«Die Nähmaschine» (1)

Das alte Gartentor öffnete sich ein wenig, aber niemand kam herein. Doch fiel der Spalt auch nicht zu, jemand hielt von aussen die Türe fest. Die Sciora – sie war daran, die alten, verwachsenen Rosenstöcke vom Winterholz zu putzen, jene Rosenstöcke, die grosse, weisse, vollkommene Rosen trieben, ohne jeden Duft – stand auf dem Gartenweg und schaute nach der Türe.

«Nun», rief sie, «wer ist denn da draussen und kommt nicht herein? Vorwärts!» Ein junger Bursche, fast noch ein Knabe, schob sich linkisch durch die Türspalte, ohne das Tor ganz zu öffnen. Er kehrte sich ungeschickt um und verschloss es umständlich mit dem grossen Riegel, dann kam er zögernd auf die Sciora zu, die noch mitten auf dem Gartenweg stand und ihn erwartete. Sie sah jetzt wer es war: der Bruder eines jungen Mädchens, das im unteren Dorf wohnte und die beste Näherin war, die das Tal besass: Violetta. 

Der Knabe trug unter dem Arm ein grosses Bündel aus zusammengeschnürten Stoffen. Er legte es vor die Sciora auf den Weg und sagte: «Da, das ist, was Violetta noch von Ihren Sachen bei sich hatte.» Die Sciora fragte verwundert: «Das gehört mir?» Der Knabe nickte. Sie öffnete das Bündel und fand darin zugeschnittene Tücher, die sie Violetta zum Säumen gegeben hatte, wenn ihr andere Arbeit ausgehen sollte, Resten früherer Arbeiten, die das Mädchen für sie ausgeführt hatte; Garn zum Sticken, leinene Läppchen … Ja, das erkannte sie alles wieder, es gehörte ihr, aber warum wurde es ihr zurückgeschickt?

Der Knabe liess seinen Kopf, der für den Körper übertrieben hoch war, auf die Seite fallen und sprach vor sich hin: «Violetta ist müde, sie kann nicht mehr nähen … sie ist müde.» Was soll das heissen, fragte sich die Sciora. Sie wusste aus Erfahrung, dass ein Ausspruch der Talbewohner selten wörtlich zunehmen war. Was er sagen wollte, versteckte sich hinter den Worten, dort hatte man zu suchen, um zu verstehen … Aber gerade Violetta war eine angenehme Ausnahme, bei ihr konnte man sich darauf verlassen, dass sie das, was sie sagte, auch meinte. Sie war also wirklich müde, da sie es durch den Bruder sagen liess. 

Wenn sie aber nur müde war, bestand kein Grund, die unfertige Arbeit mit den alten Resten zusammenzupacken und aus dem Hause zu schicken: Müdigkeit vergeht. Die Sciora sah den Jungen forschend an: «Warum ist Violetta müde und kann nicht arbeiten?» Der Knabe zuckte die Achseln. «Kannst du es mir nicht erklären?», fragte sie nochmals und seufzte. Sie fand die hartnäckige Stummheit der Dorfkinder, wenn sie etwas antworten sollten, beschwerlich. Der Junge hob wieder die Achseln, legte sein schmales Gesicht darauf und kniff die Augen zu. 

«Jetzt höre», sprach die Sciora auf ihn ein, «ich möchte wissen, was es bedeutet, dass du mir die Sachen da zurückbringst. Warum will Violetta nicht mehr nähen?» «Sie ist müde», brachte der Knabe leise hervor, «sie ist müde und schwach.» Mehr war nicht von ihm zu erfahren, doch die Sciora bohrte weiter: «Wovon ist sie denn müde und schwach?» und suchte selbst den Grund zu finden, weshalb Violetta nicht mehr arbeiten mochte. Sie hatte sonst nie genug Arbeit vor sich gesehen, und nun wollte sie nichts mehr davon wissen? 

