«Hexen» (2)

«Ja, so passiert es», sagte der Schulmeister und lächelte listig. «Vielleicht, dass mal der eine oder andere in der Wirtschaft war und dann vom Weg abkam und die Hexe als gute Ausrede benutzte. » Die Gäste wollten das nicht hören. Er solle besser selbst noch eine Geschichte erzählen. 

«Nun», lenkte er ein, «da wäre die schöne Geschichte von meinem Muttersvetter. Diese ist aber wahr! Wir nannten ihn Onkel James. Er war in Amerika gewesen und hatte dort gute Geschäfte gemacht. Es hiess von ihm, er lege einen jeden hinein. Kein Advokat komme an ihm bei. Als er mit seinem vielen Geld ins Dorf zurückgekommen war, machte er auch hier seine Geschäfte, so gut es ging. Er dachte an nichts anderes als an Geld. Dabei war er geizig, man liebte ihn nicht. 

Einst hatte er mit einem Freund beim Notar des Nachbardorfes einen Kauf gefertigt. Ich glaube, es handelte sich um die untere Alp, die er billig erstanden und nun teurer weiterverkauft hatte. Über dem Geschäft war es Abend geworden. Als die Männer zum Haus des Notars hinausgingen, regnete es stark. Sie gingen so vor sich hin, einer hinter dem anderen, gebückt unter ihren Regenschirmen und schauten sich nicht um. Nach einiger Zeit sagte der Vordere etwas zu Onkel James. Er bekam keine Antwort. Er sprach lauter, weil er dachte, der fallende Regen auf dem Dach des Regenschirmes verhindere seinen Freund am Hören. Doch blieb es still hinter ihm. 

Er kehrte sich um und sah, dass er allein war. Er wunderte sich, wartete ein wenig und sagte sich dann, der andere habe sicher etwas beim Notar vergessen und sei, ohne viel zu sagen, zurückgekehrt. Er habe es nicht gemerkt, weil es stark regne und er in Gedanken war. Länger warten wollte er aber nicht und ging allein nach Hause. Onkel James kam in dieser Nacht nicht zurück, auch in der nächsten nicht. Man suchte ihn überall, man dachte, er sei vom Weg abgekommen und gestürzt, er sei tot und liege irgendwo im Tobel. Doch fand man ihn nicht. Nach sieben Tagen kam er wieder, sein Gesicht war blutig zerkratzt, seine Kleider zerfetzt. Er war mager und schwach, und seltsam, das merkte man gleich. 

Er erzählte dann, als er so hinter seinem Freunde hergegangen sei im Regen, habe er etwas neben sich bemerkt. Es sei eine Ziege gewesen. Er habe sich gefragt, wessen Ziege das sein könne, sie sei ihm nicht bekannt gewesen, auch habe sie kein Zeichen ins Ohr geschnitten gehabt, an dem er hätte sehen können, wem sie gehöre. Und plötzlich habe die Ziege zu sprechen begonnen. Sie habe ihm befohlen, mit ihr zu gehen. Er habe sich zuerst gewundert, doch habe er gleich nichts mehr denken können oder wollen, und so sei er hinter der Ziege dreingegangen. Sie habe ihn auf steilen, unbekannten Wegen auf die höchsten Alpen geführt, über Schründe und Klüfte immer weiter und weiter. Viele Tage lang. Er habe längst nicht mehr gewusst, wo er sei. Alles habe er vergessen gehabt. Dann sei auf einmal die Ziege verschwunden. Er habe sich mit Mühe zurechtgefunden und so sei er endlich wieder ins Dorf gekommen … 

Man bedauerte Onkel James sehr. Jedermann sah ein, dass die Hexe als Ziege ihn verhext und verschleppt hatte. Und was das Schlimmste war, er blieb verändert. Er kümmerte sich um keine Geschäfte mehr, sass still zu Hause und schien zu warten. Und wirklich, von Zeit zu Zeit wurde er von der Ziege geholt. Er verschwand dann für einige Tage. Oft hörten wir ihn in den Flühen droben schreien: ‹Povero me! povero me!› Wenn er zurückkam, war er immer zerschunden und zerkratzt. Er sagte, die Ziege richte ihn so zu.» 

Jemand von den Gästen fragte, mit was denn die Ziege den Mann so zerkratzen könne. Der Lehrer schaute vorwurfsvoll auf. Das war wieder eine Städterfrage. Die Ziege ist eine Hexe, und dass die Hexen ihre langen Fingernägel zum Kratzen brauchen, weiss jedes Kind. Wie kann man so fragen? Er lachte wieder und die Gäste wurden nicht daraus klug, ob er die Ziegengeschichte glaube oder sie nur erzähle, um sie zu unterhalten und den Abend angenehm zu verbringen. Sie bestürmten ihn, jetzt eine Geschichte zu erzählen, die ihm selbst zugestossen sei, und dachten ihn damit in die Enge zu treiben. 

