«Missverständnisse» (2)

Es war zu einer Balgerei gekommen, zu Lärm und Gezeter. Die Siegerinnen waren mit den eroberten Spinnrädern in ihre Häuser geflüchtet, und die Zurückgebliebenen tobten jetzt heulend weiter, wie eine Schar verrückter Bienen.  

Dass er selbst sehr unzufrieden war, aus seiner stillen Schulstube in dieses Weibernest geholt worden zu sein, verschwieg der Lehrer, doch die Sciora spürte es an seinem erbosten Ton. Sie selbst war auch aufgebracht und wollte wissen, was zu tun sei. Der Lehrer fand, er wolle jetzt den Hörer anhängen und ihr später Bericht geben, das Gespräch werde sie ohnehin teuer zu stehen kommen. 

Am folgenden Tag erhielt die Sciora zwei Briefe, einen vom Lehrer und einen von der Marta. Der Lehrer schrieb, es werde ihm schwer zu sagen, wie sehr er es bedaure, dass den guten Anordnungen, die sie vor ihrer Abreise getroffen habe, durch ein unglückliches Missverständnis auf so törichte Art zuwidergehandelt worden sei. Dann erzählte er nochmals, was er schon am Telefon berichtet hatte, und fügte bei: «Ich habe durch unsern Gendarm die Spinnräder einziehen lassen. Doch wage ich nicht, sie den rechtmässigen Bestellerinnen auszuhändigen. Wäre es nicht besser, zuerst mehr Spinnräder zu bestellen und sie gleichzeitig mit den ersten zu verteilen? Dürften die einen Frauen jetzt schon spinnen und gewönnen so einen Vorsprung vor den andern, so gäbe es wiederum bloss Streit und Zank.»

Der Brief der Marta lautete: «Meine teuerste Signora bin verzweifelt was geschehen die Frauen waren von Sinnen und ich versichere dass ich nichts dafür kann die Dora schlug die Gelsamina ins Gesicht und blutete als die Anna kam es waren keine Spinnräder mehr da. Teuerste Signora das ist der Dank und ich habe viel geweint und zittere noch teuerste Signora ihre ganz ergebenste Marta.»

Die beiden Briefe schickte die Sciora an Frau Bonjour, damit sie sich ein Bild machen könne von dem Vorfall und von dem Eifer der Frauen, zu spinnen. Es bleibe nichts übrig, als mehr Spinnräder zu beschaffen. Doch sie frage sich, wenn das ganze Tal spinne, was mit der vielen Wolle zu beginnen sei. Ob sich Frau Bonjour das so richtig vorstelle? Frau Bonjour aber war begeistert von der Bereitwilligkeit der Talfrauen, zu spinnen, obschon der Bericht von dem Handgemenge sie unangenehm berührt hatte und sie sich wunderte, wie so viel Frechheit in den jungen Mädchen stecken könne. Besser wäre es gewesen, wenn die Sciora es eben eingerichtet hätte, dabei zu sein. Man kann die Leute sich nicht selbst überlassen, meinte sie in etwas tadelndem Tone am Telefon. 

Was den Absatz der Wolle betreffe, so habe sie keine Sorge. Es sei ihr gelungen, die Zusage eines grossen Unternehmens zu erlangen, das bereit sei, einige Hundert Kilo Wolle abzunehmen, wenn sie gut ausfalle. Sie habe mit dem Chef selbst gesprochen. Er lege das grösste Interesse für die Lage der Talbevölkerung an den Tag und er mache es sich zur Aufgabe, benachteiligten Gegenden, wie unser Tal eine sei, mit Rat und Tat beizustehen, so gut er es vermöge. Der Laden liege übrigens an der besten Geschäftsstrasse der Stadt, acht riesige Schaufenster und innen Saal an Saal. Mit solchen Kunden habe man ausgesorgt. So war Frau Bonjour voller Eifer und Tatkraft und zweifelte keinen Augenblick am Erfolg. 

Die etwas andere Weihnachtsfeier

An Weihnachten kam die Sciora ins Tal. Es wurde ihr haarklein nochmals alles berichtet, was sich mit den ersten Spinnrädern zugetragen hatte, und wie die neuen dann in Ruhe zusammen mit den ersten hätten verteilt werden können. Um den unangenehmen Zwischenfall vergessen zu lassen, hatten sich die Sciora und Frau Bonjour vorgenommen, alle Kinder des Dorfes am Weihnachtstage um einen Tannenbaum zu Schokolade und Kuchen einzuladen. 