Ob es die Liebesgeschichte mit Valentino ist? «Sie ist müde von der Nähmaschine, es ist die Nähmaschine», hörte sie den Knaben sagen. «Das ist unmöglich», warf die Sciora rasch ein, «jetzt soll die Nähmaschine schuld sein, dass Violetta nicht mehr nähen will? Wo sie doch immer froh war, sich beim Nähen von der schweren Arbeit draussen zu erholen? Es wird etwas anderes sein, was sie ermüdet hat.» Der Junge nickte mit seinem langen Kopf wie ein Wagengaul, der am Einschlafen ist. Er dachte nach, woher es kommen möge, dass die Schwester, die immer fleissig war, jetzt so müde sei, dass sie nichts mehr tun könne. 

Es war wohl nicht die Nähmaschine, wenn schon die Tante es jeden Tag zehnmal wiederholte … Die Sciora hatte das Bündel aufgenommen und dem Jungen versprochen, bald bei Violetta vorbei zu kommen, jetzt könne er etwas für sie mitnehmen, das gut sei gegen Schwäche. Sie ging ins Haus und holte eine Ovomaltinebüchse, die der Junge in den Arm nahm und damit zum Tor hinausschlich, wie er gekommen war, fast ohne die Türe zu öffnen. 

Die Sorge um die Geschwister

Warum er sich so herumdrückt, fragte sich die Sciora, die ihm nachsah, und was das alles bedeuten soll? Violetta war vor einigen Jahren, sie hatte damals kaum das fünfzehnte Jahr erreicht, mit drei jüngeren Geschwistern aus der grossen Stadt, wo ihr Vater als Gipser gearbeitet hatte, in ihre Gemeinde zurückgeschickt worden, weil die Eltern der Kinder kurz nacheinander gestorben waren, ohne ihnen etwas zu hinterlassen. Das jüngste Mädchen war erst sechs Jahre alt, ein kleiner Junge zehn und ein grösserer Knabe dreizehn. Doch dieses Kind war «schwachsinnig».

Auf einem so dünnen, schmächtigen Körper, dass er sich wie eine Gerte zu Boden bog, sass ein viel zu grosser, sehr spitzer Kopf auf einem übertrieben langen und dicken Hals. Als die Sciora das Wesen zum ersten Male in seinem extra angefertigten Kinderstuhle erblickt hatte, war sie erschrocken und hatte gemeint, ein sitzendes Tier aus der Gattung der Pferde vor sich zusehen. Seine schielenden Augen standen weit auseinander, seitlich unter der schmalen Stirn, und der Mund klaffte, fast ohne Lippen, von einem Ohr zum andern. Unter dem Tischbrett des Stühlchens hingen an kraftlosen Beinen die unförmigen Klumpen seiner Füsse. Es war ein trauriger Anblick. 

Aber Violetta, die Älteste der Geschwister, war ein auffallend hübsches Mädchen mit dunklem Haar und ungewöhnlich dichten Wimpern, die ihren Blick auf schöne Art beschatteten. Ihre Haut war weiss, auch im hohen Sommer wurde sie nicht braun, und ihre Lippen schimmerten so rot, dass neidische Freundinnen tuschelten, sie färbe sich den Mund. Violetta lachte darüber, denn wozu hätte sie sich den Mund gefärbt? Zu solchen Spässen hatte sie keine Zeit, hatte sie nicht vom Morgen bis zum Abend für die Kleinen zu arbeiten?

Sie war davon durchdrungen, dass sie anstelle der Eltern für die Geschwister zu sorgen habe, und sie tat es mit ihrer ganzen jungen Kraft. Sie hatte in der Stadt nähen gelernt und die alte Nähmaschine ihrer Mutter war für sie das Wichtigste, was sie von dem Hausrat der Eltern hatte retten können, denn damit wollte sie Geld verdienen. Eine Tante hatte die Waisen aufgenommen. Sie besass ein Häuschen und etwas Land, zwei, drei Ziegen. Das Häuschen bestand aus einer Küche, daneben war ein kleiner, unbenutzter Stall, den sich Violetta als Arbeitsraum eingerichtet hatte, obschon er kein rechtes Fenster aufwies und sie die Türe offen halten musste, wenn sie genügend Licht haben wollte. Im Hintergrund dieses Stalles führte eine Treppe in eine Stube hinauf, in der zwei Betten standen, für die Knaben, dahinter lag eine zweite Kammer, wo die Mädchen zusammen in einem grossen Bett schliefen. Das Bett der Tante war in der Küche. 

