«Missverständnisse» (3)

Als die Frauen zu Weihnachten aufgefordert wurden, ihr Gespinst im Palazzo gegen den festgelegten Lohn abzugeben, kam so viel gute handgesponnene Wolle zusammen, dass sogar der Lehrer, welcher der Sciora beim Abwägen und Rechnen zur Hand ging, anerkennend staunte.

Die Frauen selbst waren stolz und fühlten sich gehoben. In angeregter Stimmung standen sie lange noch beieinander und plauderten oder beurteilten die Ware, die in Bergen sich türmte … Auch Frau Bonjour war überwältigt, als sie die Wolle bekam, Wolle in allen Schattierungen von Braun bis zum milchigen Weiss, in allen Spinnarten, solche mit Noppen oder abstehenden Haaren, einfädige und vielfädige, lockere, grobe. Sie ordnete sie tagelang nach den verschiedenen Arten und zu den besonderen Zwecken. Doch die eigentliche Arbeit begann erst jetzt für sie, denn die Ware musste verkauft werden, und dieses Amt hatte sie ja übernommen. 

Sie kündete dem Geschäft in der Stadt, das versprochen hatte, am Anfang gleich einige Hundert Kilo Wolle abzunehmen, wenn sie gut ausfalle, stolz an, es könne jetzt geliefert werden, und legte Muster bei. Das Geschäft antwortete nicht. In ihrer Ungeduld begann sie, die Wolle kiloweise abzuwägen und zu verpacken. Als sie so vorgearbeitet hatte und immer noch keine Antwort aus der Stadt da war, schrieb sie nochmals hin, die Wolle liege bereit, wie viel sie schicken solle. Die Sciora, die eine Befürchtung hatte laut werden lassen, am Ende habe man für ein so grosses Geschäft nicht genug Ware, schalt sie aus, sie sei eine unverbesserliche Pessimistin und sie möge sich an ihr alter Frau ein Beispiel nehmen, wie man das Leben anzupacken habe. 

Doch wurde sie etwas unruhig, als auch auf den zweiten Brief keine Antwort kam. Was mochte vor sich gehen? Endlich brachte der Briefträger den erwarteten Bescheid. Das Geschäft schrieb, es danke verbindlich für die Mitteilung und beglückwünsche Frau Bonjour sehr zu dem grossartigen Erfolg, doch könne es jetzt leider keine Wolle brauchen, da es welche von anderswo beziehe, die übrigens weicher sei. Dass sie vor allem billiger war, weil in anderen Gegenden Frauen für weniger Geld spannen, erfuhr sie erst nachträglich.

Das war ein harter Schlag für Frau Bonjour. Sie hatte geglaubt, sich auf das Versprechen, das ihr allerdings nur mündlich gegeben worden war, verlassen zu dürfen. Seit wann lügen die Leute einen einfach an? Das hatte sie nicht voraussehen können. Es schmerzte und beleidigte sie persönlich und sie fasste eine recht schlechte Meinung über das Geschäft, das sich so leichterweise einer Vereinbarung entzog. Sie schrieb an den Chef einen langen Brief, in dem sie ihm alles in Erinnerung rief und klarlegte, was zwischen ihnen ausgemacht worden war. Sie konnte nicht ganz vermeiden, dass ihre Empörung durchzitterte. 

Noch ein Missverständnis

Die Antwort war kühl und verwundert. Frau Bonjour müsse in einem Missverständnis befangen sein, es habe sich nie darum gehandelt, Wolle in grosser Quantität im Tal einzukaufen, doch um ihr entgegenzukommen, möge sie ein paar Kilo schicken. Verwenden könne man sie schwerlich, doch geschehe es, um den guten Willen zu beweisen und im Rahmen des Möglichen an dem wohltätigen Werk mitzuwirken.  

«Habt ihr schon so etwas gehört?», rief Frau Bonjour aus, als sie den Brief gelesen hatte. Sie zeigte ihn jedem, der ihn sehen wollte und beruhigte sich nur langsam über die Schlingelei, wie sie das Verhalten des Geschäftes bezeichnete. Doch sie werde beweisen, dass man nicht auf diesen einen grossen Abnehmer angewiesen war, so wichtig er gewesen wäre. Sie hatte Beziehungen in der Stadt. Kurzentschlossen reiste sie hin und machte Besuche. Ihre Bekannten hörten ihr freundlich zu, bewunderten auch die Wollenmuster, die sie in ihrer Handtasche mit sich trug, doch wollte oder konnte niemand bestellen. Sie erfuhr aber Namen von Geschäften und Webereien, die in Frage kamen, und so begann für sie ein langer, mühsamer Weg, von Stelle zu Stelle. 

