«Versöhnung» (1)

« Unser Tal ist ein kurioses Tal», sagte nachdenklich die alte Teresa. Sie stand neben der Sciora am Rande ihres Kartoffelackers und schaute über Land. Die Sciora kehrt sich verwundert nach der Alten um. «Kurios? Warum?» 

Teresa fuhr in fast spöttischem Tone fort: «Ist ein Tal nicht kurios, dem man nicht auf den Grund sehen kann?» Es war der Sciora bis jetzt nicht aufgefallen, dass der Bach, den man unten brausen hörte, nirgends zu erblicken war. Er wälzte sich in der engen Schlucht, deren bewaldete Ränder sich oben, versteckt unter den Bäumen, so zusammenschoben, dass niemand die Tiefe hätte vermuten können, die sich eben dort öffnete.

Ein kurioses Tal, die Alte hatte recht. Da wies Teresa auf den schmalen Weg, der vom Tobel herauf führte. Ein unförmiges Wesen bewegte sich mühsam vorwärts, blieb stehen und teilte sich in zwei Teile, wovon der grössere auf den Boden sank, der kleinere aufrecht stehen blieb und um Hilfe rief. Es konnte niemanden angehen als die beiden Frauen, die wohl erblickt worden waren, und so eilten sie die Halde hinunter auf den Weg, dem Rufenden entgegen. «Maria und Joseph», sagte Teresa in sachlichem Tone, «das ist meine Schwester Barbara, die am Boden liegt.» «Und der Mann, der schreit, ist das nicht Herr Martino?», fragte die Sciora und begann zu rennen, denn es war klar, ein Unglück musste geschehen sein. 

Bald hörten sie die am Boden liegende Frau stöhnen. «Was ist geschehen?», rief die Sciora schon von weitem und Herr Martino gab zurück: «Sie ist ins Wasser gefallen, beim Holzsammeln … ins Wasser gefallen … Wasser …» Als die Frauen bei ihm angekommen waren, setzte er sich auf die Grasböschung und erklärte, weiter könne er die Barbara nicht tragen, bis hierher habe er sie geschleppt … gut … aber weiter, das wäre unmöglich. Nie habe er so schwer getragen. Die Barbara sei dick, ein jeder wisse es, doch könne sich niemand vorstellen, was sie wiege. Er mache keinen Schritt mehr, man müsse Hilfe holen.

Hilfe gefragt

Die Sciora und die Teresa kümmerten sich nicht um ihn, sie hatten sich zu der Liegenden geneigt, die bis zum Hals durchnässt mit aufgelösten Zöpfen dalag und jammerte: «Lieber Gott, erbarme dich meiner, Heilige Jungfrau, nimm dich meiner an.» Teresa schaute ihrer Schwester aufmerksam ins Gesicht. «Was tut dir eigentlich weh?», fragte sie endlich. «Mein Bein, ach mein Bein», wimmerte die Alte. «Ja», bestätigte Herr Martino, «sie muss sich das Bein gebrochen haben, sie kann in keiner Weise mehr darauf stehen, es wird wohl entzwei sein. Ich musste sie auf den Rücken nehmen und so schleppen … Sie hat mich mit ihren Armen fast erstickt, so fest hielt sie sich an meinem Hals.» 

Er wischte sich umständlich das Wasser aus dem Nacken, das von Barbara auf ihn geflossen war. «Sie muss so schnell wie möglich ins Trockene, wir wollen tragen helfen», schlug die Sciora vor, doch Herr Martino protestierte, das werde nicht gehen, die Frau sei viel zu schwer und dann vermöge man sie nirgends richtig anzupacken, es gebe alles an ihr nach. Aber er stand doch auf und fasste die laut betende Barbara mit beiden Händen unter den Armen, während die Sciora vorsichtig das eine dicke Bein der Frau packte und die Teresa das andere. Es war schwierig, so zu gehen, der Weg war zu eng, die beiden Frauen stiessen sich, auch behinderten sie die herunterhängenden Röcke der Barbara so, dass sie stolperten.