Violetta galt als die beste Näherin im ganzen Tal, niemand konnte es mit ihr aufnehmen, auch von den Alten keine, von den Jungen gar nicht zu reden, die ja nicht mehr wissen, was nähen ist. Wenn sie mit ein paar schnellen Stichen einen Faden durch einen Saum gezogen, eine Naht zusammengeschlagen oder gar eine Falte geheftet haben, die ungefähr gerade ist, meinen sie schon, das sei genäht. Aber Violetta verstand zu nähen. Sie hatte es in der Stadt bei den frommen Schwestern gelernt und sie kannte alle Arten von Nähten, alle Sorten von Säumen, sie konnte eine Borte zierlich aufsteppen, eine Spitze richtig annähen, dass sie luftig aussah wie ein Hauch, aber ihr Stolz waren die Knopflöcher.

Gab es schönere Knopflöcher zu sehen, eines wie das andere, die Randstiche wie Perlchen aneinandergereiht? Dafür hatten jedoch die Dorfleute wenig Sinn. Sie bewunderten vielmehr die Schnelligkeit, mit der Violetta mit der Maschine nähen konnte. Ihre Füsse wippten, das Rad schnurrte, das Schiffchen pochte in seinem Gehäuse, und hinten fielen Berge fertig genähter Schürzen und Hemden heraus. Violetta arbeitete für ein Geschäft unten in der kleinen Stadt. Damenschürzen und Mannshemden. Sie hätte lieber anderes genäht, Sachen, die sie selbst hätte zuschneiden können, wie sie es bei den Schwestern gelernt hatte. Aber solche Arbeit gab es nicht viel. 

Keine Prinzessin erwünscht

Wenn ihr nicht die Sciora etwa hübsche Dinge zum Anfertigen gegeben hätte, sie würde das Zuschneiden verlernt haben. Manchmal durfte sie auch für eine Braut etwas Besonderes nähen, denn es gab noch Leute, die nicht alles fertig beim Händler kauften. Aber damit hätte sie nie genug verdient. Sie war darum froh über die Schürzen und Hemden, die ihr aus der Stadt, schon zugeschnitten, geschickt wurden, und da sie sich stets bemühte, ihre Arbeit so exakt und so schön wie möglich auszuführen, wurde sie ihr nicht langweilig. Ja, am liebsten hätte Violetta immerzu nur genäht. Doch die Tante war eine alte Bäuerin, sie fand, das Nähen sei doch keine rechte Arbeit, obschon das Geld durch das Nähen ins Haus komme.

Arbeit ist bloss Arbeit draussen: heuen, mähen, Mist schleppen, jäten und umgraben, und vor allem Holz tragen, immer wieder Holz tragen. Das war Arbeit! Und diese Arbeit konnte sie, die Tante, nicht allein verrichten. Violetta war jünger, sie musste sie ihr abnehmen, solange die beiden Kinder noch zu klein dazu waren. Die Sciora gab der Tante oft zu bedenken, ob es nicht klüger wäre, Violetta an ihrer feineren Arbeit zu lassen, das schwere Werken verderbe ihr nur die Hände. Doch die Tante, eine rechte, aber beschränkte Person, rief: «Eine Prinzessin können wir nicht gebrauchen, mit all den Kindern und dem Unglücklichen dazu. Wie sind wir doch geschlagen! Da heisst es arbeiten und nicht nur sich amüsieren.» 

«Aber», meinte die Sciora, «das Mädchen verdient doch Geld mit dem Nähen, mehr als für einen Burschen ausgegeben werden muss, wenn einmal einer nötig sein sollte draussen. Und über das Geld sind Sie sicher froh?» «Ja», gab die Tante zu, «das ist schon recht, aber sie kann am Abend nähen und im Winter, wenn es draussen nichts zu tun gibt. Jetzt muss sie helfen, sie ist jung und stark. Eine Prinzessin kann ich nicht gebrauchen.» 

