«Das Kreuz» (1)

Nach dem unmässigen Regen im September schien der Himmel sich endlich trösten zu wollen. Hellere Tage schoben sich zwischen die düster-verhangenen, und eines Abends stand ein heller, blauer Strich über den Bergen. Am nächsten Morgen glänzte die Sonne.

Von da an begann ein so warmer, trockener Herbst, wie sich niemand an einen ähnlichen zu erinnern vermochte. Das Tal lag vergoldet im vollen Glast, wochenlang, und leuchtend türmte sich das Blau darüber. Die Sicht war weit und so klar, dass man die Ziegen übermütig in den Flühen herumklettern sah, wohin sie der reichen Kräuter wegen stiegen. Auch die Hühner wagten sich in die Wiesen und Hänge hinaus. Sie scharrten aufgeregt und bösartig, trotz des Überflusses an Nahrung neidisch auf jedes Korn, das die Nachbarhenne fand. Gierig frassen sie alles in sich hinein, als ob die sieben mageren Jahre vor der Türe stünden.

Die Schafe jedoch und ihre halbgrossen Lämmer wandelten sittsam, wie es sich seit der Geburt unseres Herrn für sie geziemt, und unberührt von dem späten Jubel des Herbstes, ihrer sicheren Wege. Unterdessen ernteten die Leute in Ruhe ihre Kartoffeln, bestellten die kleinen Felder und brachten das Holz aus den hochgelegenen Wäldern ins Dorf. Nichts wurde nass. Die Spiele der Kinder reihten sich lärmend Tag für Tag aneinander. Der Dorfplatzhallte wider von ihrem durchdringenden Geschrei, und die alten Leutchen sonnten ihre Knochen, denen nie ein Herbst so gnädig gewesen war. 

Zu der unverhofften Gunst der Witterung kam, nicht minder als ein Geschenk des Himmels, ein Arbeitsauftrag für die Frauen und Mädchen des Tales. Es war in der Hauptstadt beschlossen worden, das Abzeichen, das am ersten August des kommenden Jahres alle Schweizerbürger gemahnen sollte, dass sie nicht nur im Nehmen, sondern auch im Geben zusammenhalten müssen, im Tale anfertigen zu lassen. Es geschah in der Absicht, die alte, fast verlorengegangene Kunst des Strohflechtens wieder zu Ehren zu bringen. 

Manche der älteren Frauen verstanden es noch, aus Strohhalmen feine Tressen zu flechten, Jüngere würden es erlernen und die Jüngsten aus den geschmeidigen Borten zierliche Schleifen formen, die, mit einer Medaille versehen, gleichzeitig die Arbeit der Talfrauen und den hohen Tag ehren würden. Doch war es nicht nur der Stolz, an dem vaterländischen Werk mitzuhelfen, was die Frauen veranlasste, sich fast alle zu der Arbeit zu melden. Es war der Verdienst, der, zwar bescheiden, doch so war, dass ihn keine der Nachbarin allein gegönnt hätte.

So sassen in diesem schönen Herbst auch im oberen Dorfe auf vielen Balkonen Frauen, die Strohborten flochten, und je schneller es einer von der Hand ging, desto mehr beeilten sich die anderen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Bald konnte daran gedacht werden, aus den fertigen Borten die Schleifen zu schlingen. In jedem Dorf wurde ein Mädchen ausgesucht, das die Fertigkeit erlernen und sie dann den andern beibringen sollte. 

Für das obere Dorf war die Wahl auf Pia, die junge Handarbeitslehrerin, gefallen. So hatte es der freundliche Herr bestimmt, der die kleine Industrie leitete und deshalb oft aus dem Städtchen, wo er wohnte, ins Tal kam. Also Pia. Sie war keine Hiesige. Ihr Vater war aus dem Italienischen gekommen, man erinnerte sich noch gut, dass er vor dreissig Jahren als Holzfäller – damals war er jung und hübsch gewesen – auftauchte und allen Mädchen den Kopf verdrehte. 

