen warten? Das heisst doch, ihm das Leben vergönnen, und ob das nun nicht viel schlimmer ist, als was die Barbara, die alte Närrin, mir angetan hat, als sie mir mein Holz nicht gönnte?» Sie liess sich in die Kissen zurücksinken. «Aber ich sterbe noch nicht», sagte sie ruhiger. 


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

Beitrag vom 26.12.2021

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