«Der Hahn» (2)

Diese schreckliche Marta, regte die Sciora sich auf, will mir beweisen, dass sie sich alles erlauben darf, da ich sie nötig habe, und das Leidige ist: Ich habe sie wirklich nötig. In drei Tagen kommen Freunde und ich kann doch meine Zeit nicht in der Küche verbringen! «Unmöglich, unmöglich», sagte sie laut und klagend, nachdem sie versucht hatte, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, selbst zu kochen

Aber was denn? Soll ich die Marta bitten gehen, sie solle wiederkommen, ihr versichern, der alte Hahn sei ein delikates Hähnchen gewesen und ich hätte nur nicht richtig gesehen? Nein und nein, jetzt ist es genug mit solchen Theateraufführungen, es ist ganz gut, dass sie von sich aus geht, fortschicken konnte ich sie doch nicht nach den vielen Jahren, die sie im Hause ist, aber wenn sie selbst gehen will – mir soll es recht sein: Ich suche eine andere, weniger primadonnenhafte, weniger verschlagene, weniger komplizierte, weniger … sie reihte noch einige schlechte Eigenschaften aneinander, die sie alle an der Marta aufregten, und sie fühlte sich erleichtert, dass ihr das alles nun fernbleiben würde, und dass sie dabei nicht einmal ein schlechtes Gewissen zu haben brauche. Sie ging ja von sich aus, die Undankbare!

Die Sciora war in ihren Gedanken hier angekommen, als die kleine Marietta wieder unter der Haustüre stand. Sie wolle jetzt den Hahn holen … Die Sciora verstand nicht mehr und mühte sich auch nicht mehr zu verstehen. Sie fühlte sich auf einmal so müde von den jahrelangen Versuchen, die inneren Gründe für das verschiedene Verhalten der Marta zu begreifen, sie knickte darob fast zusammen wie unter einer schweren Last. 

An den Tisch gelehnt, fragte sie das Kind, ob seine Mutter im Sinn habe wiederzukommen oder nicht. Marietta zog die Achseln schief in die Höhe und wendete den Kopf ab. «So rede doch, will die Mutter noch kommen oder nicht?» Das Kind blickte über die Schultern an die Decke, als ob sich dort etwas Wichtiges begäbe, und schwieg. «Kannst du nicht mehr sprechen?», jammerte die Sciora. «Sage mir, ob deine Mutter kommen will oder nicht, ich möchte es wissen. Geh jetzt nach Hause und frage danach. Dann kannst du nachher den Hahn mitnehmen.»

Marietta schoss davon. Die Sciora setzte sich auf einen Stuhl und wartete. Sie wartete lange, das Kind kam nicht wieder. Das war deutlich: Die Marta mochte nicht mehr kommen, sie verliess den jahrelangen Dienst Knall auf Fall und blieb zu Hause. Auch gut! Sehr gut sogar! Jetzt war man endlich frei. Nun würde man ein junges, nettes Mädchen einstellen, offen und fleissig, sauber und zuverlässig, ehrlich, freundlich, ohne Nerven, es würde noch nicht so gut kochen können wie die Marta, aber das lernt sich. Die Sciora freute sich schon darauf.

Eine Diebin – unmöglich

Doch, wie war es am besten zu beginnen, rasch ein solches Mädchen zu bekommen? So weit von der Stadt weg würde es nicht leicht werden, überlegte die Sciora, der plötzlich Bedenken aufstiegen. Da war Eusebia. Man hatte sie etwa als Putzfrau im Palazzo beschäftigt. Sie stellte sich das Mädchen vor: nicht faul, nicht ungeschickt, nicht unsauber. Eusebia? Vielleicht konnte man es mit ihr versuchen. Doch die Sciora erinnerte sich dunkel, dass irgendein Gerücht um die Eusebia schwebe, was war es schon? Sie kam nicht darauf. 