Die Luisa hatte ihn dann geheiratet. Obschon er nicht anders gelebt hatte als die anderen Männer im Tal, war er in den Augen aller etwas Besonderes geblieben. Mochten es die nicht ganz vergessenen Erfolge bei den Frauen sein, oder seine klarere Sprache, sein Fleiss im Sparen, oder vielleicht die Art, wie er sich von allen Dorfhändeln zurückhielt: Er wuchs nicht mit dem Dorf zusammen, er blieb der Fremde, und sogar seinen Kindern, die doch hier geboren und aufgewachsen waren, haftete das Besondere an. Seit wann, übrigens, gibt man einem Mädchen einen Beruf? Die Pia war offenbar zu gut für die gewöhnliche Arbeit, die einem Mädchenzufällt. Sie wurde in eine Nähschule unten im Tale geschickt. Mit glatten Händen kam sie zurück und mit einem Diplom als Handarbeitslehrerin.

Jetzt brachte sie also den Dorfmädchen das Stricken und Nähen bei, seit das alte Fräulein Emma, von Gicht geplagt, sich nicht mehr bis ins obere Dorf schleppen konnte. Es passte nicht jeder Frau, dass die Tochter der Luisa nun sozusagen über ihre Tochter gestellt war und ihr Anweisungen zu geben hatte. Etwas dabei war anstössig. Aber nicht wahr, so konnte man nicht sein, und Pia machte ihre Sache gut, die Kinder lernten etwas. Doch sollte es ihr nicht einfallen, die Kleinen etwa an den Haaren zu ziehen, wenn sie mit schmutzigen Händen in die Arbeitsschule kamen, das wäre zu weit gegangen. Denn, wenn man sich erinnerte … 

Luisa war wohl hübsch gewesen, aber wie hatte sie es angestellt und fertiggebracht, dass Bernardo gerade sie heiratete, und heiraten musste? Das war nicht vergessen worden, und es war Pia zu raten, auch daran zu denken. Was wunders, dass es niemanden freute, als bekannt wurde, Pia sei zur Leiterin der kleinen Schleifenfabrik bestellt worden. Genügte es nicht, dass sie den kleinen Mädchen befehlen konnte, musste sie nun auch die Erwachsenen schurigeln dürfen? Doch war die Bereitschaft der Mädchen und Frauen, zu arbeiten und etwas zu verdienen, so gross, dass man vorerst über Pias Auszeichnung hinwegsah. Die eine geräumige Stube im Gemeindehaus, die leer stand, wurde zweckentsprechend mit breiten Tischen eingerichtet, und die kleine Arbeitsgemeinschaft begann. 

So hätte der Winter ein glücklicher werden können. Doch Ermano, der in die Zukunft sieht, warnte, man solle sich nicht freuen. Es komme anders, als man meine. Und er sollte recht behalten. Vielleicht fing es mit dem grossen Brennen an. Weihnachten war schon vorbei, und immer noch hatte es weder geregnet noch geschneit. Die Leute wunderten sich und klagten über die andauernde Trockenheit, die das Land ausdörrte. Die Matten brauchten dringend Wasser. Aber auch sonst war Wasser nötig. Wie sollte das Elektrizitätswerk der Gemeinde weiterhin seinen Dienst versehen, wenn die grosse Brunnstube sich nicht mehr füllen konnte? Schon jetzt löschte das Licht oft und öfter aus. Das war peinlich, mehr als peinlich … Wirklich, es war an der Zeit, dass Regen falle. 

Da war es, dass an einem Abend, nicht lange nach dem Ave läuten, der ganze Himmel hinter dem Berg in hellen Flammen loderte. Aus Tausenden von Scheinwerfern fielen Strahlen in die Glut und blieben zwischen roten Fetzen von Dunst, Nebel und Gischt hängen, während die Feuersröte sich in Schwaden bis hoch hinaufzog und es aussah, als wolle sie auch die andere Seite des Himmels auffressen. Die Leute rannten auf dem Dorfplatz zusammen. Sie scharten sich um den Lehrer, der, nicht weniger erschrocken als sie, um Ruhe bat; bei dem Lärm, den sie vollführten, könne er nicht denken. 

Das Nordlicht

«Es brennt auf einer Alp am Simplon», rief einer in die schnell erfolgte Stille hinein. «Man müsste per Telefon in einem Dorf dort anfragen, was geschieht.» Paolo, der Fischer, rannte in die Telefonkabine, die in einemdunkeln, feuchten Gang hinter dem Postbüro liegt. Mit fliegenden Händen suchte er im dicken Telefonbuch, das sich mit geheimer Tücke jeweils schloss, wenn er glaubte, den Ort gefunden zu haben, nach der Postamtnummer des nördlichen Dorfes. Endlich gelang die Verbindung. 

