«Hintergründe» (2)

Am Abend, während des Nachtessens, läutete die Gartenglocke heftig. Die Sciora dachte gleich, das seien die Weiber wegen der Ziegen. Doch die Marta ging ruhig weiter ein und aus und so vergass die Sciora zu fragen, wer so geläutet habe. 

Erst viel später sagte die Marta so nebenbei: «Die Weiber warten dann draussen.» Die Sciora schaute ihren Mann flehentlich an, er möge doch mit den Leuten verhandeln gehen, es sei ja vor allem sein Hund. Er stand auf und ging hinaus, die Sciora hintendrein. 

Beim Tor standen ein Dutzend Frauen und machten einen summenden Lärm, weil sie alle durcheinander sprachen. Es tönte wie vor einem Orchesterkonzert. Als der Scior auf sie zukam, wurden sie still. Aus Ängstlichen Gesichtern schauten sie ihm entgegen. Den Hund hielt er dicht neben sich. Dann stellte er ein paar Fragen, doch wurde er nicht klug aus den Antworten. Zum Schluss fragte er, wie viel eine Ziege koste. Das war schwer zu erfahren. 

Endlich kam ein Preis von fünfzig Franken für eine Ziege zustande, so nämlich, dass zu dem normalen Preis von dreissig Franken die Summe dazu gerechnet wurde, die die Milch des Tieres in den drei verflossenen Monaten eingetragen hätte, ferner wurde das Heu berechnet, das über den Winter der Ziege hatte verfüttert werden müssen, da viel Schnee gelegen sei. Fünfzig Franken, ja, so viel müsse man rechnen, sagten sie alle zusammen. Der Scior brach nun den Chor der Weiber ab. Er sagte, er wolle sich alles noch einmal überlegen, sie sollen im Laufe der Woche wiederkommen.

So verliefen sich die dunklen Gestalten. Der Hund schmiegte sich an seinen Herrn, es schien der Sciora in der Dunkelheit, dass sich beide zulachten. Ein paar Tage vergingen. Dem Scior war die ganze Sache lästig. Am liebsten hätte er den Weibern das bezahlt, was sie verlangten, ohne nachzuprüfen, ob sie ein Recht darauf hätten, nur um Ruhe zu bekommen. Aber würde er auf diese Weise Ruhe bekommen? Er hatte die Erfahrung gemacht, dass diese Menschen, wenn sie einmal Geld gesehen haben, sich nur schwer mehr zufriedengeben, und bald hätte er alle Ziegen, die hier oder dort im Laufe des Jahres von den Hängen stürzen, bezahlen müssen, wer weiss, noch Ziegen, die krankheitshalber starben oder die gar nie existiert hatten. Das widerstand seinem Gerechtigkeitsgefühl. 

Diese Bande, murmelte er, diese Bande, und meinte damit wohl die ganze Menschheit, für die er nicht viel Achtung übrighatte. Ende der Woche kamen die Nachbarn aus dem nächsten Städtchen an. Es waren ursprünglich Leute aus dem Ort, sie wohnten aber in der kleinen Stadt im Tal, wo der Mann Richter war, und verbrachten nur die Sommermonate im Dorf. Als der Scior den Richter aus seinem Auto steigen sah, den Papagei Laura auf der Schulter, ihn mit umsichtigen Worten die ersten Anordnungen erteilen, grüssen, und zwar so grüssen hörte, dass jeder der herumstehenden Dorfleute sich in seinem Wesen besonders berücksichtigt, verstanden und an seinen Platz gerückt fühlte, da ging es dem Scior auf: Der Herr Richter soll in der Ziegenfrage entscheiden, was zu tun ist. Ihn sollten sowohl die Sciori wie die Weiber als Schiedsrichter annehmen. Und so käme er, der Scior, aus der Verantwortung heraus. 