Ihre Nachbarin, die Frau des Richters aus dem Städtchen unten, die hier aufgewachsen war und jeden Menschen kannte, besser als der Herr Pfarrer, würde es wissen. Sie schlüpfte schnell zu ihr hinüber, brachte die Hahnengeschichtevor und berichtete, wie die Marta den Dienst gekündigt habe. Doch als sie den Namen der Eusebia fallen liess – «vielleicht die Eusebia?» –, sah die Nachbarin sie besorgt an. «Aber nein doch!», wehrte sie, «wissen Sie nicht? Die stiehlt ja! Die Eusebia? Unmöglich!» Enttäuscht hörte es die Sciora. «Wer denn sonst?», fragte sie betreten. Die Nachbarin, welcher es leidtat, keine bessere Auskunft geben zu können, riet ihr, im nahe gelegenen Thermalbad anzufragen, ob nicht eines der Mädchen frei werde, da das Bad bald für dieses Jahr schliesse.

Also machte sich die Sciora auf den Weg nach dem Bad. Unterwegs traf sie die alte Paulina und kam mit ihr ins Gespräch, da beide denselben Weg hatten. Die Paulina wohnte weit unten gegen den Bach zu und war nicht auf dem Laufenden über die Ereignisse, wie die anderen Frauen aus dem Ort, denn sie kam nur am Sonntag ins Dorf. Sie fragte nach diesem und jenem, auch danach, wie es der Marta gehe. 

Die Sciora, immer noch aufgebracht über die zurückgeschickte Schürze, erzählte, die Marta arbeite nicht mehr in ihrem Hause, seit heute, ja eben, und sie gehe übrigens ein anderes Mädchen suchen im Bad. Die Paulina war erstaunt. Sie wollte wissen, warum die Marta nicht mehr im Palazzo sei. Nach und nach, eigentlich widerwillig, berichtete die Sciora von der Geschichte mit dem Hahn, dass sie ihn der Marta habe zurückgeben wollen, um sie zu lehren, nicht alles anzunehmen, was ihr die Frauen anboten, worüber diese sich aber so erbost habe, dass sie ihre Küchenschürze zurückgeschickt und den Dienst verlassen habe. 

Die alte Paulina schüttelte den Kopf, dass ihre dicken Backen flogen, und sagte bedächtig, das werde sich geben, eine solche Stelle verlasse niemand so schnell, die Marta werde sich besinnen. Halb war es ein Trost für die Sciora, solches zu hören, halb fürchtete sie, Paulina könnte recht haben: Marta werde ins Haus zurückkehren und der Traum von einem andern Mädchen in Luft aufgehen. Darum sprach sie eifrig und mehr darüber weiter, als ihr nachher recht war: Nein, nein, es sei jetzt Zeit; auch sie, die Sciora, finde, es sei Zeit, sich zu trennen. 

Sie hätten sich schon lange genug aneinander gerieben. Eine Änderung könne nur gut sein, für die Marta und für sie, die Sciora. Sie fügte eine Reihe kleiner Begebenheiten bei, die zeigen sollten, dass es wirklich nicht mehr gehen wolle. Die Paulina hörte aber nicht recht zu. Sie sann über etwas nach. Mitten in den Bericht der Sciora hinein fragte sie: «Wie sah er denn aus, der Hahn?» 

Die Sciora beschrieb ihn, wie sie ihn von dem kurzen Moment her, als die Marietta ihn über die Brücke trug, in der Erinnerung behalten hatte. Gross, weiß, mit sehr langen Schwanzfedern, die wehten und einem riesigen, dicken, roten Kamm, der ganz aufrechtstand. «Das ist ja mein Hahn», rief die Paulina aus, «das ist er, so wahr ich lebe. Es war mein bester Hahn, den Hühnern der Liebste, obschon er schon manches Jahr alt war. Und unermüdlich!

Es war erstaunlich, keine der Hennen hat er ausgelassen. Ich musste ihn deswegen wegschaffen, denn er plagte die Hühner, er richtete sie so zu, dass sie hinten ganz kahl wurden. Er war zu tüchtig, dieser Hahn … es ging nicht mehr. Ich gab ihn der Berta, die den ihren verloren hatte. Er hatte sich in der Gier ein Stücklein Glas in den Hals verschluckt und starb sofort, er sank nach hinten um und die Hühner beklagten ihn sehr, sie wollten nicht mehr fressen, und darum nahm die Berta gerne meinen Hahn. Es hiess dann bald, der Fuchs habe ihn geholt … Und so sieht der Fuchs also aus! … Bei Gott, zu essen war er nicht, sonst hätte ich ihn doch selbst gegessen.» 