Nein, es brenne dort nicht, auch nicht in der Nähe, aber jenseits der Alpen müsse Fürchterliches geschehen, ganze Städte brennen … Mit stieren Augen stieg Paolo aus der Kabine, vor welcher sich einige Männer angesammelt hatten und den Fliehenden an den Armen festhielten, um zuerst zu erfahren, was er vernommen habe. Er riss sich los und eilte unter die Türe, die auf den Platz hinausführt. Dort drängten sich die Leute. Frauen waren in die Knie gesunken, sie beteten laut.

Der Lehrer stand ratlos in ihrer Mitte. Als Paolo erschien, streckte er ihm beide Hände entgegen: «Was ist, was ist?» «Es brennt eine Stadt ab, sagen sie, wahrscheinlich ist plötzlich Krieg ausgebrochen», schrie Paolo. Der Sindaco, der von seinem Balkon heruntergestiegen war, stellte feierlich fest, das könnte möglich sein, nach allem, was täglich in seiner Zeitung stehe … Bestürzt sahen sie einander an, sogar die betenden Weiber hielten inne.

Da sprang der Lehrer, sich heftig Platz machend, zwischen die Gaffenden und verschwand mit einem Satz in den dunklen Hausflur der Post. Er wollte selbst anfragen, in der Hauptstadt anfragen, was los sei. War er nicht der Lehrer? Ihm kam es zu, die Leute aufzuklären. Brand oder Krieg? Er hörte, es handle sich weder um das eine noch um das andere. Was am Himmel erscheine, sei ein Nordlicht. 

Beruhigt und ein wenig verdutzt, trat er auf den Platz hinaus und trug den Aufgeregten vor, was ihm in der kurzen Zeit, während er durch den dunkeln Gang des Postbüro hinaus schritt, über das Nordlicht wieder eingefallen war. Sie hörten stumm zu. Die meisten liessen sich nicht beschwichtigen, im Gegenteil. Ein Brand, so fürchterlich er sein konnte, man wusste, was es war. Auch ein Krieg mit seinem Graus. Hörte man nicht genug darüber? Aber ein Licht? Wozu hatte nun Gott neben Sonne, Mond und den guten Sternen, die doch alle ihren klaren Zweck hatten, noch ein Licht geschaffen? 

Wollte er damit den erschreckenden Beweis geben, dass Er da sei, immer und ewig, auch wenn man ihn zuweilen vergesse? Oder war es gar nicht Gott, der es geschaffen hatte, etwas so Wildes, Unordentliches, Heftiges? Sie standen und starrten in die Höhe, bewundernd halb, und halb misstrauisch, und manch einer faltete die Hände. Sicher ist sicher. Nach und nach hatte sich das ganze Dorf auf dem Platz versammelt. Dicht aneinandergepresst warteten die Leute, bis der Höllenschein verblasste. Wer hatte etwas von Höllenschein gesagt? Niemand wollte es gewesen sein, aber viele hatten es gehört und alle bewahrten es beunruhigt in sich.

Alle? Nein, nicht alle waren auf dem Platz gewesen. Der Herr Pfarrer hatte gefehlt und auch Herr Martino. Beide erfuhren erst am nächsten Tage, was Ungewöhnliches sich ereignet hatte. Der Herr Pfarrer klagte laut, warum man ihn nicht geholt habe. Man entschuldigte sich, es sei neun Uhr gewesen, die Zeit seines Abendgebetes, in der er ungestört zu sein wünsche. Ja, gewiss, aber holten sie ihn nicht für alles und jedes, ob er bete oder nicht, und welche Stunde es schlage, für Trauriges, Hässliches und Überflüssiges, und jetzt, wo es einmal etwas Erhabenes zu sehen gegeben hätte, vergesse man ihn und lasse ihn im Stich. Er grollte und wollte sich lange nicht mit seinen Pfarrkindern aussöhnen. War da nicht sozusagen der Vorhang am Himmel etwas gelüftet worden, während er betete … ausgerechnet… Und um ein weniges hätte er mit dem Himmel selbst gehadert. 