Am Nachmittag ging er denn auch zu den Nachbarn, sie zu begrüssen, nach diesem und jenem zu fragen, um zum Schluss, ganz zum Schluss, wie es hier üblich war, mit der Hauptsache zu kommen. Der Richter hatte schon von der Ziegengeschichte gehört. Er sah ein, dass die Lage des Scior eine heikle war, denn, gab er dem Begehren der Frauen nach – und hinter den Frauen standen die Zeugen und durch Verwandtschaft und Verschwägerung das ganze Dorf, alle wollten sie bei dieser Gelegenheit ein paar Franken von dem guten Geld der Sciori erwischen –, dann würden sich nachher nicht nur Missetaten des Hundes in Menge finden, sondern auch andere Gründe, weswegen die Sciori etwas ersetzen oder bezahlen müssten, und des Bettels gäbe es kein Ende. 

Zahlte der Scior aber nicht oder wenig, so war es gut möglich, dass der schöne Hund eines Morgens vergiftet aufgefunden würde. Er erzählte, wie dieser und jener sein treues Tier auf diese Art, aus Vendetta, verloren habe. Der Scior machte ein nachdenkliches Gesicht und erwog, ob es nicht das Beste wäre, um solchem auszuweichen, den Hund wegzutun, wie seine Frau angeregt hatte. Er vermochte sich aber nicht von ihm zu trennen und so wollte er versuchen, mit des Richters Hilfe die richtige Art zu finden, die Weiber zu beschwichtigen. 

Die Gerichtsverhandlung

So wurde den Frauen mitgeteilt, sie hätten sich samt ihren Zeugen am Sonntag nach der Vesper bei den Sciori einzufinden. Es würden auch die Köchin Marta und Herr Martino da sein, damit eine volle Gerichtsverhandlung beieinander sei. Herr Martino hatte einen Besuch zu machen bei Verwandten unten im Tal und liess sich entschuldigen. Die Frauen erschienen aber, es waren die zwei Klägerinnen und einige Zeuginnen. Der Richter, der Scior und die Weiber setzten sich um den Tisch vor dem Haus und die Verhandlung begann. Der Richter hob sein kleines, klares Gesicht und bat, man möge ihm erzählen, was sich alles zugetragen habe. 

Sofort begannen die zwei Klägerinnen gleichzeitig ihre Geschichte vorzutragen. Die Rothaarige kam nach zwei Sätzen schon in ein Geschrei, dass man von der anderen kaum noch etwas hörte. Der Richter hiess beide schweigen, es sollte eine nach der anderen ihre Sache vortragen. Gleich begann die Rothaarige wieder. Sie erzählte mit unglaublicher Schnelligkeit, wie der Hund zwischen die Ziegen gefahren sei, die einen nach oben jagend, die anderen nach unten, und wie er erst mit seinem Wüten aufgehört habe, als keine Ziege mehr zu sehen gewesen war. 

Es schien unmöglich, die Frau zum Schweigen zu bringen. Sie schrie und fuchtelte seltsam wild mit den Armen und den bleichen Händen, immer um zu beweisen, dass der Hund die Ziegen zu Fall gebracht habe. Erstaunt zuerst und dann abwehrend hörte der Richter zu. Endlich schwieg die Frau und die andere kam an die Reihe, den Vorgang zu erzählen. «Die Ziegen weideten unter dem Palazzo. Alle beisammen. Da kam der Hund wie ein Ungeheuer und tanzte zuerst um die Ziegen herum, dann zwischen sie hinein, er trieb sie auseinander, die Tiere rannten in grosser Angst gegen den Abgrund, doch auch dorthin verfolgte sie der Hund. Und dann fielen sie.» 

