«In unserem Haus» Von Susanne Mathies

Frau Konarski ist eine Hexe. Sie wohnt im Stockwerk unter uns, und wenn ich morgens auf dem Weg zur Schule bin, gehe ich immer auf Zehenspitzen die Treppen hinunter. Aber manchmal bemerkt sie mich trotzdem. So als ob sie auf der Lauer gelegen hätte. Dann geht plötzlich ihre Wohnungstür auf, ein Krückstock schiesst heraus, und das gebogene Ende legt sich fest um meinen Arm. Eingefangen.

«Ihr habt letzte Nacht schon wieder getrampelt wie eine Elefantenherde!», ruft sie meistens. «Das hält ja kein Mensch aus! Wie kann man nur so rücksichtslos sein!», und jedes Mal sagt sie: «Weisst du eigentlich, wie alt ich bin? S e c h s – u n d – n e u n z i g Jahre, und seit fünfzig Jahren wohne ich in diesem Haus!» Das interessiert mich zwar nicht die Bohne, aber sie lässt mich nicht weitergehen, der Krückstock umklammert meinen Arm. Und sie erzählt mir jede Menge langweiliges Zeug; dass die neuen Medikamente sie müde machen, aber dass sie nachts nicht schlafen kann und dass die neue Salbe wirklich gut ist. Alles Sachen, die sie mal zu ihrem Arzt sagen sollte, nicht zu mir. Denn ich muss weiter, sonst komme ich zu spät zur Schule und bekomme jede Menge Nervereien mit der Klassenlehrerin. Ja, ich gebe zu, ich habe ein bisschen Angst vor Frau Konarski. Wie die meisten hier im Haus. Nur meine Freundin Eva nicht, die hat vor nichts und niemandem Angst.

Als sie mich neulich abgeholt hat, weil wir für ein Schulprojekt in die Bücherei gehen wollten, sprang bei unserem Weg nach unten wieder Frau Konarskis Tür auf, und sie streckte den Krückstock durch den Türspalt. Diesmal erwischte sie nicht mich, sondern Eva. Da war sie anscheinend selbst überrascht, denn sie machte die Tür ganz auf, sodass wir sie sehen konnten – in ihrer Kittelschürze und den krummen Beinen in karierten Hausschuhen. 

«Na, Sie sind aber ganz schön kräftig für Ihr Alter», sagte Eva und lachte. Das war Frau Konarski gar nicht recht, dieses Lachen. Ihr faltiges Gesicht wurde noch verkniffener, und sie fing wieder an mit ihrer alten Litanei: «Wisst ihr eigentlich, wie alt ich bin? Sechs-und-neunzig Jahre, und seit fünfzig Jahren wohne ich in diesem Haus!» So als ob ihr das ein Recht geben würde, jedem auf die Nerven zu gehen.

«Ehrlich?», fragte Eva, «seit 1970?» Das muss eine spannende Zeit gewesen sein. Wir machen nämlich gerade ein Schulprojekt über die Jugendbewegung in der Schweiz. Aber da waren Sie wahrscheinlich schon zu alt, um was davon mitzubekommen, echt schade. 

Frau Konarski war erst einmal sprachlos. Dann rüttelte sie mit ihrem Krückstock an Evas Arm. «Geh nicht weg!», befahl sie mit schriller Stimme. «Bleib hier stehen, ich komme gleich wieder.» 

Dann nahm sie tatsächlich freiwillig ihren Stock weg und humpelte ins Dunkel ihrer Wohnung. Da hätten wir problemlos abhauen können, aber Eva war neugierig geworden und meinte, wir sollten mal abwarten. Wir hörten, wie drinnen quietschende Schranktüren aufgerissen wurden, Papier raschelte, Schubladen ächzten. Dann kam Frau Konarski wieder zurück, der Stock stampfte auf dem Boden; die machte bestimmt mehr Krach als wir, dachte ich.

«Da! Schauen Sie!» Sie drückte Eva ein Foto in die Hand. Darauf waren zwei langhaarige Frauen in Jeans zu sehen, die eine im mittleren Alter, die andere ein Teenager, dahinter eine Menschenmenge und ein Banner mit der Aufschrift «Opernhaus raus aus der Roten Fabrik!»

