«Das Testament» (1) «Tessiner Erzählungen» von Aline Valangin

Die Sciora und die alte Teresa kramten im Estrich des Hauses herum. Immer noch kamen Truhen und Kisten zum Vorschein, die der Sciora neu waren und welche aus der Zeit der früheren Padroni, der echten Padroni, stammten.

Die Teresa war gerne bei diesem Räumen dabei, denn im Geheimen glaubte sie, wie alle im Dorf, dass noch einmal ein Schatz ans Tageslicht gebracht würde. Sie hatte zwar schon jedes Winkelchen des grossen Hauses ungezählte Male durchsucht und nie etwas Wichtiges gefunden, aber für sie war es trotzdem sicher: Ein Schatz war im Hause und fatal wäre es, wenn diese Sciora, diese Fremde, ihn finden sollte. Denn dieser Schatz, darüber bestand für sie kein Zweifel, gehörte ihr, wie überhaupt das ganze Haus, nach ihrer Meinung, ihr Eigentum war.

Die Sciora hatte sich auf eine der Truhen gesetzt, die vollgestopft waren mit altem Kram, und beobachtete die Teresa, wie sie sich zu schaffen machte. Wie alt mochte die Frau sein? Ihr Gesicht war verrunzelt, aber aus den Falten und Furchen schauten kleine, lebendige Augen, klug wie Elefantenaugen. Sie konnte arbeiten wie ein Mann und war nie krank. Siebzig Jahre mochte sie zählen, und mehr als fünfzig davon hatte sie als Magd im Hause verlebt. Fünfzig Jahre … siebzig Jahre … staunte die Sciora … Warum nicht hundert Jahre und mehr? … Die Zeit schien an der Alten vorbeizugehen, ohne sie zu verändern. Das gleichmässige Leben, jahraus, jahrein, hatte sie zeitlos gemacht.

Jeden Morgen, Sommer und Winter, stand Teresa um fünf Uhr morgens auf und nach neun Uhr abends war es still in ihrer Kammer. Sie trank ein wenig Milch, im Sommer ass sie Salat aus ihrem Gemüsebeet. Von was sie sonst lebte, hatte die Sciora nie erfahren können. Sie arbeitete schwer, solange der Tag dauerte. Die ganze Arbeit galt ihrer Kuh. Es war die schönste Kuh im Dorf und sie gab die süsseste Milch. Jeden Herbst bekam sie ein Kalb. Das war das grosse Ereignis im Jahre der Alten geworden. Davon sprach sie wochenlang vorher und wochenlang nachher. Denn das Kalb war, mit der Milch der Kuh, ihre einzige Geldeinnahme. Sie verkaufte es, wenn es gross genug war, dem Metzger im Tal.

So ging das Leben weiter und man hätte denken können, es sei immer so gegangen. Und doch hatte die Teresa einst anders gelebt, ganz anders. Die Sciora hörte sie gerne aus jener vergangenen Zeit berichten. Es gefiel ihr, sich vorzustellen, wie es im Hause gewesen war, früher, als noch die Nachkommen des Erbauers hier wohnten, lange bevor sie es gekauft hatte. Niemand wusste da besser Bescheid als die Teresa, niemand hatte solange im Hause gelebt, wie sie. Sie kannte jeden Schlüssel im Haus und jedes Schloss, jeden Nagel an der Wand, jedes Loch, wo einst ein Nagel gesteckt hatte. Es stand kein Gerät, kein Möbel da, von dem sie nicht die Geschichte wusste, es fand sich kein alter Fetzen Leinwand, dessen Herkunft sie nicht hätte nennen können. 

Nein, niemand wusste Bescheid wie die Teresa. Jetzt, hier auf dem dunklen Estrich, dachte die Sciora, umgeben von dem alten Plunder, wäre der richtige Ort, der Teresa zuzuhören. Also rief sie ihr zu, sie möge doch das Wühlen sein lassen und ihr lieber wieder einmal die Geschichte erzählen. Die Alte richtete sich auf und kam näher. Ihr Gesicht wurde streng. Sie nahm ihre sonntägliche Haltung an und begann sogleich, denn die Geschichte – es gab für sie nur diese – hatte sie nie genug erzählt. Es war ihre Geschichte, ihre eigene, fast unglaubliche Geschichte.