Das eine Zimmer mit Steinboden war ausgeräumt und mit kleinen Tischen und Stühlen besetzt worden. Gegen Abend des Festtages zogen die Kinder stumm ein, grosse, kleine, winzige, scheue und freche, jedes mit einer Tasse in der Hand. Im Gang stand der mit silbernen Sternen sorgsam geschmückte Tannenbaum und glänzte im Licht seiner vielen Kerzen. Aber die Kinder schauten kaum hin. Sie drängten einander nach in das Zimmer, in welchem die Tische gedeckt waren und wo sie bald alle mit Getrampel und einigem Gezänk ihre Plätze eingenommen hatten. Als die Köchin Marta die dampfenden Kannen hereinbrachte, schrien sie auf und streckten ihr die Tassen entgegen. Es zeigte sich, dass diese von sehr verschiedener Schönheit und Grösse waren: neben einfachen, am Rand gesprungenen, solche mit Blumen und Sprüchen, neben Puppentässchen, grosse Suppentassen von einem halben Liter Inhalt. 

Marta hatte Mühe, den Trank gerecht zu verteilen, während Frau Bonjour mit dem Kuchenbrett herumging, Schritt für Schritt zwischen den Tischchen hindurch, und in freundlich ermahnendem Tone wiederholte: «Eines nach dem andern, eines nach dem andern.» Es war schwer, den Kindern begreiflich zu machen, dass es besser wäre, wenn nicht alle zugleich nach dem Kuchen greifen würden. Sie wehrte sich und schalt, klopfte etwa auf die gierigen kleinen Hände oder schob dreiste Fingerchen zurück. An den verwundert hochgezogenen Falten auf Frau Bonjours Stirn merkte die Sciora, die Gute hatte von einem Kinderfest eine andere Vorstellung gepflegt. 

Die Sciora betrachtete die Kinder der Reihe nach. Viele schmale, blasse Gesichtchen, schiefe Körperchen, schlenkrige Glieder, viele übermässig grosse und dicke Köpfe, rothaarig oft, auf gedrungenen Schultern. Doch waren auch hübsche und gesunde Kinder darunter. Sie kannte die meisten von ihren lauten Spielen auf dem Dorfplatz her, oder von ihrem geheimen Treiben hinter der Nachbarsmauer, das im üblichen Plagen von Würmern, Schnecken und Katzen – die wilden Buben der Sylvestra waren dabei die Tüchtigsten – und in zweideutig-heftigen Vergnügungen mit Wasserschläuchen, alten Bällen und Ähnlichem bestand, so dass sie über die Leutchen Bescheid wusste. 

Jetzt waren alle hingegeben an das Geschäft des Essens, das eine schwere, bittere und geräuschvolle Arbeit war. Es galt, möglichst schnell möglichst viel in sich hineinzustopfen. Mit heissen Gesichtern sassen die Kinder über ihre Teller und Tassen gebeugt. Sie waren zu warm angezogen und schwitzten in der Enge. Auch hemmten die dicken Winterkleider ihre Bewegungen. Um sich zu befreien, begannen sie sich zu stossen und zu schieben. Hier jammerte schon das Kleinste der Anna, weil es zerdrückt zwischen den Grossen sass und das Gefühl haben mochte, im Wettkampf des Essens nicht richtig mitzukommen, dort riss sein Bruder mit vollem Mund dem Nachbar den eben erhaltenen Kuchen aus der Hand, den sich der Beraubte mit Schlägen wiederholte. 

Am Nebentisch stritten die zwei Buben der Sylvestra um eine der grossen Tassen, die, frisch gefüllt, nun ihren heissen Inhalt über ein stilles, kleines Mädchen ergoss, das in Gezeter ausbrach. In der Ecke vergnügten sich die grösseren Schulbuben bald auf ihre Art, kletterten über Stühle und Tische, machten den Mädchen freche Bemerkungen oder rissen sie an ihren Zöpfen, dass sie rücklings übereinanderfielen. Unterdessen geschah einem der Kleinsten, beseeligt im Gefühl der Sättigung, ein menschliches Missgeschick. Sein verdattertes Gesichtchen und ein verdächtiges Geräusch verrieten es den andern, die gleich Anlass nahmen zu grausamem Spott, worüber das Ertappte vor Scham in so heftiges, krampfhaftes Weinen verfiel, dass ihm bei offenem Munde der Atem schier ausblieb. 