Darüber kamen sie fast zu Fall, was den rückwärts gehenden Herrn Martino lächerte – da sieht man ja, ob es geht oder nicht … immer wollen die Frauen alles besser wissen – er verlor darüber alle Kraft und liess die gute Barbara aus seinen Händen gleiten. So lag sie nach kurzer Zeit wieder am Boden wie ein nasser Schwamm und klagte jämmerlich, wogegen die andern in eine unpassende Heiterkeit ausgebrochen waren und sich zu fassen suchten. Als sie ausgekichert hatten, schlug Teresa vor, sie wolle einen Mann holen, und begab sich auf den Weg. 

Unterdessen erzählte Herr Martino, was er von dem Unfall wusste. Er habe seinen Geissenstall geputzt, ein Glück für Barbara, dass er gerade heute dieses Geschäft unternommen habe, den Geissenstall dort unten bei der alten Brücke, in der Nähe des Wäldchens, in das sich die Schwestern als Erbe geteilt hatten. Auf einmal habe ein Tier geschrien. «Aber was für ein Tier, sage ich mir, was für ein Tier? Ich trete vors Ställchen hinaus und gucke herum. Da sehe ich auf dem Weiher, den der Bach dort bildet, einen seltsamen Vogel schwimmen. Einen solchen hatte ich noch nie erblickt. Der Vogel war aber Barbaras Kopf. Sonst sah man nicht mehr viel von ihr, denn sie sass im Weiher wie in einer Wanne.» 

Herr Martino hätte sich hier gerne über das ungewöhnliche Bad der Barbara scherzend ausgebreitet, doch unterdrückte er diese Lust, denn Barbara schluchzte in nachträglichem Schrecken laut auf. Er habe sie mit Mühe herausgezogen, fuhr er ernsthaft fort, es sei nicht leicht gewesen bei dem felsigen Ufer und überhaupt … «Wie sind Sie denn ins Wasser gefallen?», wollte die Sciora erfahren. «Frage ich mich auch», brummte vorwurfsvoll Herr Martino, «dort hast du doch nichts zu suchen gehabt, dort ist doch Teresas Wald?» 

Aber Barbara gab keine Antwort. Sie winselte und stiess kleine Schreie aus, schlug die Hände zusammen, dass es klatschte, und rollte ihren Kopf am Boden hin und her. Martino schaute nach der Dorfstrasse hinauf, ob noch niemand komme, er war ungeduldig und schimpfte, bis schliesslich die Teresa den Weg herunterkam mit zwei jungen Burschen, die nicht gerade behutsam, aber auch nicht ungeschickt, das riesige Bündel aufluden und damit langsam auf die Dorfstrasse stiegen, auf welcher die halbe Bevölkerung zusammengelaufen war und wartete. 

Verstauchtes Knie

Dort nahmen ihnen andere Arme die Barbara ab und brachten sie, von Mitleidsrufen und Spässen der Leute begleitet, über den Dorfplatz, auf dem sie eine nasse Spur hinterliess, durch die enge Treppe ihres Häuschens hinauf in die Kammer, wo die Frauen die jetzt laut Heulende auszogen und in ihr hohes Bett hissten. Die Sciora, die mit der Teresa nachgekommen war, hätte sich gerne das Bein angesehen, doch daran war nicht zu denken. Barbara schrie wild auf, wenn jemand sich näherte. Man hatte dem Arzt berichtet, er würde bald kommen und bis dahin musste man Geduld haben. 

Das Gejammer der Alten wurde immer schriller und die anwesenden Frauen – die ganze Stube war vollgestopft mit Neugierigen– nickten sich vielsagend zu und bekreuzigten sich. Sogar Teresa, die ihrer Natur nach hart war gegen Schmerzen und nicht viel Gefühl, für wen es auch sei, übrig hatte, wurde weinerlich und begann zu klagen. 