Der Richter wollte nun wissen, ob jemand sie habe fallen sehen. Die erste Zeugin hatte nur den Hund gesehen, wie er unter der Kapelle am Hang gestanden und in die Tiefe geschaut hatte, die Zunge zum Maul heraus. Nein, sonst hatte sie nichts gesehen. «Wie», fuhr da die rothaarige Filomena dazwischen, «nicht gesehen, wie die Ziegen fielen?» Sie bekam einen ganz roten Kopf vor Zorn, stand auf und wollte weiterreden, als der Richter sie heftig aufforderte, jetzt zu schweigen, die anderen hätten auch noch etwas zu sagen. 

Die zweite Zeugin erzählte lang und breit, wie sie die Herde am Morgen gesehen habe, sie sei gerade mit der Milch heraufgekommen vom Stall. «Die Tiere standen und gingen, die Alten mit den Zicklein, es war schön.» «Was hast du sonst gesehen», fragte der Richter. «Ich? Nichts», meinte die Frau. Da fuhr die Filomena in die Höhe, ihre Augen flackerten und aus ihrem blassen Mund verlor sich ein kleiner Faden Speichel, den sie rasch und verschämt mit dem Handrücken auffing. Sie versicherte und schwur, dass sich alles so zugetragen habe, wie sie es sage, und begann wieder mit ihrer Erzählung. 

Der Richter unterbrach sie mit der Frage, ob sie selbst denn gesehen habe, wie die Ziegen fielen. Darauf musste sie kleinlaut beigeben, gesehen habe sie nichts, gar nichts, am Abend hätten nur die Ziegen gefehlt, «aber ich habe es gleich gesagt, es ist der Hund.» Sie zitterte am ganzen Leib und ihr Atem ging schwer. Nun kam aber für sie der grosse Moment: Endlich fand sich die Zeugin, die alles gesehen hatte, den Hund allein, die Ziegen allein und dann den Hund zwischen den Ziegen. «Und dann sah ich sie fallen», sagte sie, «sie fielen wie Steine.» 

Nicht nur die Filomena, auch die anderen Weiber atmeten auf. Nun war es gesagt. Die Frau rieb sich mit der einen Hand über das linke Auge, welches seltsam nach aussen schielte und ihr einen unheimlichen Ausdruck verlieh. Sie hatte es also gewagt. Die anderen fühlten etwas wie Neid, dass nicht sie es gewagt hatten. Also sie hatte alles gesehen. Die Rothaarige lachte mit ihrem zahnlosen Mund, ihre Hände flogen hin und her, sie stand wieder auf und schrie: «Nun sieht man ja, dass ich recht habe. Der Hund hat es getan. Immer fährt er frei herum, jeder im Dorf kann es bezeugen. Immer ist er unterwegs nach Unfug aus.» 

Ihre Stimme wurde hoch und kreischend … Die Sciora und die Marta standen in der Nähe unter der Haustüre, sie hörten das Durcheinander und wunderten sich über die Frechheit der Filomena. Marta war ganz blass, sie sagte vor sich hin: «Das Luder will nur Geld, es ist alles gelogen.» Da schrie die Rothaarige laut auf: «Wir sind arme Leute und Sie sind reiche Sciori …» Worauf der Richter sagte, es handle sich nicht um reich oder arm, es handle sich um das, was richtig sei. Die Rothaarige liess aber nicht nach, sie stand wieder auf, verwarf die Arme und übertönte ihn: «Doch, wir sind arme Leute und sie sind reiche Sciori, und was macht es ihnen aus …» 

Der Richter, der genug bekam von dem Gekreische, sagte zum zweiten Male, nun schon heftig: «Es handelt sich nicht …», aber die Rothaarige warf dazwischen, mit grosser Geste: «Wir sind arme Leute und sie sind …» «Zum Donnerwetter», liess sich da der Scior hören, der bis jetzt geschwiegen hatte. Er klopfte laut auf den Tisch, dass alle zusammenfuhren: «Es wird hier nicht gefragt, wer arm und wer reich ist, es wird gefragt, wie die Sache sich zugetragen hat.» Die Frau setzte sich, nestelte an ihrem Kopftuch und die Sciora sah es ihrem Gesicht an, sie war daran, zu begreifen, dass es sich vielleicht wirklich darum handle, wie die Sache sich zugetragen habe.

