«Der Hahn» (1)

Die Sciora stand vor dem granitenen Waschtrog, der hinter dem Haus in einer Nische der hohen Mauer angebracht ist, wo die Köchin Marta eben ihre Küchentücher ausspülte. Sie erzählte etwas und die Sciora hörte zu. Eine Türe kreischte.

Es war die Türe, die sich im zweiten Stock des Palazzo auf eine kleine Brücke öffnet, welche in den hochgelegenen Hühnerhof führt. Beide Frauen sahen hinauf. Die kleine Tochter der Köchin ging rasch über die Brücke. Sie trug unter dem Arm eingeklemmt einen riesigen, weissen Hahn. Sein roter Kamm leuchtete. «Das soll doch nicht das Hähnchen sein, von dem du mir gesprochen hast?», fragte die Sciora besorgt. Gleichzeitig hatte die Marta in begeistertem Tone ausgerufen: «Wie schön er ist!»

Sie drehte sich sofort zu der Sciora um und sagte sehr erstaunt: «Warum nicht das Hähnchen? Doch es ist das Hähnchen …!» «Das ist doch ein ausgewachsener Hahn, Marta», warf die Sciora vorwurfsvoll ein. «Ein ausgewachsener Hahn? Aber Sciora! Sie können sicher sein, er ist kein Jahr alt, es ist ein goldiges Hähnchen und wird ein extrafeiner Braten, Sie werden sehen.» 

Die Sciora wunderte sich, dass die Hähnchen jetzt so gezüchtet werden könnten, dass sie, erst ein paar Monate alt, schon so gewaltig entwickelt seien; sie fragte noch einmal ungläubig: «Das soll ein junges Hähnchen sein? Dieser Kamm, hast du diesen Kamm gesehen?» «Aber, Sciora», klagte die Marta, «wie Sie doch misstrauisch sind! Das Hähnchen ist jung, es ist aus dem Ei geschlüpft, das ich selbst der Anna gegeben habe, ein Ei meiner weissen Henne, es ist nicht ein Jahr her. Ich bin ganz sicher, ja ich kann schwören, dass das Hähnchen kaum zehn Monate alt ist. Aber die Rasse ist eben extra, Rosenkammhahn, Sie verstehen: Rosenkammhahn, das sind die besten und schönsten.»

Ein altes Mistvieh

Die Sciora liess das Gespräch fallen, nahm sich aber vor, nach dem Hahn zu schauen, den die kleine Marietta in einem der Hühnerställe eingeschlossen hatte, allein, da man ihn noch etwas mästen wollte. Am nächsten Morgen in aller Frühe wurde das Haus von einem durchdringenden und nicht enden wollenden Hahnengeschrei geweckt. Versuche, weiterzuschlafen, waren vergeblich. 

So stand die Sciora auf und hatte schon ihre Blumen begossen, als die Marta ins Haus kam. «Dieser Hahn ist ein altes Mistvieh», empfing sie die Köchin. «Hast du ihn nicht bis in dein Haus krähen hören? Wie kannst du sagen, er sei jung? Und daraus soll ein zarter Braten werden, wie du sagst? Das scheint mir immer unmöglicher. Ich habe dich doch gebeten, dir von den Weibern nicht alles aufschwatzen zu lassen, was sie sonst nirgends anbringen können. Da war das letzte Suppenhuhn, das roch nach unsauberem Hühnerstall und war kaum zu essen, und nun dieser alte Gockel!» 

Marta hatte langsam ihre Hände erhoben und schlug sie jammernd zusammen, kaum hatte die Sciora ihre Anrede geschlossen. Sie beteuerte bei allem, was ihr heilig sei, der Hahn sei jung, «wie kann die Sciora doch manchmal so ungerecht sein», die Anna sei nicht wie die andern Weiber, die lüge sie nicht an. Der Hahn sei jung, keine zehn Monate alt, aber er sei gut entwickelt, er sei wirklich schon den Hühnern nachgegangen. Aber das schade nichts, jetzt sei die beste Zeit, ihn zu essen, er wiege mehr als zwei Kilo und koste nur so viel wie eine gleich schwere Henne, wo doch die Hähnchen sonst viel teurer seien.

Die Sciora fragte, ob man den Hahn, da er so gut sei, nicht der Anna zurückgeben könnte, das wäre ihr das Liebste. Aber Marta antwortete schnell, das gehe wirklich nicht mehr, «nein, Sciora, das ist unmöglich, denn auf den letzten Sonntag hat der Herr Pfarrer einen Hahn gesucht, als Braten für seine zwei Amtsbrüder, die bei ihm zu Mittag speisten, und da hat die Anna gesagt, sie könne den ihren nicht mehr geben, er gehöre der Sciora. Nein, nein, das würde ich nicht wagen, den Hahn zurückzugeben, und es wäre ja auch schade, er wird fein, extrafein, ich stehe dafür ein.» 

