«Das Jesulein» (2) Aus «Tessiner Geschichten» von Aline Valangin

Als der Segretario, der das Neugeborene einzuschreiben hatte, ordnungsgemäss fragte, wer der Vater sei, liess das Mädchen antworten, der Vater sei der verstorbene Sindaco. Der Segretario war bestürzt.

Er beschloss, mit dem Einschreiben zu warten. Das Dorf war bestürzt. Niemand hatte das vorausgesehen. Da schien sich etwas Ungehöriges begeben zu wollen. Wie würde man die Wahrheit erfahren können? Den armen Sindaco konnte man nicht mehr fragen, ob das Mädchen lüge. Er schwieg. Umso lauter beschuldigte es die Familie des Verstorbenen, vor allem seine Brüder, das sei Verleumdung schlimmster Art. Niemals hätte ihr Bruder … niemals, und überhaupt, wie verworfen und zu allem fähig müsse man sein, um einem armen Toten einen solchen Tort anzutun, wo er sich doch nicht mehr verteidigen könne … doch sie, die Brüder und der Vater, sie würden die Ehre ihres lieben Verstorbenen schon zu schützen wissen, mit allen Mitteln und bis zum Schluss. Ob das Mädchen denn überhaupt irgendeinen Beweis für eine Behauptung aufbringen könne?

Das Mädchen lachte, es brauche da keinen Beweis, das Kind sei Beweis genug. Es sei vom Sindaco und sie verlange die üblichen Gelder. Sie habe den Arzt holen lassen müssen, das Kind wolle ernährt und erzogen sein, kurz, sie verlange Geld. Und dieses Geld habe der Vater und Erbe des Sindaco zu bezahlen. Es entbrannte Streit, denn durch nichts wКre der Alte zu bewegen gewesen, freiwillig etwas von dem geerbten Geld herauszugeben. Und über dem Streit teilte sich das ganze Dorf in zwei Parteien. Die einen glaubten, es sei, wie das Mädchen behaupte, der Sindaco der Vater des Knaben, und wetterten gegen den Alten, der lieber sein einziges Grosskind in Armut und Schande würde aufwachsen lassen, als mit einem Franken herauszurücken.

Die nicht gegen den Alten waren, schimpften auf das Mädchen, dass es sich schlauerweise einen Toten, und dazu einen ledigen und so reichen als Vater des kleinen Kindes ausgesucht habe. Sie schlage nicht aus der Art. Schon ihre Grossmutter, die Matratzenmacherin Julia, habe das Geschäft verstanden. Wisse man nicht etwa, wie sie zu ihrem Mann gekommen sei? So wurde der Geiz der einen Sippe gegen die Liederlichkeit der anderen Sippe abgewogen.

Misstrauen im ganzen Dorf

Dieser Zank zog sich hin bis Ostern. Das Kindchen war jetzt schon ein hübsches, pausbackiges Wickelkind, und wenn sich die Mutter mit ihm im Dorf zeigte, oder sonntags in der Messe, drängten die Frauen hin, um es anzuschauen, denn sie dachten, es müsse sich doch auf seinem Gesichtchen verraten, wer der Vater sei. Viele fanden, es sehe wirklich ganz und gar den rothaarigen Burschen aus der Familie des Sindaco ähnlich, trotzdem es noch keine Haare habe. Es wurden allerdings auch andere Männer genannt, solche, von denen es bekannt war, dass sie abends gerne mit den Frauen und Mädchen scherzen, und manche Ehefrau tat schnell einen Blick unter das weisse Häubchen in der Angst, die Züge ihrer eigenen Kinder dort wiederzufinden. So wurde durch diese Unordnung das ganze Dorf von Misstrauen erfasst.

