«Teresa» (1) Aus «Tessiner Erzählungen» von Aline Valangin

Ein schöner Tag sagte sich an. Die Sonne war noch nicht zu sehen, sie stand hinter den östlichen Bergen und färbte den Himmel darüber gelb und rot. Doch das Morgenlicht füllte schon das Tal, das schattenlos in tiefster Stille dalag, als ob es mit offenen Augen schlafe.

Alle Vögel schwiegen. Es war jener verzauberte Moment, wo der Tag zwar Tag, aber auch noch Nacht ist und so den Vorgeschmack des Himmels gibt, der ja ewiger Tag und ewige Nacht zugleich sein soll.

Die alte Teresa war schon auf dem Wege zur Arbeit. Jetzt, wo es so viel zu mähen gab, wartete sie nicht die Frühglocken ab, um aufzustehen. Ihre Wiesen hingen steil unter der Strasse gegen den wilden Bach herunter und gaben hartes Gras, das die Alte sorgfältig mit der Sichel, Fleckchen für Fleckchen, oft Büschel für Büschel, abmühte. In ihren vielen Röcken bewegte sie sich gegen die Halde zu und mass in Gedanken im Voraus die grosse Hitze, die der Tag bringen werde. Gutes Heuwetter! Alles andere interessierte sie nicht.

Plötzlich blieb sie stehen, rückte ihren alten Strohhut auf den Hinterkopf und hob die Nase; sie ging ein paar Schritte weiter, blieb wieder stehen, drehte sich rundum, schnupperte nach rechts und links. – «Was ist das für ein Geruch?», sagte sie vor sich hin. Sie sprach oft mit sich laut, auch mit ihrer Kuh. «Was ist das? dieser Geruch … dieser arge Geruch … dieser Gestank kann man schon sagen …? Woher?» Jetzt lief sie vorwärts. Je näher sie ihrer Halde kam, desto schärfer drang der Geruch auf sie ein und desto eifriger suchte sie in Gedanken, woher dieser stammen könnte.

Eigentlich konnte er nur aus einer jener neuzeitlichen Anlagen stammen, die von Zeit zu Zeit geleert werden mussten. Die waren aber schnell gezählt, denn die meisten Leute hatten Gruben, wie es von jeher Brauch gewesen. Es kamen nur in Frage … Während die Teresa überschlug, wer denn als Urheber dieses pestilenzartigen Geruches in Frage kommen könne, war sie am Mäuerchen angekommen, das ihre Halde von der Strasse trennte. Da sah sie die Bescherung.

Über die Herkunft dessen, was da breit auf ihre Wiese vergossen lag, war bei dem jetzt ganz eindeutigen Geruch nicht mehr zu zweifeln. Verdonnert stand die Alte. Sie wollte ihren Augen nicht trauen. Der Atem fehlte ihr. Sie ächzte. Dann spürte sie den hellen Zorn in sich aufsteigen. Mit den Fäusten fuchtelnd verwünschte sie laut die Nichtsnutze, die dieses nächtlicherweile getan hatten. Und warum getan? Warum gerade auf ihre Halde? Das war Bosheit.

Die alte Teresa stand mit den übrigen Dorfbewohnern nicht auf bestem Fuss. Sie lebte für sich in ihrer kleinen Wohnung oben im Palazzo, den die Sciori aus der Stadt der Erb-Familie abgekauft hatten. Sie ging zu niemandem und liess selten einen Menschen zu sich kommen. «Es ist besser, man bleibt allein», sagte die Teresa. Sie fand die Dorfbewohner dumm und faul und spottete gerne über sie. Auch in die Kirche ging sie kaum. Wozu? Was sollte ein so junger Mann wie der Herr Pfarrer einer so alten Frau wie die Teresa Wichtiges sagen können? Das Abendmahl? «Ach», sagte sie etwa, und zeigte mit ihrem Daumen gegen den Mund, «man kommt auch aus ohne den Bissen.»