Endlich hörte man den Wagen des Arztes auf den Dorfplatz einfahren. Die Frauen machten ihm im Voraus Platz. Sie zogen sich in einem Halbkreis an die Wände zurück, so dass das hohe Bett wie ein verlassener Kahn allein dastand. Trotzdem schickte der Arzt, als er eintrat, die Leute unwirsch hinaus. Man sah noch, wie er die steilen, vollen Federbetten Barbaras zurückschlug. Doch hatte er vergessen, die Fenster zu schliessen, und bald drangen die kläglichsten Hilferufe auf die Gasse, wo die Frauen sich wieder angesammelt hatten und zusammen tuschelten. 

Ob man ihr das Bein gleich abschneide, fragte ein kleiner Junge mit erschrockenen Augen. «Red’ nicht so dumm», wurde er angefahren, aber die Frauen selbst ahnten das Schlimmste. Sie tauschten wispernd ihre Vermutungen aus, erinnerten sich an ähnliche Fälle, die traurigen Ausgang genommen… 

«Und die Anna? War sie nicht Zeit ihres Lebens lahm geblieben? Und die alte Claudia, war sie nicht an ihrem Sturz zuletzt gestorben, nachdem das schwarze Blut aus dem Bein in ihr Herz gestiegen war?» … Jede kannte ein Unglück, das hier oder dort jemandem zugestossen war, und je grausiger es sich anhörte, desto eifriger wurden die Frauen. Im Versuch, sich zu übertrumpfen, sprachen bald alle gleichzeitig und so laut sie konnten. 

Erst als der Doktor auf der Türschwelle des Häuschens erschien, verstummten sie auf einen Schlag und schauten ihm erwartungsvoll entgegen. Er beruhigte sie. Knie verstaucht, Bluterguss. Barbara müsse liegen bleiben, Tee trinken und Umschläge machen, sonst nichts. Halb und halb waren die Frauen enttäuscht. War das nun alles, bei dem Geschrei? Sie verzogen sich ernüchtert in ihre Häuser, wo Barbaras Sturz noch weiter besprochen wurde; da aber die Sache so gut ausgegangen, war sie nicht ergiebig und man sprach bald von anderem. Nur Teresa war bei der Schwester geblieben, um ihr in der Nacht Gesellschaft zu leisten, denn Barbarawohnte allein in ihrem Hause.

Bedauerliches Los

Sie waren drei Schwestern, Teresa, die Älteste, dann Barbara, fast zehn Jahre jünger, und Maria, die Letzte, wie die beiden andern sie nannten. Diese wohnte nicht im Dorf. Sie war mit einem Bauern verheiratet, der oberhalb des Nachbardorfes auf einsamer Höhe ein kleines Gehöft besah und Sommer und Winter dort lebte. Man sah die Leute selten. Man wusste auch nicht viel mehr von ihnen zu erzählen, als dass sie sehr fromm seien und ihren einzigen, jungen Sohn ganz altmodisch erzogen hätten; so liessen sie ihn nie ins Dorf herunter, es sei denn zur Messe. Der Junge werde deshalb sonderbar, fast möchte man sagen blöde, aber jedermann beneidete die Eltern um diesen braven, gehorsamen Sohn. 

Wenn man bedenkt, wie die Jungen heute sind und was ihnen alles in den Sinn kommt … nicht wahr? Auch Teresa und Barbara hatten ihre Schwester beneidet, das war früher gewesen, viel früher. Sie hatten sie beneidet, weil sie einen Mann und einen Sohn und einen eigenen Hof besass und es daher so aussah, als ob es der Letzten von allen drei Schwestern am besten geglückt sei. Denn weder Teresa noch Barbara hatten es so weit gebracht. Um den Stachel des Neides loszuwerden, waren sie mit der Zeit übereingekommen, das Los der Maria sei, bei genauer Betrachtung, doch eher ein bedauerliches. 