Viel schwerer aber nahm es Herr Martino. Er hatte in seiner Küche etwas gebastelt und sich dann schlafen gelegt. Dass so etwas geschehen konnte: er hatte geschlafen! Er hätte sich ohrfeigen mögen, denn was war ihm da entgangen? Er liess sich das grosse Brennen immer neu beschreiben, und wenn schon durch die wiederholte Erzählung und ihre Ausschmückung aus dem Nordlicht ein wilder Feuerzirkus geworden war, so malte es ihm seine Vorstellungskraft noch weit grossartiger und wundersamer aus: ein brausendes Meer aus roter Lohe, verkehrt aufgehängt, durchzuckt von Feuerschlangen – er hatte einst in Buenos Aires ein Feuerwerk abbrennen sehen und lange jede Nacht davon geträumt. 

Glühende Kugeln fuhren daraus, sausten durcheinander, beschrieben auf ihrer Bahn geheimnisvolle Zeichen, alles aus Feuer, purem Feuer … Es benahm ihm den Atem. Um das alles war er gekommen! Es war unerträglich. Er stellte sich in der folgenden Nacht an sein Fenster und wartete. Es konnte nicht sein, etwas musste doch auch er zu sehen kriegen – war er denn niemand?– nur ein weniges, ein kleines Lichtlein, ein Funke, aber doch etwas von diesem unausdenkbar Gewaltigen. Er bekam nichts zu sehen. Auch in den folgenden Nächten sah er nichts. Die Sehnsucht nach dem Aussergewöhnlichen brannte ihn; es tat weh. Er grollte mit sich, er schimpfte sich aus und spottete über sich, diesen Herrn Martino, der in der Küche hockte und sich um irgendeinen unwichtigen Gegenstand mühte, der entzwei gegangen war, und nichts sah und nichts hörte! 

Groll über das verpasste Wunder

Ungern wollte er annehmen, das Wunder ein für alle Mal verpasst zu haben. Gibt es ein Wort, das tiefer wurmt? Verpasst! Er begann darüber nachzugrübeln. Verpasst, was das heisst. Und es stiegen in ihm andere Dinge auf, die er verpasst hatte. Wer hat nicht solche? Bald schien ihm, er habe, nicht jetzt, aber immer schon alles Schöne und Gute verpasst, und eine seltsam grimmige Traurigkeit kam über sein Gemüt. Er ging wenig aus dem Haus, und wenn er einen Gang tun musste, tat er ihn schnell und ohne sich aufzuhalten– die andern wussten doch nichts als über ihr grosses Licht zu prahlen – und pfiff dazu durch die Zähne. 

Seine Mütze hatte er tief in die Stirn gezogen, was ihn nicht hinderte, öfters rasch nach dem Himmel zu spähen, wie einer schaut, der das Wetter erraten will. Etwas in ihm hoffte noch, sogar am hellen Tage. Obschon nun alle andern die Himmelsbescherung umso lauterpriesen und rühmten, weil es unter ihnen zwei gab, die von dem Wunder ausgeschlossen worden waren, blieben sie doch von dem Geheimnisvollen betroffen. Wo zwei zusammenkamen, sprachen sie bald davon oder stritten darüber, denn die Meinungen über die Herkunft des Brennens gingen noch immer, und eigentlich je länger je mehr, auseinander. Auch die Frauen tauschte am Brunnen gerne und eifrig ihre Ansichten aus, ob es ein Zeichen Gottes oder bloss durch die schlechten Winde und die Trockenheit verursacht, in das Gebiet des Wetters zu verweisen sei. 

Selbst die alte Teresa hatte sich ihren Spruch gemacht, wo sie doch sonst über alles lachte, was die Dorfleute aufregte. Sie war der Marta einst nachgeschlichen, als diese sich anschickte, die Geranien der Sciora zu begiessen, welche im Keller des Palazzo in geraden Reihen zum Überwintern aufgestellt waren. Marta kreischte auf: «Welche Angst du einem machen kannst!» Sie hielt die Hand aufs Herz gedrückt und sah sich nach einem Sitz um.