Der Lärm wuchs, die Verwirrung war gross. Die Sciora versuchte Ordnung zu schaffen, niemand hörte auf sie. Die Kinder waren im Zug. Immer mehr nahm ein grimmiger Jubel überhand, der die Heulenden übertönte und dann umstimmte. Jetzt lachten und grölten alle. Die Köchin Marta, Frau Bonjour und die Sciora standen machtlos dabei. Der Lehrer mochte geahnt haben, dass sich das Weihnachtsfest nicht so abwickeln würde, wie es sich die Frauen gedacht hatten. 

Als der Tumult am grössten war, stand er in der Türe und schaute im Kreis herum. Sofort wurde es still. Die Kinder setzten sich wieder, assen erhitzt ihre Kuchen fertig und tranken die letzten Tassen aus. Jetzt konnte man sehen: Auf allen Tischen schwamm ausgeschüttete Schokolade, sie floh über Kleider und Höschen und bildete am Boden kleine dunkle Tümpel. Die Köchin Marta hatte, auf Geheiss der Sciora, Becken und Schwamm geholt, und wusch nun widerwillig und nicht eben zart die ganz verschmierten Händchen und Münder der Kleineren sauber. Dann hiess der Lehrer die Gesellschaft aufstehen.

Frau Bonjour hatte ihm zugeflüstert, es würde sie freuen, wenn die Kinder zum Schluss etwas sängen. Er stimmte an und die Kinder fielen ein. Doch wie merkwürdig klang das! Kein Weihnachtslied, die Kinder kannten kein Weihnachtslied. Es war eines jener traurig-fröhlichen Lieder, welche die Burschen im Sommer singen. Sie schrien es, so laut sie konnten. Es war nicht schön anzuhören. «Singen können sie auch nicht», bemerkte Frau Bonjour missbilligend zu der Sciora, nachdem die Kinder geordnet vor ihrem Lehrer hinausgegangen waren. «Auch singen können sie nicht», wiederholte sie lauter, denn die Sciora stand nachdenklich vor dem Tannenbaum, an welchem noch einige Kerzen brannten.  

«Was ist das gewesen?», fuhr Frau Bonjour fort, «Weihnachten? Doch nicht, bloss eine Abfütterung.» Sie schwang empört ihr Doppelkinn. «Nein, ein Missverständnis bloss», sagte die Sciora sich umkehrend. Frau Bonjour sah sie verständnislos an. Nach diesem seltsamen Fest wurde den Frauen mitgeteilt, sie könnten die Wolle, die sie bis jetzt gesponnen hätten, im Palazzo gegen den vereinbarten Preis abgeben. Sie werde dort gesammelt, um später zu Frau Bonjour in einen eigens dafür bestimmten Raum zu kommen, von wo aus sie verkauft werde. 

Die Macht der Männer

Die Sciora wartete einen Tag. Niemand zeigte sich. Sie wartete einen zweiten Tag; vergebens. Marta hatte seit dem Kinderfest ihr verschlossenes Gesicht. Sie war von vornherein gegen diese Verschwendung gewesen, die ihr nur Arbeit verschafft hatte, aber dass sie zerstampften Kuchen hinter der Kommode gefunden hatte, darüber kam sie nicht hinweg. Sie grollte der Sciora und liess es sie merken, wie wenig sie diesmal mit ihr einverstanden gewesen war. Die Sciora wollte sie in ihrem Hadern nicht stören und fragte darum nicht, was mit den Spinnerinnen sei. 

Am dritten Tag kam die Sylvestra. Sie trug unter ihrem Tuch ein Bündel Wolle, zwei Kilo, gut gewogen. Die Sciora nahm sie von der alten Messingwaage und fragte: «Warum so wenig?» «Die Mutter war krank», sagte leise die Sylvestra, «dann ich.» Sie lüftete ihr Kopftuch und die Sciora sah, dass die böse, alte Wunde unter der Schläfe wieder offen war … «Warum aber», fragte sie weiter, «bringen die andern Spinnerinnen ihre Wolle nicht?»