Dagegen war nichts zu machen. So sah man die kleine Violetta im Sommer oft ganz vergraben unter einer Hotte voller Heu mit kurzen Schritten die Dorfstrasse herunter kommen, oder in Kesseln Wasser vom Brunnen ins Haus schleppen. Das Schwerste waren wohl die Holzlasten, die sie droben im Bergwald holen ging und manchmal stundenweit auf dem Reff ins Dorf hinunter trug. Sie lachte nur, wenn die Sciora sie so antraf, und beruhigte sie, die Tante müsse vor allem zufrieden sein, dann dürfe sie wieder nähen. Der Sommer vergehe ja schnell, bald sei der Herbst mit seinen fallenden Blättern da, und nachher könne sie wieder an die Nähmaschine. Sie freue sich schon.

«Aber im Winter verdirbst du dir die Augen in dem dunklen Ställchen», schalt die Sciora und machte Vorschläge, wohin die Nähmaschine gebracht werden könnte, damit Violetta mehr Licht habe. In die Küche? «Oh nein, das geht nicht», meinte verzagt das Mädchen, «da steht schon der Herd und der Tisch und der Schrank und das grosse Bett der Tante, dann kommt gleich die Türe, es ist kein Platz dort für mich, und dann ist die Küche mit ihrem einzigen Fensterchen nicht heller.» 

Das stimmte, die Küche war ein finsteres Loch. «Aber sie ist doch warm», versuchte es die Sciora nochmals. «Ich habe keine Zeit zu frieren», erwiderte lachend Violetta, «und die Sonne wärmt gut, sie trifft gerade durch die Türe des Ställchens hinein.» So arbeitete sie den Herbst und Winter über in einem Zug, und Dutzende von Hemden und Schürzen kehrten aus dem Ställchen in das Geschäft zurück. Violetta freute sich an jeder fertigen Bestellung, aber doch war sie selten zufrieden mit sich.

Wenn jemand sie wegen ihres Fleisses lobte, klagte sie in ihrer zierlichen Art zu sprechen, wenn sie nur mehr an der Arbeit sein könnte, aber die Kinder nähmen ihr so viel Zeit weg. Sie sagte Kinder, meinte aber den ältesten Bruder, jenen Unglücklichen, der zu schwach war, sich auf seinen Füssen zu halten, und es kaum dazu brachte, sauber zu sein. Er machte viel Arbeit. Dazu wurde er rasch grösser und schwerer. Wenn Violetta ihn am Anfang noch allein hatte herumtragen können, so wurde es ihr jetzt unmöglich.

Zu zweit nur vermochten sie den Armen in seinen grossen Kinderstuhl zu schleppen und von dort in sein Bett zurück. Er verlangte gefüttert zu werden, gekleidet und auch unterhalten, denn es gab Tage, da lag er wie tot, mit dem Kopf vornüber, auf dem Tischbrett seines Stuhles, und niemand konnte etwas mit ihm anfangen, nur Violettas Stimme weckte ihn aus seiner Versunkenheit. Es flog dann, wie von weit her kommend, ein grinsendes Lächeln über sein armes Antlitz, er warf den schweren Kopf mit einem Ruck nach oben, so dass er von einer Achsel zur andern ins Rollen kam. Oft stieg gurgelndes Lachen in ihm auf. 

Dann presste Violetta ihre Handflächen aneinander und sagte zur Entschuldigung: «Der Gute … er kennt mich … er liebt mich auf seine Art …» Der Arzt hatte gefunden, der Schwachsinnige werde zu gross und seine Pflege zu schwierig, als dass er im Kreise der Familie belassen werden könne. Die zwei Frauen seien der Last nicht mehr gewachsen. Er hatte sich bemüht, ein Asyl für ihn zu finden. Doch zu seiner Verwunderung, zu seinem Verdruss wollten weder die Tante noch Violetta etwas davon wissen, den Schwachsinnigen fortzugeben.

Es waren verschiedene Gründe, weswegen er zu Hause bleiben sollte: Die Tante hing an der kleinen Summe, die ihr die Fürsorgekasse zukommen liess und die ausbleiben würde, wenn der Kranke nicht mehr bei ihr wohnen sollte. Es war nicht nur, dass ihr das Geld zustatten kam, aber sie wurde im Dorf darum beneidet, und schon deswegen, um der Schadenfreude kein Spiel zu gönnen, wollte sie es nicht missen und den Schwachsinnigen lieber zu Hause behalten. 