Ein ungeniessbarer Braten

Seufzend beschied sich die Sciora, den Hahn schlachten zulassen, behalten konnte man ihn nicht, wegen seines aufdringlichen Krähens. Sie ordnete an, er sei, solange er lebe, anderswohin zu bringen, sie wünsche ihn weder mehr zu sehen noch zuhören. Wenn er dann gebraten sei, werde sie weiterreden.

So verschwand der Hahn. Erst nach einigen Tagen, kurz bevor die Marta die drei Urlaubstage antrat, um ihrem Sohn, der in den Militärdienst zu gehen hatte, die Hemden waschen und flicken zu können, brachte sie den Hahn, schön als Braten zurecht gemacht, und legte ihn in den Eisschrank, indem sie der Sciora empfahl, ihn am Sonntag zu braten, dann werde er gerade recht sein, und sie solle ihr dann davon erzählen.

Am Sonntag tat die Sciora den Hahn zeitig in den Ofen. Sie liess ihn gut anbraten und begoss ihn fleissig mit Fett. Es wollte sie dünken, er sei so gross, wie sie nie ein Hähnchen gesehen habe, auch stiegen bald Bedenken in ihr auf, ob er je gar werden würde, denn nach einer Stunde war er noch wie aus Holz. Sie begoss ihn fleissig und sprach ihm und sich zu. Um zwölf Uhr nahm sie ihn aus dem Ofen zur näheren Betrachtung. Er sei so hart, dass man jemanden damit erschlagen könnte, jammerte sie. Diese Schenkel, dunkelbraun, und überhaupt dieser ganze Braten! 

Es war betrüblich. Nie würde man zum Mittagessen etwas von diesem Gericht geniessen können. Sie legte ihn in den Ofen zurück und bereitete rasch etwas anderes zu, das denn auch mit einiger Enttäuschung gegessen wurde; man hatte sich auf das Hähnchen gefreut. Nach dem Essen schaute sie wieder nach dem Braten. Es liessen sich Stücke davon abtrennen. Sie waren so grobfaserig und von so eigentümlichem Geschmack, dass sie vom Kosten abliess. 

Erbost stellte sie fest, dass sie wieder einmal angeschwindelt worden war. Von wem nun? Doch sicher von der Marta, denn das sah ihr nicht ähnlich, dass sie sich von der Anna hätte betrügen lassen. Wenn sie den Frauen, die etwas zum Kauf anboten, schlechte Ware abnahm, so steckte keine Unerfahrenheit, sondern immer ein Geschäft dahinter. Wahrscheinlich hatte sie das Tier billig erstanden und ihr teurer weiterverkauft. Nun, damit war es jetzt genug. Mochte sie dieses Mal den Braten selber essen, wenn sie ihn der Anna nicht zurückgeben konnte.

Der Hahn kommt zurück

Sie packte den Verfehlten ein und legte ihn in den Schrank. Am folgenden Morgen sollte die kleine Tochter der Marta ins Haus kommen, um nach Besorgungen zu fragen. Dann würde sie ihr den Hahn mitgeben. Mochte die Marta sehen, wie sie sich aus der Sache zog.

Am Morgen kam Marietta angehüpft. Die Sciora, eben mit dem Einschlagen eines Nagels beschäftigt, der nicht in die harte Mauer eindringen wollte, rief lauter, als sie es sonst getan hätte, der Kleinen zu, sie könne den Hahnenbraten ihrer Mutter bringen, diese werde sich wundern über die Zähigkeit des so jungen Tieres, und sie bitte die Marta, ihn der Anna zurückzugeben oder selbst zu behalten.

Das Kind bekam ängstliche Augen, duckte den Kopf in die etwas schiefen Schultern und verschwand mit dem Paket, das die Sciora aus dem Eisschrank geholt hatte. Nach kurzer Zeit kam es damit zurück, die Mutter habe ja keinen Eisschrank, um den Hahn aufzubewahren, bis die Anna Ende der Woche vom Berg herunterkomme, die Sciora möge ihn solange bei sich behalten, und da sei die Schürze und da das Geld für den Hahn. 

Die Kleine verschwand. Das geht aber schnell, dachte die Sciora. Nachdem der Nagel endlich in der Wand hielt, ging sie zum Tisch, auf dem die Schürze lag, die sie der Marta vor einigen Tagen mitgegeben hatte, um ein Band neu daran zu nähen. Es war eine Küchenschürze.

Wie verwundert und argwöhnisch beunruhigt war sie, zu bemerken, dass das Band nur bei der Schürze lag, aber nicht angenäht worden war. Was sollte das heissen? Das konnte nur heissen, dass die Marta den Dienst kündete. Bindet sich nicht jede rechte Köchin, wenn sie plötzlich ihren Dienst aufgibt, die Schürze ab und gibt sie mit grosser Gebärde zurück oder wirft sie über den Tisch? Das heisst: Es ist aus, jetzt ist es aus, denn das war zu viel!


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

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