Da brachten die Eltern der Berta, im Geheimen von irgendeinem der vielen Anwälte beraten, die ihren Verdienst aus der Händelsucht der kleinen Leute ziehen, die Sache vor Gericht. Jetzt wurde sie ernst. Jeder im Dorf begriff es: Jetzt konnte es geschehen, dass die Berta Recht – und Geld – bekäme. Und jetzt, jetzt erst fand das Mädchen gute Zeugen, die bereit waren, auszusagen, ja, der arme Sindaco sei etwa abends mit ihr zu sehen gewesen, am Waldrand, wo die Wiesen des Sindaco münden und das Gras früh schon so hoch stehe, nirgends so hoch. Und welch guter Mäher der Sindaco gewesen sei, keiner wie er. Schade, dass er sein Gras nicht mehr mähen könne. Oder am Brunnen, wo man eigentlich am Abend nichts mehr zu suchen hat, auch etwa beim verfallenen Ställchen, in welches die Berta nachts ihre Hühner einschliesst, damit der Fuchs sie nicht hole. Ja, man habe sie zusammen gesehen. Warum auch nicht? Ein flotter Mann, ein hübsches Mädchen … eben …

Nun musste der Vater des Sindaco schauen, wie er sich aus der Schlinge rette, die drohte, sich um ihn zusammenzuziehen. Er tat es auf die einfachste Art, indem er auf die Suche ging nach Männern, die um die bestimmte Zeit die Berta näher betrachtet hatten. Und er fand viele. Denn die meisten Leute werden sich gesagt
haben, bis jetzt habe noch immer derjenige recht bekommen, der das Geld hat, und darum sei es klüger, dem Alten zu helfen gegen die Berta, es schaue für sie sicherer etwas dabei heraus.

An einem regnerischen Spätsommertag sah die Sciora von ihrem Balkon aus ein Auto auf der Piazza ankommen und dort halten. Sie kannte es nicht. Ihm entstiegen Herren, darunter der Richter aus dem nahen Städtchen, ihr Sommernachbar. Die Herren begaben sich in das Gemeindehaus, ohne sich umzuschauen. Etwas später, es regnete nun stark, sah sie einen langen Zug dunkler Männer unter Regenschirmen gebückt die Strasse heraufkommen und auch im Gemeindehaus verschwinden. Bald kamen von der anderen Seite schwarz gekleidete Frauen rasch und scheu über den Platz und huschten die Kirchentreppe herunter in die Kirche.

Das alles kam der Sciora ungewöhnlich vor. Sie rief nach der Marta, ob sie wisse, was das zu bedeuten habe. Nun eben, es sei heute der Tag wegen der Berta. «Immer noch diese Berta, das Kind kann doch schon bald sprechen und selbst den Namen …» «Oh, Sciora», ruft die Marta dazwischen, «es ist nicht zum Scherzen.» Und mit tiefbekümmertem Gesicht: «Heute sind alle die Zeugen geladen, die sagen, sie hätten es auch mit der Berta gehalten. Es sind vierzehn Männer … einer ist sogar aus dem Nebental, drei Stunden weit zu Fuss, mit der Post drei Franken fünfzig … Sie können sich denken, welche Schande das ist für alle diese Ehefrauen! Sie weinen zu Hause oder sind zur Kirche gegangen, um sich im Gebet zu stärken. Das ist kein Spass!

Die Filomena sagt, sie wolle nicht mehr leben, nachdem sie dieses habe durchmachen müssen.» … Nachdenklicher fügte die Marta bei: «Wer hätte gedacht, dass diese Berta ein solches Luder ist? Und wann, Sciora, aber wann denn auch sind alle die Männer zu ihr gegangen? Man sieht doch jeden Menschen, der droben ein und aus geht. Halt wohl in der Nacht. Oh, diese Schlechtigkeit. Und so sind eben die Männer, wie die Hunde. Meilenweit kommen sie gelaufen, wenn sie von einem Mädchen wissen, es sage nicht nein. Genau wie die Hunde.»

Der Mann der Marta sass schon seit zehn Jahren im Irrenhaus. Es war ihr grosses Unglück, an dem sie immer noch würgte. Aber heute war sie fast froh, dass er im Irrenhaus sass. Man kann ja nie wissen, was so einem Mann einfallen mag. Am Ende wäre er heute der Fünfzehnte gewesen.

Spätabends war erst die Sitzung aus. Die Sciora sah die Männer aus dem Gemeindehaus treten, einzeln, und sich im nebligen Abend verlieren. Dann stand der Richter in der Türe und schaute müde um sich, bevor er seinen Schirm aufspannte und über den Platz ging. Die Sciora winkte ihm mit der Hand und rief: «Nun, wie steht es mit der Berta?» Der Richter zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf: «Nichts … nichts … es konnte ihr nichts nachgewiesen werden. Die Männer haben sich in ihre Aussagen verwickelt, einigen wurde die Sache bedenklich und sie traten zurück, andere wiederum schien die Eifersucht zu plagen, sie begannen sich zu zanken, und so bleibt nach all dem Aufwand nichts übrig als der Schwur der Berta, der Sindaco sei ihr Geliebter gewesen und das Kind sei sein Kind.»