Es ist klar, dass die Dorfleute sie nicht liebten. Die Alte war ihnen ein Ärgernis. Dieser Hochmut! Und manch einer versuchte die Teresa zu plagen oder ihr bei Gelegenheit und im Geheimen einen Streich zu spielen. Ein solcher Streich war das wohl, musste die Teresa denken. Sie ging aufgeregt hin und her, die Hand an der Nase zum Schutz, und äugte herum. Da entdeckte sie noch mehrere Anlagen tiefer unten, wo sie gestern das Heu hatte liegen lassen, weil es noch nicht ganz dürr war. Im Nu war ihr klar: Das Heu und die ganze mühsame Arbeit um das Heu waren verloren. Ihr Zorn wurde heftiger. Sie schimpfte und wetterte. Dann kehrte sie entschlossen um und rannte ins Dorf hinauf, um dem Segretario zu melden, was ihr angetan worden sei.

Einen Sindaco besass das Dorf momentan nicht. Der Sindaco hatte es vorgezogen, sich der – wie es hiess – gerechten Unzufriedenheit seiner Dörflinge durch eine Reise zu entziehen. Im Geheimen wurde geflüstert, er sitze irgendwo in Sicherheit. Man hatte sich demnach an den Segretario zu wenden, wenn man mit irgendeiner Sache nicht selbst fertig wurde. Der Segretario stand hemdsärmelig auf dem Dorfplatz, als die Teresa durch die schmale Dorfgasse hinauf angesegelt kam. Er begriff wohl schon im Voraus, weswegen sie kam, denn er wehrte gleich ab, er habe keine Zeit und es gehe ihn nichts an und er wolle von dem Weibergeschwätz gar nichts hören. Damit verschwand er schlurfend in seinem dunklen Hausflur.

Diese Haltung des Segretario, die keine war, brachte die Teresa erst richtig in Schwung. Auf eigene Faust unternahm sie eine Erkundigungsreise durch das Dorf, von der Piazza an bis zum hintersten Hause. In jedem Haus, in welchem sie von gewissen neumodischen baulichen Veränderungen wusste, kehrte sie ein und untersuchte den Ort umständlich und genau, ob er geleert worden sei oder nicht. Es musste sich ja schnell herausstellen, wer die Missetat begangen hatte, und dann Gnade dem Gott. Eine grosse Strafe hatte der zu bezahlen, und wenn er kein Geld haben sollte, so müsse er direkt ins Gefängnis kommen.

Es hatten sich der aufgeregten Alten Neugierige und Schadenfreudige beigesellt, die wussten, dass sie auf ihre Rechnung kommen würden; denn, ob nun der Täter entdeckt und, wie die Teresa androhte, bestraft würde: Es wäre schön. Oder ob die Teresa unverrichteter Sache und ungesühnt ihren Zorn werde schlucken müssen: Es wäre auch schön. In beiden Fällen konnte man sich nur freuen. Und dann war die Expedition selbst schon ein seltenes Vergnügen.

Es wurde nichts entdeckt. Alle Kessel waren noch voll, und die alte Teresa zog stumm zurück durch das ganze Dorf, den Hut wie einen Heiligenschein im Nacken. Mit langen Schritten liess sie die anderen hinter sich. Drunten am Hang raffte sie den unverdorbenen Rest ihres Heues zusammen. «Die Halunken, die Verbrecher», stöhnte sie und trug ihre Hotte, die doppelt so hoch war wie die gebückte kleine Frau, vor den Heustock, wo sie das Heu ausbreitete. Hier sollte es fertig trocknen, da es drunten auf der Wiese nicht mehr sicher war. Dann machte sie sich zurecht auf die Alp zu steigen, um nach ihrer einzigen Kuh zu schauen. Verbohrt in ihren Zorn stieg sie den steinigen, steilen Weg zu ihrem Ställchen hinauf und merkte nicht, wie die Sonne, die inzwischen schon hoch am Himmel stand und heiss ins Tal schien, sie unbarmherzig röstete. Denn ihr Zorn brannte heisser als die Sonne.