Und da sie allen Grund hatte, alles zu tun, damit es nicht an den Tag komme, wie die Sache sich wirklich zugetragen hatte, so nahm sie einen neuen Anlauf. Sie begann nochmals ihre Geschichte zu erzählen. Sie beschrieb, wie die Ziegen davongerannt seien, wie die Glöcklein geläutet hätten, dass die Tiere dann gefallen seien wie Steine und darum am Abend nicht in den Stall zurückgekehrt seien. Sie arme Frau, sie arme Frau! Alle waren benommen von dem Geschrei. Sogar die Zeuginnen wunderten sich über den Redeschwall ihrer Freundin und machten verlegene Gesichter. Der Richter hielt sich den Kopf. 

Da begann der Scior Fragen zu stellen, danach, wem die schon stinkende Ziege – es hatte heute noch niemand davon gesprochen – gehört habe. Die Rothaarige, deren Eigentum sie gewesen war, sprang auf: «Stinkende Ziege, sagen Sie? Sie hat nicht gestunken, der Federico lügt, wenn er das sagt. Sie hat es nicht.» Nun liess der Richter die Marta kommen. Mit ihrem feinen Gesicht sah sie aus wie eine Dame unter den Weibern. Ihre langen Ohrringe zitterten vor Erregung, aber sie nahm sich zusammen und sagte klar, was sie schon so oft erzählt hatte: «Federico hat gesagt, als er das Tier aufschneiden wollte, habe es so gerochen, dass es ihn davongetrieben hat. Es war schon ganz verdorben. Die Leute, die oben am Hang standen, haben es auch gerochen. Sie sollen kommen und es hier sagen.» 

Die Rothaarige stand über den Tisch gebeugt und starrte die Marta an. Nun zischte sie: «Sie lügt, sie lügt, die Ziege hat nicht gerochen. Und wenn sie gerochen hat» – jedermann wusste, dass das der Fall gewesen war –, «wenn sie also schon vorher gefallen ist, so hat auch der Hund sie getrieben. Alle wissen, wie er frei herumläuft, alle können es bezeugen, nicht Thusnelda, Anna?» Sie schaute im Kreise von einer zur anderen, aber alle wichen ihrem Blicke aus. 

Da zeigte die Rothaarige nochmals der Marta ihr blasses, verzerrtes Gesicht, hässlich in seiner Leidenschaft, machte die Faust und sagte nur das eine Wort «Du!». Die Frau war erschreckend anzusehen, es fror die Sciora, aber sie musste immer wieder in das entstellte Antlitz schauen, dem frühere Schönheit und Anmut noch anzusehen waren. Was hatte das Weib so hässlich gemacht? Die Unterhaltung am Tisch artete hier wieder in Lärm aus, nichts war zu verstehen und der Richter musste mit harter Stimme Ruhe schaffen. Er sagte laut: «Ich möchte weiter nichts erfahren, als was geschehen ist, und wenn der Hund der Sciori schuld ist am Tod der Ziegen, wenn es auch nur möglich ist, dass er schuld ist – denn beweisen könnt ihr es doch nicht –, so wird der Scior den Schaden zahlen.»

Den Schaden begleichen

Er hatte es langsam und deutlich gesagt. Daraufhin wurde es still. – Die Frauen hatten zum ersten Mal begriffen, dass die Sciori ihnen einen Schaden, den der Hund angerichtet hätte, wirklich bezahlen wollten. Es gab ein Staunen. Von dem Moment an waren alle geschlagen, sogar die Filomena konnte sich zu keinem Lärm mehr aufraffen. Es schien ihr leidzutun. Sie hatte noch lange nicht alle Kraft ausgegeben. Der Scior fuhr nun leise fort, um die Sache zum Schluss zu bringen, er wolle annehmen, dass zwei grosse und eine kleine Ziege zu Tode gefallen seien, weil der Hund sie gejagt habe. 