Valentinos Besuche

Aber auch Violetta, obschon die schwere Pflege des Kranken auf ihr lastete, wehrte sich, den Bruder zu versorgen. Sie gab als Grund an, er würde vor Heimweh nach den Geschwistern krank werden und man müsste ihn dann doch wieder holen, und was mehr solcher Einwände waren. Dass sie selbst ohne das grosse Kind nicht leben konnte, wusste sie nicht, denn sie verstand es nicht, in sich zu lesen. Und doch war es so. Ihre ganze Zärtlichkeit und aufbrechende Liebe schüttete sie über ihren Bruder, der es ihr mit der fassungslosen Hingabe des Säuglings an die Mutter dankte. 

Je grösser er wurde, je schwieriger und mühsamer die Pflege, desto mehr hingen die beiden aneinander. Es mochte sich nach und nach in die Beziehung, von seiten des heranwachsenden Knaben her, etwas mischen, was dies ehrende Innigkeit ihres Verbundenseins noch vertiefte. Wenn er im Ställchen neben der Nähmaschine sass, spielte er nicht mehr wie früher mit einem Stein, der ihm gereicht worden war, mit einer Kastanie oder einem Stückchen Holz, einem Schnürchen, das ihn tagelang hatte vergnügen können; seine grossen Männerhände lagen unbeweglich auf dem Tischbrett, doch sein schielender Blick war eifrig bemüht, keine Bewegung, keine Gebärde der Schwester zu verlieren. 

Langsam und zäh kehrte er sein langes Gesicht dahin, wo sie war, wie eine Pflanze sich zur Sonne kehrt, bis er, müde von der übergrossen Anstrengung, mit dem Kopf vornüber fiel. Dann unterbrach Violetta ihre Arbeit. Sie stand auf und schob den Zusammengebrochenen auf seinem Stuhl zurecht. Um ihn aufzumuntern, fand sie dumme, kleine Worte, auf die er zu warten schien. Kaum hörte er ihre Stimme, kam Bewegung in sein starres Pferdegesicht. Etwas in ihm suchte sich durch die stumpfe Schicht, in die sein Wesen eingeschlossen war, durchzuringen. Es mühte sich, aus ihm zu treten und Gestalt anzunehmen, sich mitzuteilen, und brachte es endlich zu einem japsenden Lachen, das sich sofort wieder verlegen in die zähe Hülle verkroch, die ihn umgab. 

Aber Violetta hatte ihn verstanden und war von dem fernen Zeichen seiner verkürzten und verkümmerten Menschheit beglückt, wie eine Mutter vom ersten Lächeln ihres Kindes. Violetta hatte eine Freundin, Elena, die Tochter der Wirtin, die das hübsche Kind wegen seiner glatten Wangen und dem hellen Haar verwöhnt hatte. Elena tat nicht viel den Tag über. Manchmal half sie ein wenig in der Wirtschaft, doch bald wurde es ihr langweilig, und sie rannte zum Brunnen oder in den Konsumladen, wo sie stundenlang mit den anderen Mädchen plaudern konnte. Gegen Abend schlüpfte sie ins Ställchen zu Violetta und erzählte ihr endlos alle frischen Neuigkeiten. 

Sie wisperte und schwatzte, fand an allem Vergnügen, und wenn ihr die Geschichten ausgegangen waren, erfand sie neue. Violetta hörte zu, sie liess ununterbrochen den Stoff unter der stichelnden Nadel durchgleiten,und lachte etwa auf, doch schien sie nie Lust zu spüren, selbst an dem fröhlichen Leben teilzunehmen, von welchem Elena zu berichten wusste. Das war für andere. Ihr Tag war ausgefüllt, was sollte da noch Platz finden? 

Und doch, da war Valentino, der Sohn des Schusters, der am Feierabend sich zu Elena unter die Türe des Ställchen stellte und mit ihr scherzte, während Violetta die letzten Nähte durch die Maschine jagte, bevor sie aufstand, den Schwachsinnigen zu besorgen. Valentino kam wegen Elena, das war klar, und Violetta kicherte darüber und neckte die Freundin, wenn sie allein waren. Elena errötete. Es war ihr nicht angenehm, und einmal rief sie ungeduldig aus: «Merkst du es denn nicht, er kommt deinetwegen, ich bin ihm ganz gleichgültig», und begann zu weinen. 

 


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

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