«Sie wissen, Sciora», begann sie, «die Letzten aus der Familie der Padroni waren schon gestorben, und alle in ihrem Schlafzimmer. Ja, seltsam genug», fügte sie kopfnickend zu, «in diesem fröhlichen Zimmer mit den roten Blumen an den Wänden.» Dass die Menschen in ihrem Schlafzimmer gestorben waren, hatte die Sciora als Erstes – am ersten Morgen ihres Hierseins – von der alten Teresa erfahren: Sie erinnerte sich noch genau des Satzes, mit dem sie begrüsst worden war. «Ich wünsche», hatte die Alte gesagt, «die Sciora habe im Zimmer mit den roten Blumen gut geruht. Es ist das Zimmer, in dem die sechs letzten Padroni gestorben sind.» 

Die Sciora erinnerte sich auch, wie genau die Alte sie dazu aus ihren kleinen Augen beobachtet hatte, um zu sehen, ob sie erschrecke. Sie hatte damals zwar verstanden, dass es die Teresa gefreut hätte, ihr das schöne Zimmer zu verleiden, doch hatte sie nicht begriffen warum. Sie hatte sich befremdet gefühlt und sich vorgenommen, auf der Hut zu sein. Erst später hatte sie erfahren, dass die Teresa die letzten Jahre ganz allein im Palazzo gehaust und sich so an die Einsamkeit gewöhnt hatte, dass der Tag, an welchem die Sciora das Haus bezog, ein richtiger Unglückstag für sie wurde. Es kam der Alten unmöglich vor, Fremde im Hause ein und aus gehen zu sehen, in ihrem Hause, in dem sie nichts mehr zu sagen haben sollte. Oft habe sie zu der Zeit gebetet, gestand sie nachher einmal, es möge der Sciora etwas zustossen, damit sie wieder allein und für sich im Hause leben könne.

An jenem ersten Morgen also hatte die Sciora geantwortet, das Blumenzimmer sei scheint’s ein gutes Sterbezimmer und werde wohl auch ein angenehmes Ruhezimmer sein. Sie werde kein anderes beziehen, es gefalle ihr. Von da an hatte die Teresa andere Mittel versucht, um der Eingedrungenen das Haus zu vergällen. Darüber könnte die Sciora manches erzählen.

Das Haus als Passion

So musste sie sich im ersten Sommer, den sie im Hause verbrachte, oft wundern, warum jeden Morgen irgendein Zweiglein der neuangepflanzten Büsche geknickt sei, immer jene Zweiglein, die im nächsten Frühjahr Blüten getragen hätten. Vögel? Aber wer verdrehte stets den Wasserhahn des hinteren Brunnens, so dass er pustend und spuckend und gurgelnd die Nachtruhe störte und Martino ihn mit viel Kunst und Geduld wieder in Ordnung drehen musste? Und wer öffnete geheim die verschlossene Gartentüre sperrangelweit, alles an fremdem Getier hereinlassend, was hereinwollte? 

Da hatte einst die Sciora im Morgengrauen gesehen, wie die alte Teresa zu einer Pflanze ging, sich bückte, wie um mit ihr zu sprechen – so tat sie es zu Katzen – sie anfasste und vorsichtig, wie vorsichtig, ein wenig hob. Seither wusste die Sciora, warum die schönsten Zinnien und saftigsten Tageten plötzlich unter der Sonne verschmachteten und nicht wieder zu sich kamen. Sie verstand auch, warum nur morgens um vier Uhr in Teresas Kammer, die über ihrem Schlafzimmer lag, gebuttert werden konnte – es ging lange, bis sie sich an den Lärm des rollenden Butterfasses gewöhnt hatte – und wieso der Käse in Teresas Keller so alt zu werden hatte, bis man ihn vor dem Hause roch. 

Sie verstand dies alles und noch vieles andere, was vergessen sein soll. Es hatte sie ein wenig verdrossen. Sie hatte der alten Frau freundliche Gefühle entgegengebracht und war enttäuscht, dass diese so gar nicht erwidert wurden. Doch war ihr aufgegangen, warum die Alte ihr Schaden zufügen wollte. Sie tat ihr leid und sie sagte sich, mit der Zeit werde sich die Teresa schon an ihre Gegenwart gewöhnen. Und bis dahin müsse man Geduld haben. Sie liess sich also nicht ärgern. Vor allem war sie klug genug, es der Alten mit keinem Wort und keiner Miene zu verraten, wenn es dieser gelungen war, sie mit irgendeiner Bosheit zu treffen. 