Das wandernde Licht

Er begann aber sofort: «Gut, gut … ihr werdet sehen: Ich hatte meine Frau besucht. Sie war damals noch meine Braut und wohnte mit ihrer Schwester gegen den Bach hinunter, etwa eine halbe Stunde vom Dorf entfernt. Man sieht von dort aus durch das ganze Tal hinauf und hinunter. Es war Winter. Wir drei hatten zusammen in der warmen Küche gesessen. Nun war es elf Uhr geworden. Ich musste nach Hause … Ich ging auf die Loggia hinaus, um meinen Mantel anzuziehen, den ich dort hingehängt hatte. Wie ich mit dem Arm in den Ärmel fahren will und mich dabei umdrehe, sehe ich drüben am Hang ein Licht sich bewegen. Dort ist kein Haus, denke ich, was soll das Licht? Ich schaue hin. Es bewegt sich langsam in der Richtung des Baches, dann steigt es in scharfem Winkel nach aufwärts, geht waagrecht zurück und wieder in einem Winkel herunter zu seinem Ausgangspunkt.» 

Der Lehrer zeichnete ein Rechteck in die Luft. Alle schauten gespannt auf seine Hände, die langsam und genau den Weg beschrieben, den das Licht genommen hatte. «Wie eine Fledermaus, denke ich, aber um diese Winterszeit kann es keine Fledermaus sein. Auch leuchtet eine Fledermaus nicht. Ich gehe im Mantel wieder in die Küche hinein und berichte den Mädchen, was ich gesehen habe. Wir gehen alle drei auf die Loggia hinaus, von welcher eine Treppe hinunter vor das Haus auf einen schmalen Weg führt, den ich nun werde nehmen müssen. Die Mädchen sehen das Licht auch. 

Es bewegt sich regelmässig in seiner Bahn, manchmal hinter den Bäumen durch, die dort drüben stehen, dann wieder im freien Raum. Die Mädchen sagen kein Wort, sie sehen sich an, dann mich. Sie warten, dass ich gehe, damit sie wieder hineinkönnen. Ich möchte gerne nicht weggehen, denn ich fürchtete mich. Aber wie kann ich denn dableiben, in der Nacht? Es wäre lächerlich. Ich kann es auch nicht tun, um die Mädchen nicht ins Gerede zu bringen. Also muss ich gehen. Ich entschliesse mich schnell, zünde meine kleine Laterne an, sage gute Nacht und steige die Treppe hinunter. 

Ich bin noch nicht drunten, da höre ich, wie die Mädchen die Küchentüre zuschlagen und den Riegel vorlegen. Sie waren froh, drinnen zu sein. Ich aber war draussen. Mir wurde sehr bange. Ich nahm mir vor, nur meine Laterne anzusehen und tapfer weiterzugehen. Da kam ein Lufthauch von hinten und löschte das kleine Licht aus. Im ersten Moment sah ich nichts als pechschwarze Nacht. Doch das Auge gewöhnte sich – ich dachte, das überstehe ich nicht – mir genau gegenüber am anderen Hang bewegte sich das Licht hin und her. Es war gross, rund und kalt … Nachdem ich mich ein wenig gefasst hatte, wollte ich überlegen, was das Licht sein könnte. 

Rund, kalt und gross wie ein Kindskopf, dachte ich, es fliegt. Was kann es sein, was kann es sein? Nichts fiel mir ein. Meine Angst, die ich einen Moment niedergedrückt hatte, steigt wieder. Ich gehe weiter, meinen Blick immer dem Licht zugewendet. Ich gehe, so schnell ich in der tiefen Dunkelheit der Neumondnacht kann, dem Dorfe zu. Meine Knie schlotterten, mein Hals war eng und trotz der Kälte war ich in Schweiss. Das Licht glitt gleichmässig seine Bahn, hinüber, hinauf, zurück, hinunter, manchmal etwas weiter oben am Hang, dann wieder weiter unten zwischen den kahlen Bäumen. Ich schaute so angestrengt hin, dass mir oft schien, es bewege sich nicht dort drüben, sondern knapp vor meiner Nase und ich spüre seinen kalten Hauch. Ich meinte, von ihm angezogen zu werden. 

Ich war wohl nicht mehr ganz bei mir, denn mir schien, ich sei wieder ein kleiner Bub und gehe an der Hand der Mutter durch die finstere Kirche zum Seitenaltar, wo das Bild hängt, auf dem die Brust der Muttergottes zu sehen ist und das der Pfarrer eben deshalb in die Seitenkapelle gehängt hat. Meine Mutter liebte diesen Altar, besonders in der Fastenzeit betete sie abends dort. Ich kniete neben ihr und sah auf das Bild. Bis ich gross war, hatte ich stets geglaubt, das Licht, das die einsame Kerze vor dem Altar gab, strahle von der weissen Brust aus. Ein kaltes, unheimliches Licht, aber es zog mich an … 

