«Stella» (1)

Schon von weitem sah man den Kirchturm des unteren Dorfes. Daneben stand eine grosse Tanne. Der Kirchturm und die Tanne waren gleich hoch. Sie sahen aus, von der Ferne gesehen, wie zwei stolze, schlanke Menschen, die nebeneinander hergehen, ohne sich zu berühren, aber für alle Zeiten zueinandergehörig.

Die Tanne stand im Garten des Posthalters. Sie war sein Ruhm. Selten sah man eine so gerade gewachsene, ebenmässige und hohe Tanne. Der Posthalter hatte Tisch und Bank unter dem Baum anbringen lassen. Dort sass er, wenn man vorbeiging, und las.

Er war früher im Land drunten Lehrer gewesen. Erst in seinem Alter war er mit seiner Tochter Stella ins Tal zurückgekehrt. Die Frau war ihm gestorben. Neben der Post betrieb er einen kleinen Spezereiladen. Seine Tochter half ihm. Sie besorgte den Haushalt und den Garten, sie bediente im Laden. Stella war nicht mehr ganz jung. Gross und schlank gewachsen, mit ruhigen, weiten Bewegungen, war sie eine schöne Erscheinung. Auffallend an ihr war das übermässig reiche, sehr schwarze Haar und die dunkeln Augen. Sie ging angezogen wie die andern Mädchen im Dorf, aber ihre Haltung hob sie aus allen hervor. Man hätte denken können, sie sei stolz. Das stimmte aber nicht. Eher war sie scheu. Sie mied Gesellschaft und liebte es, für sich zu sein. Nur ihre Tante Fiorina, die im oberen Dorf wohnte, besuchte sie öfters.

Sie war eine der wenigen Frauen im Tal, die weben konnte. Diese Kunst hatte sie bei ihrer Mutter gelernt, die Italienerin gewesen war, aus dem Süden, wo die Frauen das Weben noch verstehen. Ihr Webstuhl stand in einem hellen, niederen Raum mit Holzboden und grossen Schränken an den Wänden, in denen sie die Wolle aufbewahrte, die sie für ihre Arbeit benötigte. Die Fenster waren verstellt mit über und über blühenden Geranien. Sie pflegte sie mit Freude und Stolz und behielt sie auch im Winter in der Stube. Jede freie Minute sass Stella an ihrem Webstuhl. Sie verstand es, Stoffe in verschiedenen Mustern zu weben, doch konnte sie auch Teppiche knüpfen, und das brachte ihr einen guten Verdienst ein.

Sie webte auf Bestellung. Was sie verdiente, lieferte sie dem Vater aus. Er verlangte es so. Ja, sie bekam das Geld gar nicht in die Hand, er zog es ein. Kleidete und ernährte er sie nicht, hatte sie nicht alles, was sie brauchte? Das Geld legte er auf die Seite. Er führte darüber ein Buch. Mit schmaler, spitziger Schrift trug er Zahl für Zahl hinein. Dieses Geld, es war schon eine hübsche Summe, würde er am Tage der Hochzeit der Tochter aushändigen. Vorher nicht. Und bis dahin hatte es Zeit.

Wohl war Stella nicht mehr ganz jung. Sie war sicher schon fünfundzwanzig Jahre alt. Ihr dunkel überschattetes Gesicht bekam um die Nase einen harten Zug, der Mund wurde schmal und der Nacken steif. Aus dem unergründlichen Dunkel ihrer Augen brach manchmal ein seltsamer Glanz, der sich nur langsam in sich zurückzog, und die Brauen schienen zusammenzuwachsen.

Die Sciora, welche oft bei Stella Stoffe oder Teppiche anfertigen liess oder für Geschäfte bestellte, fand das Mädchen ungewöhnlich wortkarg. Es kostete sie Mühe, mehr als das Notwendigste von ihr zu erfahren. Stella führte ihre Rede biblisch, mit Ja und Nein. Kam ihr Vater etwa herein, verstummte sie vor ihm ganz. Sie neigte den schweren Kopf nach vorn und stimmte im Voraus allem zu, was er anordnen mochte. Dieses Verhalten fiel bei einem Mädchen ihres Alters und ihrer Eigenschaften auf. Die Sciora machte sich jedenfalls ihre Gedanken darüber. Etwas musste da nicht stimmen. Der helläugige, heitere Mann passte nicht zu der dunkeln, stummen Tochter. Man müsste sie zum Reden bringen, dachte die Sciora, es ist schade um das Mädchen. Sie versuchte es bei einem nächsten Besuch mit einigen scherzenden Fragen. Stella schaute sie gross und verwundert an und wendete den Kopf ab. So ging es also nicht.

Da frug sie bei Gelegenheit den Vater, ob der Tochter etwas fehle, sie sei so still. Er sah über seine Brille, die er zum Nachprüfen einer Teppichrechnung aufgesetzt hatte, die Sciora an, abwehrend und misstrauisch. Etwas Stechendes stand in seinem Blick. Doch gleich wurde er wieder wasserklar und freundlich. Nein, die Stella sei gesund, es fehle ihr nichts. Sie arbeite vielleicht etwas zu eifrig, sie habe eben Freude am Weben. Das mache sie nervös. Aber sonst fehle ihr nichts.