Aufklärung tut Not

Während diesem war die Köchin Marta mit ihrer kleinen Tochter Marietta im Palazzo erschienen, um zuerst für die verschiedenen Haustiere, Katzen, Hunde, Kaninchen und Tauben, das Frühstück zu rüsten, dann ums Haus herum zu wischen und für acht Uhr den Morgenkaffee bereitzuhalten. Marta wohnt im Dorf. Sie ist am Morgen, wenn sie im Palazzo ankommt, stets sehr in sich gekehrt. Sie sträubt sich innerlich gegen den Arbeitstag, der wieder begonnen hat. Sie wehrt sich dagegen und versucht, in ihre Nachtträume verhängt, das Wachwerden möglichst hinauszuschieben. Mit versponnenem Gesicht sinnt sie etwas Fernem, Schönem nach, aus dessen Wirkungskreis sie nur langsam entsinkt. Ihre Augen blicken dann, ohne zu sehen, ihre Bewegungen sind steif, bei jedem Geräusch fährt sie zusammen. Erst kleine Seufzer und Ach-Rufe künden an, dass sie sich anschickt, den Tag und seine Mühe anzunehmen.

Aber die kleine Marietta ist frisch wie ein Wiesel vom frühen Morgen an. Sie widmet sich mit Eifer ihren verschiedenen Pflichten, wovon die wichtigste ist, die Gartenwege frei zu halten von Unrat. An diesem Morgen, während ihre Mutter tiefsinnig am Herde stand und wartete, bis die Hundepolenta kochte, zog sie mit ihrem kurzen Rechen und der Schaufel im Garten herum, auf der Suche nach dem Ding, das solchen Geruch verbreiten konnte.

Sie fand nichts. Verwundert kam sie zu ihrer Mutter und fragte, woher es so rieche. Marta hatte nichts bemerkt. Nein, sie habe Schnupfen, sie rieche nichts, das Kind solle hinausgehen und sie in Ruhe lassen. Sie wollte wieder in ihren Träumereien untertauchen, doch gelang es ihr nicht ganz. Sie begann nun auch etwas zu riechen, das ihr ungewöhnlich schien. Aber darüber nachzudenken, was es sein könnte, wollte sie nicht.

Nein, nicht denken! Denken war für Marta vom Schlimmsten, was ihr zugemutet werden konnte. Eine richtige Strafe und Qual. Wenn etwas sie zwang, zu denken, so fing sie an zu weinen, als ob sie Schmerzen hätte. Sie setzte sich dann etwa, schwach, auf die äusserste Kante eines Stuhles, legte ihre Wange in die Hand und schluchzte. Wenn man sich mitleidig zu ihr neigte, um sie zu trösten, konnte man vernehmen, das sei jetzt zu viel … wirklich zu viel für eine arme Frau, die schon so viel Unglück gehabt hatte mit dem Mann und den toten Kindern. Sie werde nun wohl auch sterben, das sei das Beste, dann sei alles aus!

Sie erholte sich erst langsam, wenn jemand anders für sie die schwere Frage gelöst hatte. Oder sie machte, um einer klaren Antwort auszuweichen, ein Gesicht, als ob sie frisch vom Himmel falle und sagte: «Ich weiss nicht.» Dieses «Ich weiss nicht» vermochte sie mit solcher Überzeugung zu sagen, dass niemand versuchte, mehr von ihr zu erfahren. So kam sie meistens um die für sie so peinliche Arbeit des Denkens herum. Auch jetzt schob sie die Anwandlung, zu überlegen, woher der Geruch stammen könnte, schnell von sich. «Ich weiss nicht», sagte sie gähnend vor sich hin, zog die Achseln in die Höhe, legte den Kopf ein wenig schief und versank in ihr Sinnen.