Die Sylvestra schaute zu Boden, «ich weiss nicht.» Sie ging mit dem wenigen verdienten Geld in ihrer Schürzentasche fort. Die Sciora wurde besorgt. Warum brachten die Frauen ihre Wolle nicht? Sie sah ein, sie würde nicht darum herumkommen, die Marta danach zu fragen. Am Abend fand sich ein günstiger Augenblick. «Hat man den Frauen auch gesagt, dass sie die Wolle bringen können?», fragte sie leicht, wie nebenbei. Da ging die Marta los. «Ja, Sciora, dass Sie es gerade wissen, darauf müssen wir nicht warten. Ich wollte Ihnen die Festtage nicht vergällen – kannst es ihr später sagen, dachte ich, sie erfährt es noch früh genug –, aber weil Sie mich danach fragen: Es ist wirklich alles zu gut, was man für die Leute tut. Oder ist das nun nicht zu viel, sagen Sie, Sciora, ist das nicht zu viel, all die Mühe um die Spinnräder und der Ärger mit den Frauen …? Lange habe ich es in den Knochen gespürt, als sie die Türe hier eingedrückt haben, um die Spinnräder zu nehmen … und der viele Kuchen …   

«Was ist nun mit der Wolle?», unterbrach sie die Sciora. «Nichts ist mit der Wolle», fiel die Marta ein, «keine hat gesponnen. Die Anna hat die ihre selbst gebraucht, zu Jacken für den Mann, wie früher, es sei gut gegen Erkältung, sagt man. Und die andern haben ihre Schafwolle alle dem Händler gegeben, als er im Herbst kam. Keine hat gesponnen!»  

Die Sciora war etwas benommen von dem Gehörten. Sie verstand nicht. «Also», fragte sie, «die Frauen haben nicht gesponnen, sie haben die Wolle ungesponnen ausgetauscht gegen Ware? Aber warum denn? Sie wollten doch alle spinnen?» Marta setzte sich neben die Sciora und tippte ganz leicht auf ihren Arm. Das tat sie selten. Etwas Aussergewöhnliches musste sie bewegen, damit sie sich das erlaubte. «Es sind die Männer», sagte sie mit Betonung und sah die Sciora erwartungsvoll an, was sie dazu sage. Diese begriff noch weniger. Was hatten die Männer beim Spinnen zu tun?  

«Doch, Sciora», warf die Marta eifrig ein und ihre Augen glitzerten, «als die Männer in der Stadt davon hörten, dass die Frauen das Kilo Wolle für ein paar Franken spinnen wollten, haben sie sie ausgelacht, und noch mehr, sie haben es ihnen verboten.» «Sie verboten es?», wiederholte die Sciora, ganz entgeistert. «Ja, sie verboten es», bestätigte die Marta mit böser Genugtuung. «Es ist der Mann der Sylvestra, der damit begonnen hat. Er habe in der Stadt, in der Wirtschaft, wo sich die Männer aus dem Tal treffen, eine Rede gehalten. Sie kennen ihn doch? Es heisst, er habe schlimme Dinge gesagt gegen das Komitee und auch gegen Sie, Sciora, gegen die ganze Ordnung in unserem Lande, eine grosse Rede, und die Polizei sei gekommen … 

«Aber das ist wohl nicht wahr»… Als sie sah, dass der Sciora keine Erinnerung zu Hilfe kommen wollte, beharrte sie: «Doch, Sie kennen ihn. Es ist jener Mann, der damals, als der Palazzo umgebaut werden sollte und der Herr Architekt Arbeiter aus der kleinen Stadt unten hatte kommen lassen, diese fortjagte. Besinnen Sie sich? Jetzt sah die Sciora den Mann wieder vor sich. Ein rothaariger, grosser Mensch mit einem Gesicht wie ein Adler. Breitbeinig war er auf der leichtverschneiten Strasse gestanden – es war vor Ostern und alle Männer noch im Tal – und hatte die ankommenden Arbeiter mit Schimpfworten aufgefordert, sofort zu verschwinden, sie hätten genug Arbeiter im Dorf. Als die Leute nicht umkehren wollten, hatte er Steine, die nebenan auf einem Haufen lagen, den Arbeitern entgegengeworfen. Hinter ihm hatten drohend die anderen Männer aus dem Dorf gestanden. Es sah aus, wie wenn Buben Indianer spielen, aber es war ernst. Der Mann hatte es durchgesetzt, der Architekt musste auf die gelernten Arbeitskräfte verzichten und mit den Arbeitern vom Dorf vorliebnehmen. 

