«Versöhnung» (2)

Dass trotz dieser Einsicht der Teresa Barbara fröhlich weiterlebte, ohne Missgunst des Schicksals, ja, fast ohne Verlust ihrer Schönheit, welche der tiefste, vergrabenste Grund von Teresas Hass gegen die Schwester war, das konnte Teresa nicht verwinden.

Und wie stattlich sah Barbara noch aus! Stolz trug sie ihren Leib, vorn und hinten rund ausgepolstert, auf den dicken Säulen ihrer Beine, die fetten Arme wie Henkel einer Vase in schönem Bogen in die Hüften gestemmt. Auf ihrem Hals stand frei der schmale Kopf mit den edlen Zügen, die Augenbrauen in hohem Bogen über die grossen Kuhaugen geschwungen und beschattet von stets sauber geringelten Löckchen. Nie zeigte sich Barbara anders als schmuck und sauber. 

Ja, sie war vielleicht etwas zu sehr geputzt, man lachte sie deswegen im Dorfe aus. Es hiess, wenn man Glück habe, könne man in ihrem Hause Drolliges sehen. Einer wollte sie einst dabei überrascht haben, wie sie in ihrer Küche auf niederem Stühlchen sass, den kleinen Spiegel vor sich auf dem Boden, und ihrem Spiegelbild zunickte. Sie habe die Hand auf den Busen gedrückt und zärtlich die Augen geschlossen wie in grossem Glück, sie habe geseufzt und gekichert, leise mit sich gesprochen und sich süsse Namen gegeben. 

Andere wollten noch andere Dinge bei Barbara erlauscht haben, aber das werden wohl böse Zungen sein. Jedenfalls war Barbara mit sich zufrieden und darum auch mit der Welt. Selbst gegen Teresa hätte sie mit den Jahren von sich aus nicht viel Hass aufgebracht, wenn der nie verlöschende Neid jener sie nicht immer wieder an die Feindschaft erinnert hätte. Ja, es genügte oft, dass Teresa ein freundliches Wort sprach, um Barbara zu dem zu bewegen, was sie für gut hielt. Teresa wusste das und lachte über Barbara, die alte Närrin, aber es war ihr nicht unangenehm, diese Macht über die Schwester zu besitzen. Man konnte nicht wissen, vielleicht würde sie bald einmal froh sein über Barbaras Gutmütigkeit.

Die Einsamkeit der Theresa

In den letzten Monaten dachte sie viel daran. Teresa fühlte sich oft müde – niemandem hätte sie es eingestanden, aber warum sich selbst etwas vormachen?–, die Treppen wurden ihr zu hoch, der Atem ging ihr aus. Was war das, wenn nicht ein Zeichen des Alters? Wenn man aber beginnt, sich alt zu fühlen, sind Krankheit und Tod nicht weit. Daran dachte sie, und auch an ihre grosse Einsamkeit, denn sobald die Sciora über den Winter in die Stadt zog, konnte es da jemand Einsameres geben als die alte Teresa, ganz allein in dem grossen, leeren Hause, weit weg von allen Menschen, so weit weg, dass niemand sie hören könnte, wenn sie riefe, niemand sie finden, wenn sie krank würde? … 

Es war nicht schön, sich all das vorzustellen … So beschloss die Teresa, langsam einzulenken. Sie hatte Zeit und würde sich Zeit lassen. Aber bei Gelegenheit wollte sie daran denken. Als nun Barbara jetzt endlich etwas Schlimmes zustiess, das vermuten lassen konnte, ihr heiter-glückliches Schicksal sei daran, sich zu wenden, wurde Teresa noch versöhnlicher, als sie schon durch die Betrachtung ihrer eigenen Lage geworden war. Sie erfasste die Gelegenheit, nicht nur offen und vor allen zu zeigen, sie habe sich mit der Schwester ausgesöhnt, sondern dabei noch eine schöne Rolle zu spielen, und bot sich an, bei der Barbara zu wachen und sie zu pflegen, so gut sie es verstände. 

Barbara ihrerseits, die trotz Schmerzen und erlittenen Schreckens den Sinn für effektvolle Darstellung keinen Augenblick verloren hatte, willigte gerne ein, sich von Teresa warten zu lassen, und so verbrachten die beiden Frauen seit ihrer frühesten Kindheit wohl zum ersten Mal wieder eine Nacht zusammen. Jetzt, wo Barbara mit der Schwester allein war, beruhigte sie sich. Sie klagte kaum mehr. Der Tee wärmte sie angenehm, die Umschläge taten ihr gut und das sorgende Hin und Her der Teresa liess sie in einen schönen Zustand kindlichen Sichgehenlassens versinken. 