«Aber wir sind noch nicht am Ende der Geschichte», meinte er nachdenklich, grüsste und ging zu den anderen, die am Wagen auf ihn warteten. Dann hörte die Sciora das Auto zu Tal fahren. Was kann nun kommen?, dachte sie.
Es kam lange nichts. Im Tal hat man Zeit. Jeder würde es bedauern, wenn eine so schöne Geschichte ein frühzeitiges Ende fände. Es gibt in der ganzen Gegend kein Kinotheater. Die Bewohner müssen selbst für Theater und Unterhaltung sorgen.

Der Vater des Sindaco sah, seine Sache stand schlecht. Er verlor an Anhängerschaft, denn für den Fall, dass die Berta gewinnen sollte, war es höchste Zeit, sich mit ihr gut zu stellen. Sonntags, nach der Messe, auf dem Dorfplatz, hörte man recht freundliche Reden über das Mädchen. Sie habe das Unglück nicht verdient, sie sei doch ein ordentliches Mädchen, und hübsch, keine sei so hübsch wie die Berta. Dann: sie lese Bücher. Das stimmte. Die
Sciora hatte sie einst am Waldrand getroffen. Die Berta sass auf einem Stein, das eine Bein über das andere gelegt. In der Hand, die über das Knie hing, hielt sie ein Buch. Die Sciora fragte, was sie lese. Das Mädchen sah nach dem Buchdeckel, sie vergesse immer, wie das Buch heiІe: L’amore della colomba. Ein schöner Titel, ein gutes Buch. Das Mädchen war eben etwas Besonderes.

Je freundlicher über die Berta gesprochen wurde, desto unwirscher wurden die Brüder des Verstorbenen. Sie schimpften mit ihrem Vater, Geld und Achtung der Menschen gehen in diesem Geschäft nutzlos zum Teufel. Der Vater mache seine Sache schlecht. Es war oft Lärm zu hören im Hause des Alten, Männerstimmen schrien durcheinander, schwere Schritte polterten auf der morschen Treppe, Türen schlugen. Doch es geschah nichts Neues.

Der Alte brütete. Dann aber raffte er sich auf und holte zum entscheidenden Schlag aus, der sowohl das Mädchen und seine Sippe wie seine ungeduldigen Söhne treffen sollte. Eines Morgens setzte er seine alte, zerfressene Pelzmütze auf, nahm seinen Stock und bestieg auf der Piazza die Post, die zu Tal fuhr, ohne den Neugierigen Auskunft zu geben, wohin und wozu. Er fuhr in die kleine Stadt und ging dort dem erstaunten Gericht melden, er selbst, der Vater, ja er, und warum denn nicht, so alt sei er gar nicht, er habe in jener Zeit Beziehungen zu dem Mädchen unterhalten. Das könne er beschwören.

Trotzdem sein Bericht unwahrscheinlich klang, vermochte der Alte Einzelheiten zu berichten und gute Zeugen für die Echtheit seiner Angaben zu nennen, die das Gericht annehmen liessen, er sage die Wahrheit. Wie war das nun? Es wurde angenommen, auch die Berta habe die Wahrheit gesagt, sie hatte ja geschworen. Also war sie wohl mit dem Sindaco, wie mit seinem Vater … das ist schlimm, sehr schlimm … Arme Berta!

Als man dies im Dorf erfuhr, war ein paar Tage lang die Aufregung gross. Diesen Streich hatte niemand erwartet. Doch fühlte bald jeder, dass die schöne Geschichte, die solange das ganze Dorf unterhalten hatte, nun zu Ende sei. Man spottete noch eine Zeitlang über den Alten. Der machte sich aber nichts daraus. Er hatte sein Geld gerettet. Die Schande tat ihm nicht weh. Er ging, als ob nichts geschehen wäre, seinen kleinen Geschäften nach: die Haselbüsche von falschen Zweigen reinigen, Schwämme suchen für den Winter, die er auf seinem halbzerfallenen Balkon trocknete, oder seinen verwilderten Garten jäten.