Und sie lachte und schimpfte in einem. Dann wurde sie nachdenklich und meinte, es sei von der Marta nicht schön, der Sciora ein solches Tier anzuhängen, das gehe nicht, alles habe seine Grenzen, und so viel Geld dafür zu verlangen, das sei auch allerhand, das hätten die Anna, die Berta und die Marta untereinander verteilt, das sei klar. Sie wurde neidisch und bemerkte, dass sie den Hahn für weniger an die Sciora verkauft hätte, wenn sie schon diesen Hahn habe kaufen wollen. 

«Aber ich wollte doch gar nicht», rief hier die Sciora heftig aus, «ich wollte ihn nicht, ich sah, dass er alt war. Man hat mich betrogen und das mag ich nicht. Sollen die Leute nur von der Geschichte hören und sie sich hinter die Ohren schreiben.» Hier trennten sich die Wege der Frauen, sie wünschten einander guten Abend und gingen beide missvergnügt davon. 

Schwierige Suche

Im Bad angekommen, fragte die Sciora nach den Mädchen, die entlassen würden. Es war noch eine frei, sie habe keine neue Stelle gesucht, weil die Eltern sie zu Hause haben wollten. Sie war jung und adrett. Sie gefiel der Sciora. Ihre Herrin wusste nur zu rühmen. Sie koche gut und könne nähen und flicken, sei ehrlich und guter Laune. Das wäre also die seltene Perle! Die Sciora bat das Mädchen, sogleich ihre Eltern telefonisch anzufragen, ob sie einverstanden wären, dass die Tochter bei ihr in Dienst trete, denn ohne ihre Einwilligung wollte das Mädchen nichts versprechen, obschon es gerne zugesagt hätte. 

Das Gespräch dauerte lange. Die Gedanken der Sciora waren unterdessen aus dem Bereich froher Zuversicht in den trüber Zweifel herabgesunken. Und es war, wie sie geahnt hatte: Die Eltern bestanden darauf, dass die Tochter zurückkehre. Jetzt erst merkte die Sciora, wie sehr sie gehofft hatte, diese nette, junge Person werde zu ihr kommen, und wie sehr sie fürchtete, überhaupt niemanden zu finden. 

Niedergeschlagen zog sie dem Dorf zu. Auf dem Weg überlegte sie, wen sie noch anfragen könnte, doch niemand fiel ihr ein. Die meisten der Frauen und Mädchen im Tal waren von der schweren Landarbeit so grob und schwerfällig, dass nicht daran zu denken war, sie in ein Haus zu nehmen, um es zu besorgen. 

Sie ging immer langsamer. Mit dem Abend fiel eine grosse Müdigkeit über sie. Würde es wirklich nötig sein, dass sie selbst die ganze Arbeit verrichte? Sie liess sich den Tagesplan durch den Kopf gehen: frühmorgens das … damit fing es an, dann jenes … dann dieses und wiederum jenes … und das … und das … kein Ende, kein Ende. Die Marta hatte doch recht viel Arbeit zu bewältigen. Sie war gewiss nicht sehr fleissig, auch nicht flink, aber sie brachte doch alles zu einem guten Ende, Tag für Tag. 

Eine verflixte Sache, die mit dem Hahn! Wenn sie nur die Hinterlist fahren lassen wollte! Sonst hatte sie gute Eigenschaften … und sie war nicht grob, sie war eigentlich nett, ein Mensch, man konnte mit ihr reden, oft war sie klug, die Sciora musste sich wundern, woher sie ihre Klugheit nahm … Sie war kein Bauernweib, sie war feiner … vielleicht hatte sie wirklich nicht gewusst, wie alt der Hahn war und woher er kam … Gewiss, die Anna hatte sie hereingelegt … sie hatte die Marta angelogen und betrogen.

An einer Wegkrümmung kam das Haus der Marta in Sicht. Sogleich wusste die Sciora, sie würde eintreten und mit der Marta reden. Nach so langer Dienstzeit wollte sie nicht im Unfrieden von ihr scheiden. Die Marta und sie würden friedlich und aus Einsicht auseinandergehen, nicht im Zorn und gar wegen eines Hahnes. Die Marta war wohl von der vielen Arbeit müde, so wie sie, die Sciora, müde davon war, immer dasselbe sagen zu müssen, ohne gehört zu werden. So wäre es das Beste, sich zu trennen, aber nicht im Ärger, gewiss nicht im Ärger, sondern in Frieden, wie es sich schicke. 


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

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