Im Schlafzimmer war die Sciora erwacht. Sie freute sich im Voraus auf den Moment, den schönsten jeden Morgens: wenn sie die dicken Fensterladen aufschlagen und mit einem Blick die ganze sonnenüberflutete Sommerwelt übersehen würde, Tal und Berge, blauer Himmel, Felsen, Wälder und Bäche. Dann ging sie rasch zum Ostfenster, um es zu öffnen und den Tag einströmen zu lassen. Aber bevor sie die Laden aufgeschlossen hatte, stach der Geruch ihr in die Nase. «So etwas», dachte sie, «gehen die verrückten Menschen bei dieser Hitze die Wiesen düngen.» Wie sie übers Land schaute, sah sie niemanden mit dem nützlichen Geschäft beschäftigt. Kein Mensch weit und breit. Aber Schwaden von übelstem Geruch drangen ein, füllten das Zimmer, standen schon in den anderen Zimmern, die sie nun durchging, um in der Küche zu landen und die Marta zu fragen, was denn dieser Geruch zu bedeuten habe.

Die Marta fuhr auf und sagte, sie habe Schnupfen, sie rieche nichts, sie wisse nichts. Das schien der Sciora fast unglaublich, einen solchen Schnupfen konnte es gar nicht geben. Während sie der Marta diese Bemerkung machte, kam das Kind mit neugierigen Augen wieder in die Küche. Die Sciora fragte, ob es Auskunft geben könne, aber Marietta schüttelte den Kopf. Die Sciora nahm etwas über sich und ging, von den Hunden freudig begleitet, durch den Garten dem Geruch entgegen. Es zog sie neben dem Garagehäuschen auf die Strasse hinunter und lud sie ein, über das Mäuerchen zu schauen, das die Wiesen der Teresa von der Strasse trennte. Dort sah sie die Bescherung. Sie staunte ein wenig über die Masse des Unrates, der da schamlos an der Sonne lag und dampfte. Das ist nun wirklich etwas, das zum Himmel stinkt, dachte die Sciora und stieg eilig wieder in ihren verpesteten Garten hinauf, während aus den oben gelegenen Häusern grosses Schimpfen ertönte.

Dort lehnten sich die Leute gegen den Geruch auf, wie es durchaus verständlich war. Sie standen auf ihren Holzbalkonen, die Frauen hielten sich die Nachtjacken mit der Hand bis unters Kinn zu, als ob sie die verdorbene Luft so abwehren könnten. Die Männer fingen untereinander Zank an; jeder wollte der Findigere sein und den anderen mit Vermutungen über das Geschehene aufklären. Als die Sciora droben angelangt war, stand ihr Mann vor dem Haus. Er bewegte sich nicht gerne für Unwichtiges, auch hatte er eine ausgesprochene Abneigung gegen die übelriechende Seite des Lebens. Die Sciora musste ihn darum recht eigentlich überreden, sich um die Angelegenheit zu kümmern, so nämlich, dass sie seine Neugierde aufstachelte, indem sie meinte, sie verstehe nicht recht, was dort auf der Halde liege und rieche, es sehe seltsam aus.

Der Scior lachte über die List, setzte sich aber in Bewegung, durch den Garten, bedächtig übers Treppchen hinunter, um das Garagenhaus herum und schaute über das Mäuerchen. Ja, das war ihm eine klare Sache. Er ging gar nicht mehr in den Garten hinauf, sondern sofort den Dorfweg hinan, mit Gattin und Hunden, um unverzüglich den Herrn Segretario von dem Ungehörigen in Kenntnis zu setzen und zu bitten, man möge um Abhilfe sorgen.

Auf der Dorfstrasse meinte die Sciora, sie könne doch nicht gut im Pyjama mitkommen, nicht wegen des Herrn Segretario, sondern weil das Pfarrhaus einen oberen Ausgang auf die Piazza habe und der Herr Pfarrer doch jeden Moment dort heraus erscheinen und an ihrer Bekleidung Anstoss nehmen könnte. Der Pfarrer hatte schon einmal eine Viertelstunde lang ein nervöses Lachen nicht beherrschen können, als er der Sciora einen Besuch machen wollte und sie unerwarteterweise im Pyjama getroffen hatte. Es war sehr peinlich gewesen. Als er wieder ruhiger geworden war, hatte er unvermutet grosses Hagelwetter angekündigt.

