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Ist der Zivildienst zu attraktiv geworden?

Für den Bundesrat ist klar: Zu viele junge Armeeangehörige wandern zum Zivildienst ab. Dieser soll deshalb unattraktiver werden. Auch Alterszentren, die auf «Zivis» zählen, wären davon betroffen.

DAFÜR

Portrait von Werner Salzmann

Werner Salzmann
Dipl. Ing. Agr. FH, SVP-Nationalrat Kanton Bern, Präsident der Sicherheitspolitischen Kommissionen SiK

Wenn Leute erst nach der Rekrutenschule auf die Idee kommen, dass sie lieber Zivildienst leisten wollen, dann stimmt einfach etwas nicht. Mit der Abschaffung der Gewissensprüfung 2009 explodierte die Zahl der «Zivis» geradezu. Das zeigt eindeutig, dass der Zivildienst heute nicht mehr eine Einrichtung ist, welche es jungen Männern erlaubt, aus Gewissensgründen auf eine militärische Dienstzeit zu verzichten und stattdessen einen anderen Dienst zu leisten. Der Zivildienst wird missbraucht als bequeme Alternative zum Militärdienst.

Natürlich ist es nachvollziehbar, dass Alterszentren diese günstigen Arbeitskräfte gerne in Anspruch nehmen und junge Leute den einfachsten Weg gehen möchten. Es ist hingegen nicht nachvollziehbar, wenn jemand erst nach der Rekrutenschule plötzlich Gewissensgründe geltend macht. Da ist die Politik gefordert. Zum einen muss das Militär die Wichtigkeit der Verteidigungsbereitschaft der Schweiz aufzeigen. Die Sicherheit, in der wir leben, ist keine Selbstverständlichkeit, wie die Konfliktherde in unmittelbarer Nähe zeigen. Zum andern darf der Zivildienst nicht einfach ein bequemer Weg sein, seine Dienstpflicht zu absolvieren.

Deshalb braucht es entweder wieder eine Gewissensprüfung, oder wir heben den Zivildienst auf, und wer nicht ins Militär will, leistet künftig Zivilschutz. Anstatt in Alterszentren immer stärker auf Zivildienstleistende zurückzugreifen, sollten zudem die Personal-und Ausbildungskonzepte überprüft und neue Stellen im Arbeitsmarkt geschaffen werden. Wir müssen das langfristig Richtige tun, nicht das kurzfristig Bequemste. ❋


DAGEGEN

Portrait von Rosmarie Quadranti mit Kurzhaarfrisur und Brille.

Rosmarie Quadranti
Selbstständige Beraterin, BDP-Nationalrätin Kanton Zürich, Vorstandsmitglied des Zivildienstverbandes CIVIVA

Der Zivildienst ist in der Verfassung verankert. Ein «Zivi» leistet wertvolle Arbeit, wie auch jene im Militär oder im Zivilschutz. Es darf nicht sein, dass eine Organisation ihre Probleme auf Kosten einer anderen Organisation zu lösen versucht. Das Problem der Armee ist hauptsächlich, dass junge Menschen nach der Rekrutenschule oder gar nach einer Offiziersschule die Armee verlassen. Menschen, die die Organisation Armee kennen und nicht mehr bleiben wollen.

Zum Glück leben wir alle in einer Zeit, in der Menschen den Sinn einer Arbeit verstehen müssen. Wenn sie das nachvollziehen können, bleiben sie. Wenn nicht, gehen sie. Die Zeiten des Kadavergehorsams sind vorbei. Die Armee tut also gut daran, an und in der eigenen Organisation zu arbeiten. Das versucht sie auch. Deshalb sind auch die Ergebnisse dieser Bemühungen abzuwarten. Doch nun will man voreilig als Lösung für die Armee den effizient organisierten Zivildienst abstrafen.

Aber Zivildienstleistende erbringen eine wichtige Arbeit für unser Land, für unsere Gesellschaft. Oder was meinen Sie, was in den Alters-und Pflegeheimen passiert, wenn die «Zivis» ausgehen? Wir alle kennen den Fachkräftemangel in den Alters-und Pflegeheimen – und die Gesellschaft wird älter und älter. Oder was meinen Sie, wie es um die Pflege unserer Naturschutzgebiete steht, wenn die «Zivis» ausgehen? Dies nur zwei von vielen möglichen Fragen. Es kann und darf nicht sein, dass die eine Organisation eine andere schwächen will, um sich vermeintlich selber zu stärken. Vielmehr ist es wohl an der Zeit, über ein zukunftsträchtiges Dienstpflichtmodell nachzudenken. ❋

Beitrag vom 10.09.2019