Obschon Teresa die Sucht ihrer Schwester, sich lärmend als Mittelpunkt eines Geschehens zu geniessen, kannte, wunderte sie sich doch über die schnell eingetretene Ruhe. Wie kann sie doch übertreiben, schalt sie in sich, die alte Närrin. Aber sie, Teresa, hatte gleich gemerkt, mit welchem Vergnügen sich Barbara von den Männern hatte schleppen lassen, und dass das Geschrei falsch war. Sie hätte eben gut in eine Bande von Zigeunern und Schauspielern hineingepasst … Dann beteten sie zusammen und schliefen gegen Morgen friedlich nebeneinander im grossen Bett ein. 

Vom Genuss, krank zu sein

So war die Nacht gut vergangen, und schnell erholte sich Barbara so weit, dass sie aus ihren vielen Kissen auftauchte, ihre Löckchen mit Speichel über dem Finger drehte und eine frische Nachtjacke verlangte, denn sie wollte Besuch empfangen. Von allen Unterhaltungen, die im Dorf erlaubt sind, ist der Krankenbesuch die beste, denn nirgends sind die Zungen gelöster und sprechen die Frauen offener über alles, was sie bewegt, ja von Dingen, über die man sonst nicht redet, die man höchstens zu beichten hat. 

So war auch das Krankenlager der Barbara ein willkommener Anlass für die Frauen des Dorfes. Sie trafen sich dort, so oft es ihnen ihre Zeit erlaubte. Einige liessen sich mit dem Strickzeug nieder und nahmen sogar ihre Kinder mit, die am Boden herumspielten. Auch die Sciora ging Barbara besuchen, es wäre ihr übel ausgelegt worden, wenn sie es unterlassen hätte. Nachdem Barbara unter den hohen Federdecken ihr dickes, weisses Bein hervorgeholt und aus den vielen Umschlagtüchern herausgeschält hatte, zeigte sie es ungeniert bis hoch hinauf. Es war in der Gegend des Knies schwarz unterlaufen. Sie musste schlimm gefallen sein, die Alte.

Jetzt war sie aber vergnügt und genoss ihr Kranksein. Jedem Besucher erzählte sie umständlich und genau den Unfall, wie sie ihn sich selbst wohl unzählige Male vorerzählt hatte. Sie schmückte ihn je und je mit neuen Einzelheiten aus, sie formte und polierte daran herum und wusste den spannenden Moment immer eindrucksvoller zu gestalten. «Sciora, ich glaubte, meine letzte Stunde sei gekommen, als der Stein, auf den ich mich gesetzt hatte, um auszuruhen und die schöne Natur Gottes zu bewundern, ins Rutschen kam. Ich griff in die Haselbüsche, sie gaben nach, hielt mich am Gras, es riss aus. Und ich stürzte in die Tiefe, wo das Wasser sich über mir schloss. Ich hörte schauerliches Lachen … die Hexe …»

Eine dreiste Holzdiebin

Mit einem raschen Blick auf die Zuhörer stellte sie fest, ob ihr auch richtig zugehört werde. Gewiss, wer hätte da nicht gerne zugehört und ihre Meisterschaft im Erzählen gewürdigt, aber am geduldigsten und liebsten hörte doch sie selbst sich zu. Jedoch, was Barbara nicht hörte, war, was im Dorf getuschelt wurde. Es wurde darüber getuschelt, warum sie ins Wasser gestürzt sei. Einer hatte es aufgebracht, die andern hatten es wiederholt und bald wusste es jedes Kind: Die Barbara war in den Bach gefallen, weil sie Holz hatte stehlen wollen. 

Und zwar hatte sie ihre Schwester Teresa bestehlen wollen, die ganz am Rand ihres Wäldchens zusammengelesenes Fallholz aufgestapelt hatte, hoch über dem Bach, damit niemandem das Gelüste ankomme, davon zu nehmen. Und nun war dieses Gelüste gerade der Barbara gekommen. Sie war, vielleicht aus Aufregung oder weil sie sich zu viel Geschicklichkeit zugemutet hatte, dabei ausgeglitten und in den Bach gefallen, der sich dort zu einem kleinen Weiher ausbreitet. Das ganze Dorf lachte darüber, denn wenn einer schon stehlen will, so doch nicht einige Äste morsches Holz. Zudem war Barbara erst vorige Woche von der Gemeinde Holz zugestellt worden, was brauchte sie da noch Holz zu stehlen? Das war doch wirklich schlecht. 

Herr Martino, der es sich, wie er sagte, gleich gedacht hatte, die Alte sei auf heimlichen Wegen gewesen, fand aber, es sei nur dumm von der alten Frau, so etwas zu versuchen, und man sollte nicht so viel Gerede davon machen. Doch Teresa dachte nicht so. Sie hatte von dem Geschwätz gehört und es sich nicht nehmen lassen, zum Bach hinunterzugehen, wo ihr Fallholz auf einem Haufen lag. 


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

Beitrag vom 19.12.2021

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