Die Sciora hatte nicht recht begriffen, ob als Strafe für ihre unzüchtige Kleidung oder weswegen. Jedenfalls war es besser, jetzt eine Begegnung mit dem Pfarrer zu vermeiden und den Mann allein zum Segretario gehen zu lassen. So zog der Scior weiter. Die Sciora nahm den oberen Weg in ihren Garten und wartete dort mit einiger Neugierde auf das, was geschehen würde. Bald kam der Mann mit dem Bescheid zurück, leider kenne niemand den Täter, doch werde von der Gemeinde aus Wasser getragen und auf die Halde ausgegossen wer den, um den Unrat hinabzuschwemmen. Nach kurzer Zeit sahen die Sciori, über ihre hohe Gartenmauer gelehnt, wie drunten auf der Strasse Maurilio, der Küster, mit der Feuerwehrbrente und dem Kessel zum Feuerlöschen Wasser hinuntertrug und es dort über das Mäuerchen schüttete, Mal um Mal. Gegen Mittag nahm der Geruch ab.

Aber die Neugierde der Dörfler, die wissen wollten, wer das Unmögliche getan habe, nahm nicht ab. Vermutungen schwirrten herum, die einen beschuldigten die anderen, doch da sich die wenigen, die in Frage kamen, alle über ein volles Fass ausweisen konnten, fielen auch die besten Kombinationen immer wieder zusammen. Die Aufregung im Dorf stieg, als die Teresa am Nachmittag wieder erschien. Sie behauptete, den Gestank bis auf ihre Alp hinauf gerochen zu haben. Sie habe den ganzen Tag nicht essen können. Nicht nur wegen der verdorbenen Luft, sondern auch wegen der Beleidigung. Denn das sei eine Beleidigung, was da geschehen sei, wahrhaftig eine grobe Beleidigung … für die Sciori.

Sie stand unten an der Gartenmauer, die Sciora schaute von oben herunter. «Meine Sciori sind beleidigt worden», klagte sie mit lauter, schriller Stimme, «und die Beleidigung ist enorm.» Sie sah hinauf, ob diese Worte Eindruck machten, und fuhr dann heftiger fort: «Ja, es ist eine Beleidigung, es ist eine Vendetta.» Die Sciora schüttelte den Kopf, doch ihr ungläubiges Gesicht spornte die Alte zu noch kühneren Behauptungen an. Sie rief: «Ich kann mir schon denken, woher diese Vendetta stammt, ja, ich weiss es genau … es ist Vendetta, reine Vendetta! … Aber ich sage nichts», fügte sie leiser hinzu und zog ihre Augenbrauen hoch in die verrunzelte, braune Stirne hinauf, «ich sage nichts, bis ich den Elenden überführt habe.»

Hier machte sie eine Pause. Dann schlang sie ihre harten Hände ineinander, streckte sie weit von sich und wimmerte: «Diese Beleidigung … dieser Tort! … Das können meine Sciori nicht aushalten, es ist unmöglich! Wie sollen sie sich in ihrem Garten, unter den Bäumen, noch wohl fühlen, bei diesem Geruch … bei dieser Beleidigung?» … Sie fasste sich, tat ein paar Schritte und schaute mit Haltung um sich. Ihre Bewegungen waren feierlich, ihr Gesicht bekam einen entschlossenen Ausdruck, ihre altväterische Sprache wurde gemessen und erinnerte an Bibelverse.

Es traf sich, dass gerade der gute Maurilio mit seiner schweren Wasserlast die Strasse hinunterkam. Teresa stellte sich ihm entgegen, breit, mitten auf der Strasse. So, begann sie, er trage hier Wasser, aber er sei nicht imstande gewesen, den Übeltäter aufzufinden. Sonst renne er jedem kleinsten Vergehen nach, als ob er der Landjäger sei. Aber heute vermöge er nichts aufzudecken. Heute, wo es wichtig wäre, dass man den Schelm fange, um den Sciori den guten Willen zu zeigen. Wenn sie Küster wäre und nicht mehr Arbeit hätte als so ein Küster, sie hätte schon längst herausgefunden, wer es gewesen sei. Sie habe übrigens, obschon sie nur die Teresa sei und alle Hände voll zu tun habe, einen verdächtigen Fleck entdeckt auf der unteren Kirchentreppe …


Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.

Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

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