Das süsse Jesulein

Auch über die Berta wurde gelacht, und da sie zum Spott den Schaden trug, hätte man denken können, sie gräme sich. Die Marta, von der Sciora danach gefragt, sagte verwundert: «Die Berta? Oh, die lacht. Sie freut sich über ihr hübsches, kluges Kind. Alle Frauen beneiden sie ja um das süsse Jesulein.»

Als der Gerichtsspruch bekannt gegeben wurde, interessierte man sich im Dorf schon für eine neue Geschichte. Kaum, dass man ihn sich anhörte. Da das Mädchen es mit zwei Männern gleichzeitig getrieben habe, lautete der Spruch, sei es kein anständiges Mädchen und seine Klage sei abzuweisen. So behielt der Vater des Sindaco recht und Geld. Die Leute aber, die gehofft hatten, von ihm etwas für treue Dienste zu erhalten, haben sich geirrt. Niemand sah einen Rappen, nicht einmal ein Schöpplein Wein. Dadurch verlor der Alte seine letzten Freunde.

Obschon er recht behielt, ist es doch eher die Berta, die gewonnen hat. Denn heute ist jeder im Dorf davon überzeugt, dass der Sindaco der Vater des Kindes ist. Schon um den Alten zu ärgern, diesen Geizhals. Das Kind ist jetzt vier Jahre alt. Die Sciora traf kürzlich mit der Berta und dem kleinen Jungen zusammen. Sie sprach ein paar Worte mit dem Mädchen, das stolz ist auf seinen Sohn. Und während sie sprach, forschte sie in dem runden Kindergesicht. Es kam ihr sehr bekannt vor. Dieses braune, krause Haar, der Blick unter dem Hütchen hervor? Wem sah das Kind denn ähnlich, wem?

Von ihrem Spaziergang zurückgekehrt, trat sie in den Garten, wo Herr Martino, auf den Knien liegend, sich eben bemühte, mit einem langen Draht, sorgfältig und eifrig grübelnd, eine Ablaufrinne zu putzen. Die Sciora blieb vor ihm stehen. Er schaute auf, unter seinem Hut hervor … Da kam der Sciora das Lachen an. Also darum hatte Herr Martino damals vor fünf Jahren die Reise unternommen … und war solange bei seinem Vetter in Paris geblieben, ohne je zu schreiben, so dass man zweifelte, ob er noch am Leben sei! … Darum! …

Man musste oft lange warten, aber einmal würde man verstehen! Sie verbiss das Lachen, doch gelang es ihr nicht ganz. Herr Martino hatte es bemerkt. Er wunderte sich sehr: Was gibt es da zu lachen? Er wandte sich, immer noch kniend und den Draht in der erhobenen Hand, ein wenig geärgert nach der Marta um, die am Waschtrog stand und der Sciora nachschaute, wie sie ins Haus ging. Beide sahen sich an und schüttelten den Kopf. Sie hatten sich verstanden. Stadtleute sind alle ein wenig verdreht, auch ihre Sciora.

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (18891986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.

Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte sie auch interessieren

Fortsetzungsroman

«Stella»(2)

Aline Valangin hat viele ihrer Tessiner Erzählungen in Comologno im Onsernonetal geschrieben, um sie ihren Gästen vorzulesen. Als Ganzes bilden sie ein packendes Sittenbild des Tessins der Dreissiger- und Vierzigerjahre. Heute: «Stella», Teil 2.

Fortsetzungsroman

«Stella» (1)

Viele ihrer Tessiner Erzählungen hat Aline Valangin im Onsernonetal geschrieben. Sie bilden ein packendes Sittenbild des Tessins der 30er- und 40er-Jahre. «Stella», Teil 1.

Fortsetzungsroman

«Teresa» (2)

Aline Valangins «Tessiner Geschichten» bilden ein packendes Sittenbild der 1930er- und 1940er-Jahre. Heute: «Teresa», Teil 2.

Fortsetzungsroman

«Teresa» (1)

Viele ihrer Tessiner Erzählungen hat Aline Valangin im Onsernonetal geschrieben. Als Ganzes bilden sie ein packendes Sittenbild des Tessins der 30er- und 40er-Jahre. Heute: «Teresa», Teil 1.