Atemlose Stille. Die Sciora hörte es fast in den Köpfen der Weiber drehen: Er will also auch … die Ziege der Filomena, die doch … schon am … zahlen? Dann lebten sie auf, auch die Zeuginnen sahen den Lohn winken. «Was kostet eine Ziege?», fragte der Scior. Die Frauen waren so ernüchtert von der raschen Wendung zum Guten, dass sie sich mit dreissig Franken für eine grosse und mit achtzehn Franken für die kleine Ziege – im Prinzip – zufrieden erklären konnten. 

Schnell fing da aber die Filomena noch einmal zu reden an, die kleine Ziege sei gar keine kleine Ziege gewesen, sie hätte im folgenden Monat schon ein Zicklein geworfen und dann Milch gegeben, also seien achtzehn Franken viel zu wenig. Und dann das Zicklein, das hätte sie verkaufen können und … Sie erholte sich zusehends und fing neu zu kämpfen an. Auch die Anna fand nun, dreissig Franken seien nicht genug. Ihre Ziege sei besonders schön gewesen. Die Marta zitterte vor Ärger über diese Preise. Sie fand die Frauen so frech, dass das sogar den lieben Gott, der doch geduldig sei, erzürnen müsse. Er werde sie schon bestrafen. Und sie nickte der Sciora freudig zu, als der Richter den Weibern barsch zu verstehen gab, dass über die Preise nicht mehr zu reden sei. 

Der Scior machte sich nun den Spass, die Frauen zu fragen, ob er ihnen neue Ziegen kaufen solle, oder ob sie lieber das Geld hätten. Die Rothaarige war auf alles gefasst gewesen, nur nicht auf das. Sie fand keine Antwort auf diese Frage. Sie schaute nur mit offenem Mund den Scior an. Die andere dagegen sagte bedächtig, ihr sei beides recht. Doch sei zu bedenken, dass eine neue Ziege sich nicht mit der übrigen Herde vertragen könnte, am Ende laufe sie davon. Filomena tat einen Seufzer der Erleichterung und fügte bescheiden und ölig bei: Ja, das sei eben wirklich nicht gut zu machen, neue Ziegen kaufen, weil Ziegen, die fremd zur Herde kommen, von dieser ausgestossen würden. Es gäbe nur neues Unglück. 

Der Scior und der Richter schauten sich an und lächelten. Sogar die Marta musste in ihrem Zorn auflachen. Allen war klar – was schon vorher allen klar gewesen war –, dass es sich einzig und allein darum handle, ein wenig Geld zu bekommen. So griff der Scior in seine Tasche und holte Geld heraus. Er sagte: «Hier sind zwanzig Franken für die kleine Ziege der Filomena und dreissig Franken für die grosse, die schon übel roch», und legte das Geld vor die Frau hin. Sie nahm es sofort und versteckte es unter ihrer Schürze. «Und hier sind zweiunddreissig Franken für die Ziege der Anna, weil sie das Unglück gehabt hat, nur eine Ziege zu verlieren. » 

Er hatte kaum ausgesprochen, als die Filomena ihr Geld wieder auf den Tisch gelegt hatte und rief: «Dann auch mir zweiunddreissig Franken. Für die grosse Ziege. » Der Richter sagte schnell: «Nun, hast du nicht zwei Franken zu viel für die kleine Ziege erhalten? So nimm diese zwei Franken für die grosse», worauf alle in lautes Gelächter ausbrachen, denn offenbar war die Habsucht der Filomena auch den anderen zu viel geworden und sie freuten sich, dass sie zu guter Letzt doch nicht ganz auf ihre Rechnung gekommen war. 