Über Stellas Geranien waren die Frauen doch ins Gespräch gekommen. Diese Geranien waren eine Sehenswürdigkeit. Oft blieben Fremde draussen vor den Fenstern stehen und staunten. Da waren alle Sorten von Geranien wie in einer grossen Auslage beieinander. Altmodische und neue, einfache und gefüllte, weisse mit einer roten Flamme im Herzen, seidenblätterig und fast durchsichtig, zartrosenrote, anzufühlen wie warme Haut, dazugehörig das grosse wollige, grüne Blatt, zuckend rote, Trost und Versprechen den Liebenden, büschelige weinrote und fransige violette, die an der Sonne verblassen. Die Stube duftete von Blüten und Blättern. Die Sciora hätte gerne gewusst, was Stella den Pflanzen zuliebe tat, dass sie so reich blühten.

Stella wusste nicht, was es sein könnte, sie pflege sie wie andere Leute. Sie lächelte aber und brach einige Schösslinge ab, die sie der Sciora reichte: «Vielleicht ist der Stock so kräftig.» Diese Schösslinge waren der Beginn ihrer Freundschaft. Ob sie angewachsen seien und Wurzeln treiben, ob sie blühen würden und wann, das wollte Stella wissen. Die Sciora vergass nie darüber zu berichten. Auch bewunderte sie jedes Mal neu die schönen Pflanzen in Stellas Fenstern und bemerkte ihre Fortschritte in Wachstum und Blüte.

Die gemeinsame Freude an den Geranien machte das Mädchen zutraulicher. Es kam nun vor, dass Stella auch über andere Dinge sprach, und die Sciora wunderte sich, wie klug sie war und wie viel sie gedacht hatte. Sie sagte es ihr einmal und fragte, ob sie viel lese. «Das Weben gibt einem Gedanken», meinte sie. «Mir kommt manches in den Sinn, wenn ich webe und sehe, wie aus dem festen Zettel und dem freien Einschlag etwas entsteht. Der Zettel ist nichts für sich allein und der Einschlag auch nicht. Aber zusammen verkreuzt wird daraus ein guter Stoff. Darüber muss ich dann nachsinnen und da kommen die Gedanken von selbst.»

Seit die Sciora sich für das Mädchen interessierte, schien ihr, man spreche nur von ihm. Früher war es ihr nicht aufgefallen. Vielleicht dass wirklich erst seit kurzem das Geschwätz auf Stella kam. Man hörte ihren Namen mit demjenigen von diesem oder jenem Burschen zusammen genannt. Es hiess, sie möchte gerne heiraten und mancher junge Mann denke an sie. Es hiess auch, es sei Streit im Hause des Posthalters. Das freundlich sorgende Wesen des Vaters und die Ergebenheit der Tochter seien nur ein Schild, hinter dem die Wahrheit sich verberge. Und diese Wahrheit sei nicht schön.

«Warum soll denn Stella nicht heiraten?», fragte die Sciora einst die Tante des Mädchens, Fiorina, die ihre Nachbarin war. «Sie ist jung und gesund, auf was will denn ihr Vater warten?» Fiorina zog ihre fetten Achseln in die Höhe und legte die Hände ergeben ineinander, wie sie es auf den Heiligenbildern in der Kirche gesehen haben mochte: «Er ist zu fromm, mein Bruder», seufzte sie, «einen Frömmern gibt es nicht mehr –, und einem weniger Frommen kann er das Mädchen nicht geben. Was würden unsere Alten dazu sagen, wenn sie noch da wären?»

Dagegen war nichts einzuwenden. Tatsächlich galt der Alte für einen der treuesten Diener der Kirche, den man weit im Land herum kenne. Gegen Andersdenkende war er hart und verfolgte sie, wenn es in seiner Macht lag. Mancher murrte deswegen. Für den Pfarrer aber und die Kirche wäre er durchs Feuer gegangen. Er verkehrte nur mit jenen Menschen, die der Pfarrer empfahl, er wählte an den Wahlen so, wie der Pfarrer vorschlug, er beichtete jede Woche, hielt jeden Feiertag ein und ging am Sonntag viermal in die Kirche, wie es dem Pfarrer gefiel. Er war ein frommer Mann und mochte das unklare, aber beglückende Gefühl haben, zu Füssen seines Pfarrers zu sitzen, wie die Jünger zu Füssen ihres Herrn gesessen hatten.

Der Pfarrer lohnte es ihm mit einer auszeichnenden Freundschaft. Er war oft im Hause, wo er nicht nur an den wichtigen Dingen der Seele, sondern auch an allen kleinen häuslichen Sorgen teilnahm. Vor allem wurden die verschiedenen Heiratspläne der Stella mit ihm besprochen. Er erwog, ob dieser oder jener, der hatte verstehen lassen, dass Stella ihm gefalle, für sie passe. Nach genauer Prüfung bestimmte er, der Mann passe nicht.