War das ein Leben, das sie führte? Jahraus, jahrein auf der weltvergessenen Alp, bei schwerer Arbeit und schlechtem Essen, mit einem alten, geizigen Mann und einem einfältigen Sohn, war das ein Leben? Sie bemitleideten ihre arme Schwester von Herzen, und da es vom Mitleid zur Schadenfreude nur ein Schritt ist, fingen sie gelegentlich an, über die Maria zu lachen, und bald war nichts im Leben der Letzten, worüber sie nicht gespottet hätten. Auch wenn ihr Günstiges widerfuhr, wussten sie es solange hin und her zu drehen, bis es ein richtiges Pech geworden war, über das man mitleidig die Hände zusammenschlagen und im Geheimen sich freuen konnte.

Nun war aber dieses spöttische Mitleid mit der Schwester der einzige Punkt, in welchem sich die beiden andern trafen. In allem Übrigen, und was es auch sein mochte, standen sie einander entgegen, mit Worten und mit Taten, offen und hintenherum, keine Gelegenheit liessen sie unbenutzt, um sich zu ärgern und sich gegenseitig blosszustellen. Dieser Zwist war ein Zweck ihres Lebens geworden, ohne den sie sich gelangweilt hätten. Er war nicht zu missen. Sie wussten selbst nicht mehr, woher er stammte. Der Grund mochte weit zurück in ihrer Kindheit liegen. 

Vielleicht hatte Teresa es nie verwinden können, dass sie, als die Älteste einer grossen Kinderschar, früh schon in Dienst gegeben worden war, damit eines weniger am Tisch sei. Sie war bei den alten Padroni in eine strenge Schule gekommen: Arbeit, nichts als Arbeit. Doch hatte sie das Haus, in welches sie als mageres Mägdlein in Diensteingetreten war, nicht mehr verlassen … 

Oder war es das: Auch Barbara hatte mit den Jahren und nach verschiedenen Liebesgeschichten– sie sei doch immer eine leichtsinnige Närrin gewesen, sagte Teresa verächtlich – bei einem älteren Manne Dienst angenommen. Damals lebte Teresa schon allein mit ihrem Herrn im Palazzo, und die Schwestern hatten also ein ähnliches Los, wenn es nicht zum Lachen gewesen wäre, das arme, kleine Hausv on Barbaras Dienstherrn mit dem stolzen Palazzo, in welchem Teresa schaltete und waltete, zu vergleichen. Da gab es wirklich nichts zu vergleichen, und Teresa fühlte sich weit über ihre Schwester hinausgestiegen. 

Unverdientes Glück

Aber das Blatt wendete sich. Während der einfache, alte Mann seine stattliche Magd spät noch zu seiner Frau machte und ihr nach seinem Tode, der bald erfolgte, alles hinterliess, was er besessen hatte, das Häuschen, etwas Land und ein wenig Geld, blieb die Teresa, die so sehr darauf gezählt hatte die Herrin des Palazzo mit allem, was darin war, zu werden, bis zum Tode ihres Herrn nur die Magd, und er hinterliess nicht ihr sein Hab und Gut, sondern seinen weitläufigen Erben. Sie erhielt nur das Recht, weiterhin und bis zu ihrem eigenen Tode in dem Hause zu wohnen, das sie in ihren Gedanken schon seit Jahren als ihr Eigentum angesehen hatte. 

Das war das Unglück ihres Lebens und damit verglichen kam ihr das früher belächelte Los ihrer Schwester Barbara als ein Glück vor. Als ein unverdientes Glück. Denn womit hatte Barbara solches verdient? Hatte sie etwa gearbeitet und gesorgt, wie sie, Teresa, es getan hatte? Nein, Barbara hatte sich nie geplagt. Sie hatte stets nur das Nötigste getan, keinen Streich mehr. Herausgeputzt und geschmückt hatte sie auf dem Balkönchen gesessen und es sich wohlergehen lassen. Und darum also hatte der alte Mann sie geheiratet, dafür war sie belohnt worden? Nein … wenn es noch eine Gerechtigkeit gab, so hatte es wenigstens jetzt Barbara schlecht zu gehen.


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

Beitrag vom 12.12.2021

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