Die Rothaarige sass wie eine Gewitterwolke zwischen den lachenden Weibern und sann auf Rache. Aber es fiel ihr nichts mehr ein, denn sie fühlte sich im Stich gelassen von den anderen. Mit grünem Gesicht starrte sie vor sich hin, während die anderen in immer fröhlichere Stimmung gerieten. Nun bat der Scior, Marta möge für die Frauen Malaga und Gläser bringen. Die Marta traute ihren Ohren nicht, sie schaute die Sciora entrüstet an: «So ist nun unser Herr», sagte sie, ging unwillig zum Schrank, entkorkte langsam eine Flasche und brachte die kleinsten Gläser, die sie finden konnte. 

«Längst gross genug für diese …», brummte sie. Als sie das rote Brett mit den Gläsern und der Flasche auf den Tisch gestellt hatte, bot ihr der Scior an, sie solle für sich selbst auch ein Glas holen. Sie lehnte aber würdevoll ab, Wein tue ihr an den Zähnen weh – sie trug seit Jahren ein falsches Gebiss –, und ging stolz ins Haus zurück. Als sie an der Sciora vorbeikam, die immer noch in der Haustüre stand, meinte sie, mit den Frauen wolle sie nichts mehr zu tun haben, am liebsten würden die Frauen sie ja umbringen, weil sie offen geredet habe, und aus Neid, dass sie hier im Hause sein könne, sie wollen sie draussen haben; diese Filomena … 

Die Sciora fiel hier ein: «Beruhige dich, man sollte doch einmal bedenken, dass derjenige, der den Hund laufen liess, schuld an allem ist, nicht die Frauen.» Wie von einer Wespe gestochen, kehrte sich die Marta um, sie war schon fast in der Küche angekommen: «Sciora, ich bin es nicht. Ich schwöre es!» Die Sciora sah ihr ruhig ins Gesicht: «Ich sage das nicht, aber jemand muss es gewesen sein. Warum ist eigentlich Herr Martino heute nicht gekommen?» Die Marta wurde rot und die Sciora wusste Bescheid. Sie sagte als Beschluss: «Es ist festzuhalten, dass derjenige, der den Hund unbewacht laufen liess, eigentlich das Geld für die Ziegen hätte bezahlen müssen, das sagte auch der Richter. Aber wir wollen ihn nicht suchen.»

Nun schaute Marta ihre Sciora mit einem langen, seltsam bewegten Blick an und ging dann in ihre Küche. Die Sciora stand allein im Gang. Sie versank in Gedanken. Wohl hatte Herr Martino an jenem Tage die Glocke angebracht am Gartentor, wohl war Marta zur angegebenen Zeit zum Mittagessen nach Hause gegangen und wieder zurückgekommen, aber da war noch etwas geschehen, warum die beiden nicht bemerkt hatten, dass der Hund fortgelaufen war. 

Sie wusste, was geschehen war, als ob sie dabei gewesen wäre. Denn sie hatte es Öfters, mit geheimem Vergnügen, beobachtet, wie Marta aus dem kleinen Waschhäuschen tritt, vogelartig nach rechts und nach links schaut, die Schürze glatt streicht, nach den Löckchen greift und schnell davongeht, wie nachher Herr Martino mit hochrotem Kopf herauskommt, seinen Schnurrbart zieht, den Hut aufsetzt und brummt: Ja, Ja! 

Aus diesen Gedanken wurde die Sciora durch lautes Scherzen vor dem Hause aufgeweckt. Es ging da hoch her. Sie hörte den Scior sagen, die Frauen könnten sich rühmen, sie hätten zwei Männer geschlagen. Die Weiber jubelten, die Männer lachten; es war ein Fest, fand die Sciora. Aber wer wurde denn eigentlich gefeiert? Doch gewiss nur die Hintergründe, dachte sie seufzend, die auch heute wieder gesiegt hatten.

«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

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