«Immer macht er Lärm, immer wiegelt er die andern auf», fuhr Marta tadelnd fort, «und immer hören sie auf ihn und tun, was er will.» «Wieso hat nun ausgerechnet die Sylvestra Wolle gebracht, als Einzige?», erkundigte sich die Sciora nach einer Weile, «da es doch ihr Mann war, der es verbot, zu spinnen?» «Er ist nicht zu Hause», flüsterte die Marta, «und sie hat Geld nötig, er schickt ihr zu wenig, sie kann damit nicht auskommen, mit der Mutter und den Kindern.»

 Die Sciora achtete nicht der vielsagenden Blicke, mit denen Marta ihre Worte begleitete. «Weiss man, warum er nicht wollte, dass die Frauen spinnen?», fragte sie sachlich weiter. «Er sagt, die Männer verdienen in der Stadt in einer Stunde so viel, wie die Frauen hier mit Spinnen in einem Tag verdienen würden. Sie sollen lieber nichts tun, man dürfe sich nicht ausnützen lassen», erklärte die Marta, unzufrieden darüber, dass sie nicht ausgefragt wurde, weshalb die Sylvestra von ihrem Mann so wenig Geld geschickt bekam.

«Es ist der Preis, der überall für das Spinnen von Wolle bezahlt wird», versicherte die Sciora und Marta stimmte ein: «Ein schöner Preis, ein guter Preis.» Sie glättete liebevoll mit der Hand die Tischplatte vor sich. «Wenn man bedenkt, dass eine Frau neben ihrem Haushalt auf diese Weise … und was in der Stadt wenig ist, hier ist es viel … und was in der Stadt viel ist, ist doch nur wenig, denn sie verbrauchen ja alles, man sieht es, man sieht es am Mann der Sylvestra … aber eben, er hat es verboten.»

 Die Sciora gab zu, dagegen sei nichts zu sagen, ein jeder sei frei zu tun oder zu lassen, was ihm beliebe, nur hätten sie es früher wissen können, die Leute, dass sie nicht spinnen wollen, bevor das Komitee die Auslagen und die Arbeit gehabt hätte mit den Spinnrädern und allem andern. Niedergeschlagen ging sie zum Lehrer sich erkundigen, wie es sich mit dem verhalte, was die Marta berichte. Der Schulmeister zuckte die Achseln, er habe so etwas gehört, doch habe er sich lieber nicht in eine Sache einmischen wollen, die ihn nichts angehe. Er nehme an, so wie er die Frauen kenne, es genüge den meisten, ein hübsches, neues Spinnrad in der Stube stehen zu haben. 

Die Sciora glaubte aus seiner Rede eine gewisse Befriedigung herauszuspüren. Es war ihm offenbar angenehm, dass das modische Unternehmen, bei dem er seinerzeit nicht um Rat gefragt worden war, schon im Beginn versagte. So fuhr die Sciora zu Frau Bonjour hinunter, ihr Herz auszuschütten. Die alte Dame sass an ihrem Schreibtisch und hörte zu, die Feder in der Hand. Als die Sciora erklärte, die Männer hätten den Frauen untersagt zu spinnen, legte sie die Feder sorgsam hin und schob ihre Brille vorn auf die Nase. Sie sah die Sciora darüber hinweg verständnislos an. «Ja, sie haben die Frauen ausgelacht, dass sie für den Lohn, den das Komitee ihnen zugedacht hatte, spinnen wollten, und sie haben es ihnen verboten», wiederholte die Sciora. Sie empfand eine Art Freude, es der guten alten Frau möglichst deutlich zu sagen. Dabei vergass sie, wie stark sie selbst betroffen gewesen war von dem, was sie nur als Böswilligkeit auslegen konnte. «So ist es eben», schloss sie, «und nicht, wie wir meinen.»

Alles nur ein Missverständnis

Jetzt fand Frau Bonjour ihre alte Beweglichkeit wieder. Sie sagte einige Male «unerhört», und segelte durch das Zimmer in den anstossenden Raum, wo das Telefon hing. Dort begann sie ein lebhaftes Gespräch mit einem der Herren des Komitees. Die Sciora hörte einzelne Sätze: «diese Bevölkerung … wo man ihr helfen will … es ist ein Jammer … eigentlich Sabotage, nicht? … und wie stehen wir nun da … unsere Bestellungen … das grosse Geschäft in der Stadt …» Etwas beruhigt kam sie zurück. Die Sciora solle sich nicht grämen, sie sei unschuldig an der Geschichte. Es sei ein Missverständnis. 