Der junge Pfarrer

Eigentlich war es stets der Vater, der bestimmte, er passe nicht. Der Pfarrer hatte von Zeit zu Zeit etwas von der natürlichen Bestimmung der Frau fallen lassen, doch gegen die Einwände des Alten, der Betreffende gehe nur selten zur Beichte und er wähle nicht, wie die Kirche es für wünschenswert halte, oder er sei überhaupt ein Moderner, dagegen fand er nichts zu erwidern. Gewiss, der Mann passte nicht für Stella.

Vor kurzem hatte der Posthalter den Schmerz erleben müssen, seinen Pfarrer und Freund fortziehen zu sehen. Der alte Pfarrer wurde pensioniert und ein junger kam an seine Stelle. Der Posthalter übertrug bald seine verehrungsvolle Liebe auf den Jungen und eine späte Zärtlichkeit dazu, die seinem früh verstorbenen Sohne zugekommen wäre, den er zum Geistlichen bestimmt hatte. So kam es, dass auch der junge Pfarrer häufig im Hause des Posthalters war und sich dort wohl fühlte.

Es wurde im Tal manches über den jungen Pfarrer des untern Dorfes erzählt. Man fand ihn ungewöhnlich. Die Leute wollten wissen, er sei aus vornehmen Haus, seine Mutter habe ein Gelübde getan, ihr Sohn, der mit zwölf Jahren schwer erkrankt war, werde Priester, wenn Gott ihn errette, und er habe die Mutter nicht betrüben wollen und die Weihen genommen. Er sei fast ein Heiliger … Die Sciora hatte von dem jungen Menschen einen anderen Eindruck. Sie hatte einst, ohne zu wissen, dass er es sei, eine Begegnung mit ihm. Sie sass oben auf ihrer Gartenmauer und schaute hinunter. Ein Geistlicher kam des Wegs hinauf. Sie kannte ihn nicht und schaute ihn darum genauer an.

Er war sehr gross und schlank, mit einem überaus feingeschnittenen Gesicht, das sich weiss gegen das schwarze Haar und die schwarze Kleidung abhob. Sie wunderte sich über die Erscheinung, die so wenig aufs Land passte. Als der Mann unter ihr war, schaute er herauf, gerade in ihr Gesicht. Er tat, erschreckt, einen kleinen Schrei. Dieser Schrei wiederum erschreckte die Sciora, denn das war nicht der Laut eines Menschen gewesen, sondern der eines Tieres, eines überraschten scheuen Tieres. Sie zog sich verwirrt von der Mauer zurück. Die Köchin Marta erzählte nach Tisch, der neue Herr Pfarrer vom unteren Dorf sei heute zum ersten Male zum hiesigen Herrn Pfarrer, seinem Kollegen, gekommen, ihm einen Besuch abzustatten. So wusste sie, wer der Priester war. Sie musste lange an ihn denken. Wie kann ein Mensch so schreien, und nur, weil er eine Frau erblickt?

Der Tag von Maria Himmelfahrt rückte heran. Dieses Jahr sollte das Fest im oberen Dorf besonders schön werden. Es wurden Gaben gesammelt, die nach der feierlichen Prozession, an welcher sich die heilige Jungfrau selbst, ganz aus Gold, um die Kirche herumtragen liess, versteigert werden sollten. Der Erlös gehörte ihr. Man dachte daran, ihr einen neuen Baldachin anzuschaffen. Der alte würde nicht mehr manche Prozessionen überstehen. Kleine und grosse Mädchen gingen von Haus zu Haus die Gaben sammeln. Ein jeder schenkte etwas, denn wem hat die Muttergottes nicht schon geholfen? Da waren Handarbeiten, Häkelspitzen, gestickte Deckchen, aber auch Lebensmittel, Eier, Hühner und Kaninchen.

Es war noch zu bestimmen, wer in diesem Jahr die Jungfrau würde tragen dürfen. Nicht jeder war dazu berufen. Es musste ein ehrbarer und frommer Mensch sein, der fleissig zur Beichte ging. Es hatten sich vier italienische Holzfäller anerboten. Sie arbeiteten jenseits der Grenze im Wald, doch kamen sie jeden Sonntag ins obere Dorf zur Messe, da es der nächste Kirchort war. Man kannte sie als rechte Leute. Die Mädchen schauten ihnen am Sonntag nach. Besonders der eine, Renzo, gefiel. Er war nicht schön, aber dunkelbraun und stark wie ein Bär. Im linken Ohrläppchen trug er einen goldenen Ring. Wenn er die Frauen aufmerksam ansah, erröteten sie unter ihrem Kopftuch. Alle freuten sich, dass der Pfarrer einverstanden war, Renzo und seine Freunde die heilige Jungfrau tragen zu lassen.

«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.

Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934

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