Jetzt schien mir, in dieses Licht müsse ich fallen … Endlich kam ich ins Dorf. Gleich wurde ich mutiger. Ich stolperte zum Grenzwächter, um ihm das Licht zu zeigen. Er kommt verschlafen zu seinem Haus hinaus, reibt sich aber gleich die Augen und schaut und schaut. Ich meinte, er solle mit seinem Burschen hingehen, um zu sehen, was dort sein Wesen treibe. Er ist aber nicht gegangen. Er hat die ganze Nacht hinuntergeschaut und geraten, was das Licht sein könnte, ohne eine Antwort zu finden … Das Licht ist in jenem Winter noch oft gesehen worden, aber immer nur in den dunkeln Nächten. Niemand fand heraus, was es sein könnte. Im Dorf nahm man an, es sei eine arme Seele, die keine Ruhe finde. Mag sein, vielleicht haben die vielen Prozessionen, die der Herr Pfarrer zu der unteren Kapelle führte, endlich geholfen. Das Licht blieb im nächsten Winter aus», schloss der Lehrer. 

Gleich fingen die Gäste alle zusammen zu reden an. Sie wollten herausfinden, was dieses wandernde Licht gewesen sein könnte. Sie rieten hin und her. Vieles wurde vorgebracht, aber nichts vermochte zu überzeugen. Nach und nach schwiegen alle wieder, ein wenig verstimmt. In die Stille hinein sagte die Sciora: «Ich habe auch eine Geschichte mit einem Licht erlebt.» Die Gäste schauten verwundert auf. Der Arzt lächelte amüsiert, und der Lehrer drehte sich rasch zu ihr um, wie ein kleiner Stier, der etwas auf die Hörner nehmen will. Da hatte niemand von Lichtern zu erzählen als er. Sicher geschah jetzt etwas Unschickliches. Frauen sollte nicht erlaubt sein zu sprechen. 

Aber die Sciora begann: «Ich fuhr in einer Oktobernacht gegen elf Uhr im grossen Dorf fort, wo ich einen Besuch gemacht hatte. Ich fuhr schnell, um bald nach Hause zu kommen. Plötzlich graute mir davor, in das einsame Strässchen einzubiegen, das zur Finsterenbrücke führt. Sonst hatte ich mich nie gefürchtet. Ich ärgerte mich über mich. Vielleicht war ich müde. Im letzten Dorf vor der Brücke war kein Licht mehr zu sehen gewesen. Alles schlief. Ich allein war noch unterwegs. Der Wind heulte und orgelte in den Felsen. Nie war mir die Einsamkeit so tief vorgekommen. Ich hupte manchmal, nur um mich selbst zu hören und damit ein menschliches Wesen. 

Jetzt komme ich an die letzte Biegung vor der Brücke … dann sehe ich vor mir das gerade Stück Weges, das über die Brücke zu jener Stelle führt, wo der Weg sich gabelt. Auf jenem kleinen Platz … scheint mir, sehe ich ein Licht. Es stand etwas über Menschenhöhe über der Erde und war dreieckig. Ich erschrecke und bremse den Wagen ab, so dass er nur langsam weiterfährt. Ich habe Angst. Gleichzeitig fällt mir ein – den ganzen Tag hatte ich das Gefühl gehabt, etwas Wichtiges zu vergessen –, dass heute der Todestag meiner Mutter sei. Ich möchte jetzt gerne an sie denken, aber das Licht da vorne entsetzt mich zu sehr. Ich finde zwar, es sei lächerlich, mich so zu ängstigen. Wie komme ich dazu, mich wie ein Kind zu fürchten? Was kann das Licht schon sein? 

Ich sehe es vor mir. Es sieht aus wie ein golden erhelltes Fenster. Eine Frau mit einem Kind auf dem Arm sähe daraus heraus, könnte man meinen, die Frau wäre aus lauter Licht und erschrecklich in ihrem Glast. Wenn das am Ende die Muttergottes sein sollte, so sieht sie nicht schön aus, denke ich tapfer, aber ich habe – trotz des Scherzes – fürchterliches Herzklopfen. Der Wagen fährt langsam weiter, ich komme dem Licht näher … immer näher … ich schaue und schaue wie verhext … und sehe, was denkt ihr was? … den dreieckigen Wegweiser, der an dieser Stelle steht, weil drei Wege sich hier treffen. Er ist gelb und das Licht meiner Scheinwerfer lieh ihm den goldenen, blinkenden Schein … Was sagt ihr zu meinem Licht?» 

Alle lachten. Sie waren angenehm überrascht. Sie hatten sich auf etwas Peinliches gefasst gemacht. Nun waren sie über die gute Lösung, die dem Wegweiser zuzuschreiben war, erfreut und fühlten sich erleichtert. Das Gespräch nahm eine andere Wendung. Man plauderte, man trank sich zu, man machte Pläne. Ein schöner Abend! Nur der Arzt, fand die Sciora, sehe sie seltsam an. Er hat etwas hinter den Augen, dachte sie. Was? Sie neigte sich zu ihm und sagte leise: «Wie leicht ist es, die Menschen zu beruhigen!» Und er nickte.

«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

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