Da stand die Gartenbank, die samt den Blumen auf den Sommerwartete. Die Frauen setzten sich darauf und kamen sofort auf das zu sprechen, was alle beschäftigte. «Es ist aus Elektrizität», sagte die Teresa. «Warum aber löscht dann unser Licht jeden Abend aus, wenn es so viel Elektrizität gibt, dass der ganze Himmel davon erleuchtet wird?», gab Marta zu bedenken. «Nein, es ist Gott, der an unser Ende gemahnen will. Das war ein Schein von drüben!» 

Nach einer Pause fragte die Teresa: «Glaubst du an das Drüben?» Marta antwortete erschrocken: «Was sagst du da? Pass auf, was du sagst», und sie wies mit der Hand rückwärts, dorthin, wo der Raum der Zentralheizung lag, den sie nie betrat. Das grosse Feuer, das sie dort einst im Kessel hatte prasseln sehen, verband sie in ihrer Vorstellung mit der Hölle, und um nichts wollte sie damit etwas zu tun haben. Teresa verstand die Bewegung nicht. Sie kehrte sich nach der weissen Wand um und fragte: «Was ist?» «Nichts, ich meine, von wegen dem Drüben», lenkte Marta ab. «Eben, es gibt kein Drüben, es kommt nichts nachher, glaube ich», fuhr Teresa hartnäckig fort. 

«Ist etwa je einer meiner alten Padroni wiedergekommen? Sie hatten alle etwas auf dem Gewissen, was sie herumtreiben könnte, und der Weg vom Friedhof hierher ist nicht weit. Aber nie hat sich einer gezeigt … Und haben wir nicht den Papst und die Kardinäle und die Bischöfe und die Pfarrer … und hat je einer, je einer ‹etwas› gesehen? Was meinst du, wenn einer von den grossen Herren ‹etwas› erblickt hätte, wir wüssten es. Es gäbe Fotografien. Hast du schon eine gesehen, eine Fotografie? … Etwa von einem Engel? Ich nicht.

Ein Zeichen Gottes

Marta gefielen diese Reden so in der Nähe der Zentralheizung wenig. Gewiss, sie ging nicht oft zur Messe und nur ungern zur Beichte. Aber immerhin, eine Protestantin war sie nicht. Sie sagte es der Teresa. Diese blieb eine Weile still und gab dann einfach zu: «Ich weiss, es ist nicht katholisch, wie ich rede. Der Herr Pfarrer hat es mir gesagt. Du musst wissen, ich ging zur Beichte, eben wegen dieser Gedanken, und was ich dir jetzt sagte, vom Papst und den Fotografien, die es nicht gibt, das brachte ich ihm alles vor. Er war unzufrieden und schalt, das sei nicht katholisch, so zu denken, und ich müsse mir Mühe geben, anders zu denken. Aber es nützt nichts, ich kann nicht anders denken, es will sich in meinem Kopf nicht anders schicken … das ist wahrscheinlich eine Sünde», meinte sie nachdenklich. 

«Die schlimmste Sünde, die schlimmste», bestätigte eifrig die Marta. «Sicher die schlimmste, ich sehe es ein», gestand Teresa und lächelte ein wenig, «aber ich kann mich nicht bessern, trotz der Gebete, die der Herr Pfarrer mir aufgegeben hat – manchmal bin ich zu müde, aber manchmal sage ich sie her – und dann: wenn es ‹etwas› gäbe, so wären meine Padroni wiedergekommen, um es mir zu sagen.»

Dabei blieb sie. Marta seufzte laut auf, es war eher ein Stöhnen. «Lieber Gott, wer das wüsste!» Doch gleich nahm sie sich zusammen und erklärte, dürre Blätter aus den Geranien lesend: «Es ist auf alle Fälle sicherer, sich an das zu halten, was der Herr Pfarrer sagt, und er meint auch, das Licht sei ein Zeichen Gottes gewesen.» 

«Ist Elektrizität nicht auch ein Zeichen Gottes?», warf die Teresa boshaft ein. Nun fand Marta keine Antwort mehr. Sie stand auf und ging mit der Giesskanne den Stöcken nach. In der Arbeitsstube der Schleifenmacherinnen wurde am eifrigsten über das Himmelsfeuer, seinen Ursprung und seinen Sinn oder Zweck gestritten. Pia musste oft mahnen, man möge doch weniger schwatzen und mehr arbeiten. Von den abgelieferten Schleifen waren viele nicht zu gebrauchen. Sie erwiesen sich, an der Musterschleife gemessen, als zu klein oder zu gross, die Strohborte war verkehrt genommen oder die Medaille falsch angeheftet worden.