«Sind Sie das etwa?» Eva war sich nicht sicher, ob sie gerade veräppelt wurde. Frau Konarski verzog ihr mageres Gesicht zu etwas, was fast wie ein Lächeln aussah. «Ich war mit meiner Enkelin auf dem Bob-Marley-Konzert, und da haben wir hinterher mitdemonstriert: gegen diese überzogene Subvention von bürgerlichen Kultureinrichtungen. Das war aufgenommen worden, bevor die Polizei kam, da war es noch ruhig.»

«Und später? Sind Sie dann noch geblieben?» 

Ja, als die Bewaffneten auf die Menge zugingen, war es nicht mehr lustig.» Frau Konarski schüttelte den Kopf. Nun sah sie nicht mehr kampflustig aus, sondern in Erinnerungen versunken. Eva sah mich fragend an, und mir war natürlich klar, was sie wollte. Na gut, dachte ich und nickte.

«Dürfen wir mal am Nachmittag zu Ihnen kommen und Sie für unser Schulprojekt interviewen?», fragte Eva. «Das wäre super nett von Ihnen. Wir bringen auch Kuchen mit.» 

«Ich darf nichts Süsses essen.» Jetzt wirkte Frau Konarski wieder grantig. 

«Dann bringen wir ein paar Blumen. Dürfen wir?»

«Na gut. Aber nur zwischen drei und vier, danach kommt mein Arzt.» 

Und dann schloss Frau Konarski die Tür. Freiwillig.

Das Interview mit ihr war wirklich spannend, das muss ich zugeben, da erfährt man doch mehr als aus alten Zeitungsberichten. Wahnsinn, was da alles gelaufen ist. Aber dass Eva neuerdings fast genauso oft zu Frau Konarski zu Besuch kommt wie zu mir, finde ich schon etwas seltsam. Aber sie ist eben Bob-Marley-Fan, und ich nicht.


Susanne Mathies, 1953 in Hamburg geboren, lebt in Zürich, promovierte in Wirtschaftswissenschaft und in Philosophie. Sie schreibt auf Deutsch und Englisch und hat bisher drei Kriminalromane, zahlreiche Gedichte und Kurzgeschichten veröffentlicht (in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien). Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin arbeitet sie als Unternehmensberaterin.


«Voll im Wind»

Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps

Grossvater riecht nach Schnaps und Grossmutter lacht nicht mehr. Was ist passiert? «Älterwerden ist kein Spaziergang», erzählen Betroffene – und die Jüngeren nehmen es irritiert zur Kenntnis. Ruth und Fritz haben es doch schön in der Alterswohnung, und Trudi wird im Pflegeheim rund um die Uhr verwöhnt. Was ist daran so schlimm?

Es sind dies die Übergänge und Brüche; vermehrt gilt es, Abschied zu nehmen: vom Haus, vom Partner, vom Velofahren. Das Gehen verändert sich weg von der Selbstverständlichkeit hin zur Übung und Pflicht; das Autofahren ist ohnehin ein Tabu, so will‘s die Tochter. Ist es da so abwegig, den Kopf hängen zu lassen? Sich Pillen verschreiben zu lassen oder ein Glas über den Genuss hinaus zu trinken? Ja, es ist abwegig, weil es auf Abwege führt und nicht auf einen grünen Zweig.

22 Schweizer Autorinnen und Autoren erzählen Geschichten über ältere Menschen, denen der Wind derzeit mit voller Wucht entgegenbläst. Ein Anhang mit einfachen Infos und Tipps sowie weiterführenden Adressen bietet den nötigen Windschutz.

  • «Voll im Wind – Geschichten von A wie Altersheim bis Z wie Zwetschgenschnaps», Hrsg. Blaues Kreuz Schweiz,© 2020 by Blaukreuz-Verlag Bern, ISDN 978-3-85580-549-5
  • Cover-Illustration: Tom Künzli, TOMZ Cartoon & Illustration, Bern. Lektorat: Cristina Jensen, Blaukreuz-Verlag. Satz und Gestaltung: Stephan Cuber, diaphan gestaltung, Liebefeld. Druck: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg
  • Das Projekt wird vom Nationalen Alkoholpräventionsfonds finanziell unterstützt. Für Begleitpersonen stehen unter www.blaueskreuz.info/gesundheit-im-alter weitere Fachinformationen zu den Themen des Buches bereit.

Beitrag vom 20.02.2022

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