Sie redete, zeigte ihre Müsterchen, war freundlich mit Leuten, die sie nicht leiden konnte, zankte sich mit andern, liess sich barsch abfertigen oder hinauskomplimentieren, sie versäumte ihre Zeit da, wo nichts zu holen war, und verfehlte die paar Menschen, die sich für die Sache hätten einsetzen können. Am Abend sank sie erschöpft in ihr Hotelbett, um am andern Morgen von vorne anzufangen. So schwer hatte sie es sich nicht gedacht. Es fanden sich einige kleine Kunden, gewiss, aber jetzt war eine grosse Bestellung nötig, um zu beweisen, dass das Unternehmen Sinn und Zukunft habe. 

Unzufrieden mit dem schlechten Ergebnis ihrer Reise kam sie zurück und richtete nun ihren Unmut auf das Komitee. Sie hielt ihm seine Berechnungen unter die Nase – wo war der vorgesehene, ja versprochene Absatz? – und machte jedem Komiteemitglied einzeln bittere Vorwürfe. Doch die Herren wollten nichts davon hören. Sie verschanzten sich hinter die Zeiten. Die Zeiten hätten sich geändert, seit man den Frauen im Tal das Spinnen vorgeschlagen habe. Damals, ja damals habe es ausgesehen, als ob man nie genug Wolle würde spinnen können, so gross war die Nachfrage, und die Preise dafür seien hoch gewesen. 

Seither aber, jeder wisse es, sei das Geld wertloser geworden und das Leben teurer, für Liebhabereien und Luxus, wie handgemachte Teppiche und Stoffe, sei das Interesse geschwunden, da die Leute ihre Ausgaben auf das Notwendigste beschränkten oder ihr Geld ängstlich sparten. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass in anderen Gegenden Frauen zu spinnen begonnen hätten, als die Frauen im Tal sich noch zu gut dafür hielten, und jene vermöchten jetzt das, was an handgesponnener Wolle verlangt werde, allein zu liefern. Auch sei ihre Wolle billiger. Die Preise, die Frau Bonjour nenne, seien heute viel zu hoch. 

Da aber etwas geschehen musste, schlugen die Herren vor, das Komitee habe die Lage neu zu studieren, andere Berechnungen aufzustellen und einen frischen Plan zu unterbreiten, wie dem Unternehmen zu helfen sei. Bis dahin müsse man warten. So vergingen die Wochen. Was vorauszusehen gewesen war, trat ein. An Ostern war der grosse Raum bei Frau Bonjour, Ballen um Ballen, bis unter die Decke mit Wolle angefüllt. Kaum dass zwischendurch ein schmaler Weg frei blieb bis zum Fenster. Man freute sich nicht mehr darüber, obschon sie so schön gesponnen war wie die erste, man freute sich gar nicht mehr darüber. 

Besonders Frau Bonjour war recht unglücklich. Sie wartete auf die neuen Vorschläge des Komitees und hoffte im Geheimen auf einen späten Erfolg ihrer Werbetätigkeit in der Stadt, die sie nicht aufgegeben hatte. Es sollte doch möglich sein, die schöne Ware loszuwerden, schien ihr. Aus Sorge darüber gönnte sie sich den ganzen Sommer über keine Ruhe. Sie vernachlässigte ihren Garten mit den hohen, grünen Hecken, sie vergass den tiefen Arbeitskorb und verlernte sogar ihr freundliches Lächeln. 

Nach viel unnützer Arbeit, nach fehlgeschlagenen Hoffnungen, Ärger und Verdruss musste sie im Herbst, wohl oder übel, dem Komitee mitteilen, es seien noch drei Viertel der Wolle im Vorrat, es nütze nichts, sich angenehmen, aber falschen Vorstellungen hinzugeben, drei Viertel der Wolle! Man müsse einsehen, es gebe keinen anderen Ausweg, als die Frauen im Tal vor der Herbstschur wissen zu lassen, sie möchten mit Spinnen zuwarten. 