Die Teresa sah ein, dass die Sciora entschlossen war, das Haus zu lieben, trotz allem, und da sie selbst nichts auf der Welt mehr liebte als das Haus, fühlte sie sich bald in dieser Anhänglichkeit der Fremden verbunden. «Welche Passion die Sciora doch für das Haus hat», konnte sie bewundernd sagen. «Es ist kaum zu glauben. Alles sieht sie, an alles denkt sie, als ob sie immer da gelebt hätte. Ja, es ist eine richtige Passion.»

An das alles erinnerte sich jetzt die Sciora. Die Teresa vielleicht auch. Sie hatte zu sprechen aufgehört und sann vor sich hin. «Also sechs waren gestorben», brachte die Sciora das Gespräch wieder in Gang. «Ja, die sechs Letzten», fuhr die Alte weiter. «Zuerst ist die alte Padrona gegangen. Sie hatte es leicht. Dann der alte Herr, dann die Tochter und so weiter. Alle, alle sind sie gestorben, bis nur noch der jüngste Sohn, mein Herr, übrig blieb. Zwanzig Jahre habe ich allein mit ihm im Hause gelebt. Er kümmerte sich um nichts mehr, auch nicht mehr um seine Bäume, trotzdem er Förster von Beruf war. Nie ging er zum Garten und selten zum Haus hinaus. Er sass Winter und Sommer im getäfelten Zimmer, das Gesicht gegen den Kamin gekehrt, in jenem sonderbaren alten Stuhl, an welchem zwei Eisenschienen herauszuziehen sind, um ein Tischblatt daraufzulegen, und trank Wein. Das grosse Fass drunten im Keller ist das letzte Fass, das er ausgetrunken hat. 

Der Garten verwilderte, denn ich allein konnte nicht alles tun. Die Bäume hatten das Haus ganz zugewachsen, es waren Zwetschgenbäume, aber sie trugen nichts mehr. Sie waren nicht gepflegt. Im Esszimmer drunten wohnte eine Kuh. Das Zimmer war so schmutzig, oh Sciora», und die Alte kicherte, «es war so schmutzig, dass ich, um es einmal zu reinigen, den Pickel nehmen musste, um die steinharte Mistkruste herauszuschlagen. Dem alten Herrn war eben alles einerlei. Er hatte ein trauriges Gemüt bekommen und hasste alle Menschen. Die Dienstboten hatte er längst schon fortgeschickt. Die Kinder des Dorfes, ja seine eigenen Neffen, wagten sich nie in die Nähe des Hauses, er schlug sie mit dem Stecken, wenn er sie erwischen konnte.»

Die Alte verschwieg stets, was die Sciora wusste: sie war nicht nur die Magd und der Knecht des alten Herrn, sondern auch seine Geliebte gewesen. Darum hatte der Alte ihr alles überlassen. Sie hatte geschaltet und gewaltet wie eine Padrona. Sie hatte sich diesen Posten erarbeitet, verdient, erobert. Mit sechzehn Jahren war sie in den Dienst der alten Herrschaft getreten. Diese Herrschaft war gefürchtet gewesen im Tal als streng und geizig. Im Jahr gab es zehn Franken Lohn. Das Essen bestand werktags und feiertags aus Polenta und Kaffee. Dafür hörte die Arbeit nie auf, denn der alten Herrschaft gehörte das halbe Tal, die Alpen, Wälder und Wiesen. Nicht dass sie von Anfang an so viel Land besessen hätte, nein, aber einer aus der Familie hatte Geld aus dem Ausland nach Hause gebracht. Viel Geld! 

Dieses Geld hatten seine Nachkommen begonnen auszuleihen, hier einem armen Bauern, der den Zins nicht zahlen konnte, dort einem anderen, der Unglück gehabt hatte mit dem Vieh, und wieder einem Dritten, um sein Haus zu vergrössern, das zu klein wurde, weil immer mehr Kinder ankamen. Doch konnten von diesen Schuldnern die meisten das Geld nicht zurückgeben und die alte Herrschaft war hart und nahm ihnen ihr Stücklein Land anstelle des Geldes ab. So hatte sie nach und nach aus vielen kleinen und kleinsten Parzellen ein grobes Besitztum zusammengebracht. Je schlechter es den Talleuten ging, umso leichter wurde es der Herrschaft, auch einzelne Stücke Land noch anzukaufen, bis ihr alles gehörte, was man vom Haus aus sehen konnte, «und noch viel mehr», fügten die Leute hier bei, wenn sie davon erzählten.

«Tessiner Erzählungen»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934

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