Für dieses Jahr sei allerdings an der Sache nichts mehr zu flicken, doch werde das Komitee dafür sorgen, dass die Leute besser aufgeklärt würden über Zweck und Ziel der Bestrebung, über Wollpreise, Absatzmöglichkeit und voraussichtlichen Verdienst. Man werde sehen, im nächsten Jahr wickle sich alles glänzend ab. Es sei nur ein Missverständnis. 

Die Sciora war wenig überzeugt, sie wehrte sich, ihr scheine doch, es liege etwas anderes vor als ein Missverständnis, etwas mehr … Die alte Dame wollte das nicht gelten lassen. Sie liess die Sciora nicht ausreden, sie dürfe sich von dem Geschehenen nicht niederdrücken lassen und jetzt alles schwarzsehen. Bestimmt gestalte sich im kommenden Jahr alles, wie man es wünsche. Sie werde sich selbst darum kümmern, dass das Missverständnis beseitigt werde. Vielleicht müsse man mit dem Mann der Sylvestra sprechen? Da er Einfluss auf die andern habe, würde es genügen, ihn für die Sache zu gewinnen? Die Sciora sah wieder jenen wilden, rothaarigen Mann vor sich, wie er mit ausgestrecktem Arm die Steine schleuderte. Wie ahnungslos die gute Frau Bonjour war! 

Und doch sollte sie recht behalten. Die Stimmung im Tal schlug in der folgenden Zeit wieder zugunsten des Spinnens um. Wie es kam, wusste man nicht genau. Vielleicht hatten die Frauen ihre Lust, zu spinnen und damit etwas zu verdienen, gegen den Willen der Männer und ihr Verbot durchgesetzt, vielleicht auch war es dem Komitee gelungen, den Männern begreiflich zu machen, dass es sich nicht darum handle, ihre Frauen zu übervorteilen und auszunützen, sondern ihnen den angemessenen Verdienst für die leichte Arbeit des Spinnens zukommen zu lassen. Am meisten mochte zu dem Umschwung beigetragen haben, dass der Mann der Sylvestra anderer Meinung geworden war. Die Leute schwatzten, er sei jetzt froh, wenn die Sylvestra etwas verdienen und sich damit allein durchschlagen könne, er sporne sie nun zur Arbeit an – man wisse, warum – er brauche sein Geld anderswo … eben durchaus anderswo … 

So wurde die neue Wollschur fast ganz im Tal behalten und überall sah man gewaschene Wolle zum Trocknen auf den Balkonen aufgehängt. In den offenen Haustüren sassen die Frauen und spannen, mit einem Blick auf der Strasse, dem andern auf der Arbeit. Kinder und Katzen spielten um sie herum. Hier und dort wurde ein kleines Mädchen angelernt. Stolz zeigte die Mutter, wie hübsch ihr Gespinst schon war, und das Kind fühlte sich vor den andern, die noch nicht spinnen konnten, ausgezeichnet. Auch die Frauen packte der Ehrgeiz, jede wollte den feinsten und gleichmässigsten Faden haben, und über diejenigen, die liederlich arbeiteten, wurde die Nase gerümpft, sie könne nicht einmal sauber spinnen. 

Sie rechneten einander vor, wie viel eine jede gesponnen habe, und da war die Anna obenan, aber noch fleissiger war die Sylvestra, denn da sie mit der Kunkel zu spinnen verstand, arbeitete sie auch draussen, beim Ziegenhüten oder auf einem Gang, immer hielt sie Wolle unter dem Arm eingeklemmt und liess an dünnem Faden mit geschickten Fingern die Kunkel kreisen und springen. Sie war froh über die Arbeit, sie konnte dabei gut über manches nachdenken – und sie war froh etwas zu verdienen, denn der Mann schickte kaum mehr Geld nach Hause – und gerade darüber musste sie so viel nachdenken. Sie wusste, die Leute tuschelten, er habe eine andere Frau in der Stadt, eine junge, hübsche, die ihm alles Geld verbrauche, für Kleider und Vergnügen. Eine andere Frau? Sie wusste nicht, ob das wahr sei. Wie konnte so etwas wahr sein? Aber doch … sie mit ihrer hässlichen Narbe an der Schläfe, die immer wieder aufging … und er war so schön … der Schönste im Dorf, im ganzen Tal … 

«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

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