Die «Crisi» und ihre Folgen

In diesem Sommer waren die Männer im Dorf geblieben. Nicht dass sie gerne zu Hause waren, aber sie hatten in den Städten keine Arbeit gefunden, man baue nicht, die Crisi! Wie lange war es her, dass im Sommer die Männer im Dorfe lebten? Kaum jemand erinnerte sich an eine solche Zeit. Nun waren sie also da, und das Leben der Frauen, das sonst gleichmässig zwischen Kartoffellegen und Kartoffelgraben vergangen war, bekam einen andern Gang. Man hätte denken können, sie freuten sich darüber. Ja, wenn ihnen die Männer die schwere Arbeit draussen abgenommen hätten. Doch das taten sie nicht, sie hatten keine Zeit dazu. Sie hatten anderes zu tun. 

Sie standen um den Mann der Sylvestra herum und redeten. Es wurde viel geredet. Die Frauen hörten im Vorbeigehen Worte fallen, die sie nicht ganz verstanden. Sie legten sie auf ihre Art aus: die Reichen … die Armen … es werde sich bald alles wenden, es müsse sich wenden, denn so gehe es nicht mehr weiter … endlich müsse Gerechtigkeit werden in dieser Welt. Ob die Frauen das verstanden! Aber Ermano, der die Dinge im Voraus weiss, kündigte an, es komme nicht besser, im Gegenteil, das Schlimme sei im Wachsen. Als nun angeschlagen wurde, das Komitee werde bis auf weiteres keine Wolle mehr kaufen, war es klar, dass Ermano recht behalten würde, wie immer. Das Schlimme nahm zu, man sah es. 

Die Frauen jammerten sehr. Der Winter lag lang und leer vor ihnen. Wie sollten sie den Haushalt durchbringen, mit dem Mann dazu? Auch die Männer waren verdrossen. Sie hatten mit dem kleinen Verdienst der Frauen gerechnet, um über die schwere Zeit hinwegzukommen. Nun war damit auch nichts! Am ungebärdigsten war der Mann der Sylvestra. Er konnte sich nicht darein schicken, im Dorf zu sitzen, und liess seinen Unmut an der Frau aus, besonders wenn Briefe aus der Stadt ankamen, klatschten die andern. Er lungere den ganzen Tag um die Post herum, so sehr warte er auf Briefe – man wisse ja, von wem sie seien –, und ob die Posthalterin ihm welche zum kleinen Guckfenster herausreiche oder nicht, immer habe es Sylvestra zu büssen.

An einem kühlen Abend spät kam Sylvestra mit einem grossen Ballen gesponnener Wolle in den Palazzo. Sie wolle sie verkaufen, sie müsse Geld haben, der Mann schicke sie, er habe eine Reise in die Stadt vor, sie sei nicht aufzuschieben, aber er habe das Geld für die Eisenbahn nicht beisammen. Die Wolle da habe sie gesponnen, um für die Buben Jacken zu stricken, aber als der Mann heute so … da sei ihr die Wolle in den Sinn gekommen und sie, die Sciora. Ob sie ihr die Wolle nicht abkaufen könne, sie fürchte sich, ohne das Geld nach Hause zurückzukehren. Flehentlich sah sie die Sciora an. «Er ist so aufgeregt», klagte sie leise weiter, «er schilt den ganzen Tag mit den Kindern, er schlägt sie … Er hat keine Zigaretten und kein rechtes Essen. Für mich und die Kinder genügt, was auf den Tisch kommt, aber er ist anderes gewöhnt.» Sie schwieg. Sie schwieg über etwas. Dann wiederholte sie mit einer Stimme, die tapfer sein sollte: «Er ist jetzt eben anderes gewöhnt» 

Sie zog ihre Schultern unter dem Tuch zusammen. Sicher schlug der Mann nicht nur die Kinder, sondern auch die schmale Frau. «Die Crisi», seufzte sie, «was soll noch werden?» Während sie sorgsam mit leichter Hand das Geld vom Tisch nahm, das die Sciora für die Wolle hingelegt hatte, sagte sie sanft: «Wir warten jetzt auf die Revolution. Etwas muss doch geschehen, Gott kann uns nicht so vergessen. Vielleicht hat er ein Einsehen und schickt uns die Revolution.»

Die Sciora sah in der Dunkelheit die frische, rote Narbe an Sylvestras Schläfe leuchten. Du gute Seele, dachte sie, welch Missverständnis, und fügte laut hinzu: «Was meinst du mit der Revolution?» Sylvestra neigte sich verschämt zur Seite, strich mit spitzen Fingern über ihre Schürzentasche, wohin sie den speckigen Geldbeutel versenkt hatte, und schüttelte kaum merkbar den Kopf. 


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
ISBN 978-3-85791-849-0

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