Alte Eifersucht

Es waren immer die gleichen Frauen, deren Arbeit zurückgewiesen werden musste. Luce, die Frau des Paolo, Filomena und noch einige andere. Ihr Mund stand niemals still, doch ihre Hände waren langsam und ungeschickt, so dass sie bis zum Feierabend nur wenige Schleifen zuwege brachten. Wenn nun Pia von diesen wenigen noch einige als misslungen beanstandete und zurückgab, traf es die Frauen umso empfindlicher, als ihr Verdienst, verglichen mit dem der Geschickteren, ohnedies knapp war. 

Die so Benachteiligten fanden, Pias Verhalten sei unfreundlich. Sie beklagten sich, so gehe das nicht. Pia müsste im Gegenteil ihre Abzeichen alle annehmen, auch wenn das eine oder das andere etwas schief geraten sein sollte, was tat das in der Masse, um die Ungerechtigkeit auszugleichen, die darin bestand, dass die einen Hexenfinger hatten und sie nicht. Doch Pia ging nicht auf ihr Ansinnen ein; es kam den Benachteiligten vor, aus böser Absicht wolle Pia nichts davon wissen, und sie begannen zu murren. Zu Hause klagten sie es ihren Männern. Diese hörten wenig auf das Gejammer, das ihnen vertraut klang, worüber auch immer geklagt wurde. 

Doch als Luce Paolo berichtet, Pia habe ihr heute gesagt, sie solle weniger dummes Zeug schwafeln und besser aufpassen, und dabei habe sie doch nur erklärt gehabt, was er, Paolo, ihr erklärt hatte, nämlich, dass das Nordlicht vom Nordpol herunterkomme, wo es immer Tag sei, weil in der Nacht Lichter scheinen, und es habe nichts mit Gott zu tun. «Dummes Zeug, hat sie gesagt? Und schwafeln?» Paolo fragte es scharf. «Natürlich, sie hängt dem Pfarrer am Rock, die hergelaufene Ziege.» 

Er tröstete die Frau und empfahl ihr, ein wenig aufzupassen, was die Pia so rede den Tag durch. Man werde sie schon fangen, diese Fremde, erfahren, was sie eigentlich denke und auf wessen Seite sie stehe. Man wisse es schon, aber ein kräftiger Beweiswäre doch gut. Dann werde sie fliegen. Es sei sowieso unerhört, dass eine Fremde hier Aufseherin sei und den guten Lohn einstreiche, wenn es gelte für den Nationalfeiertag Abzeichen anzufertigen.

Der kleine Peppo schaute verwundert auf seinen sonst so stillen Vater. Er fürchtete sich fast und versteckte den Kopf unter die Schürze der Mutter. Diese war mit ihrem Erfolg so weit zufrieden. Sie zweifelte nicht daran, da Paolo sich der Sache annehmen wollte, dass Pia bald verhindert werden könne, sie weiterhin ungerecht zu behandeln. Denn war es nicht ungerecht, ihr so viele Schleifen zurückzuweisen? Wer würde am ersten August mit dem Zentimetermass herumgehen und den Leuten die angesteckten Strohschleifen nachmessen, ob sie alle akkurat gleich seien? Es war Schikane von Pia, weiter nichts. 

Aber restlos freute sie sich an Paolos Eifer doch nicht. Sie mochte fühlen, dass mehr dabei war als bloss der Wunsch, sie zu verteidigen und ihr beizustehen. Dunkel stieg alte Eifersucht in ihr auf. Hatte Paolo nicht seinerzeit Gefallen an der Pia gefunden? Doch die Pia war sich bewusst gewesen, etwas Besseres zu sein; sie hatte nichts von ihm wissen wollen. Luce trug es ihr nach, obschon es ihr Glück geworden war, sie trug es ihr nach; wie viel mehr Paolo, auch heute noch, sie hatte es verstanden. Sie wusste nun nicht, war sie wütend auf Pia, weil sie Paolo verschmäht hatte, oder weil ihr Paolo, heute noch –wenn auch im Hass – ergeben war.  Sie vermochte ihre Gefühle nicht zu klären. 


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

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