© Frenetic Films

Ein Wochenende fällt ins Wasser

Woody Allen hat eine romantische Komödie gedreht – eine Hommage an New York und den Zauber von Regentagen. Sie ist turbulent und gleichermassen witzig wie irritierend.

Text: Fabian Rottmeier

Filme von Woody Allen beginnen immer mit Jazzmusik – und derselben Schriftwahl im Vorspann. Ebenso zuverlässig spielen darin Charaktere mit, die an sich und der Welt zweifeln, mit ihrem Schicksal hadern, aber auch romantisch veranlagt sind und oft auch einen Hang zum quasselnden Philosophieren haben. Der nervöseste Protagonist im Film wurde lange und oft von Woody Allen selbst dargestellt – und immer hatte man als Zuschauende den Eindruck, dass da jemand sich selbst spielt. Mittlerweile überlässt er diese Rolle anderen. Sieben Jahre ist es her, seit Woody Allen letztmals in einem seiner Filme mitwirkte.

Und so amüsiert man sich auch in seinem neuen Film «A Rainy Day in New York» darüber, dass man Woody Allens Charakterzüge in beiden Hauptfiguren, dem College-Studentenpaar Gatsby und Ashleigh, erkennen kann. Gatsby ist ein Romantiker, aus seiner Zeit gefallen, Ashleigh das pure Gegenteil; eine etwas naive Strahlefrau, die gleichwohl rasch an sich zweifelt.

Als Ashleigh für die College-Zeitung die Gelegenheit erhält, ihren Lieblingsregisseur in New York zu interviewen, sieht Gatsby dies als perfekte Gelegenheit, seiner Freundin seine geliebte Stadt näherzubringen. Doch im Gegensatz zu ihm findet Ashleigh die Vorstellung einer Kutschenfahrt durch den Big Apple nur dann romantisch, wenn es nicht regnet. Doch zweitens kommt ohnehin alles anders, als man denkt.

Ein folgenschwerer Tag

Ashleighs Interview mit dem bekannten Regisseur zieht nämlich immer weitere Kreise, weil dieser gleich zu Beginn des Gesprächs verrät, dass er in einer Sinnkrise steckt und seinen neuen Film am liebsten vernichten würde. Ashleigh spricht ihm gut zu und wird gebeten, sich die Rohfassung anzuschauen – wodurch das Mittagessen mit Gatsby ins Wasser fällt.

Von da an wird es immer turbulenter. Ashleigh lernt den Drehbuchautor des Films kennen, und später auch noch den Star-Schauspieler und Frauenheld Francisco Vega, den eine Freundin Ashleighs für «das Beste seit der Einführung der Pille danach» hält. Vegas Avancen machen die naiv-liebenswürdige Studentin so verlegen, dass sie (wie immer in solchen Situationen) einen Schluckauf bekommt. Das ist zwar alles durchaus witzig, gleichzeitig ist die Figurenzeichnung von Ashleigh und den Männern im Filmbusiness – in Zeiten der MeToo-Debatte – so deplatziert, dass man sich fragt, ob Woody Allen dies nun als Provokation oder Satire verstanden haben will. In einer (zugegeben lustigen) Szene zieht Ashleigh ihren Ausweis aus der Tasche, als jemand dem Schönling Vega vorwirft, seine Begleitung sei bestimmt mal wieder noch keine 18 Jahre alt.

Die Schwester seiner Ex-Freundin verdreht Gatsby den Kopf, ohne dass er es zunächst realisiert.
Die Schwester seiner Ex-Freundin (Selena Gomez) verdreht Gatsby (Timothée Chalamet) den Kopf, ohne dass er es zunächst realisiert. | © Frenetic Films

Derweil entdeckt Gatsby plötzlich am Fernsehen, wie seine Freundin an der Seite von Vega gefilmt wird. Durch einen Zufall hat er inzwischen die Schwester seiner Ex getroffen – und festgestellt, dass sich hinter Chans schroffen Sprüchen eine Romantikerin versteckt. Sie steht ebenfalls auf alte Hollywoodfilme und teilt seine Meinung, dass Vega «ein James Dean ohne Talent» sei. Sie schlendern im Regen durch New York – und kommen sich näher.

Woody Allens Frauenbild bleibt rückständig

«A Rainy Day in New York» ist unterhaltsam und kurzweilig, ohne dass der Film ein grosser Wurf wäre. Timothée Chalamet als Gatsby und Elle Fanning schaut man gerne zu und Jude Law passt bestens in seine Nebenrolle als Drehbuchautor. Einzig Selena Gomez kommt als Chan etwas farblos daher. Pointierte Dialoge zu schreiben, fällt dem 84-jährigen Woody Allen offenbar noch immer leicht. Das Rollenbild seiner Protagonistinnen der Gegenwart anzupassen eher nicht. Junge Frauen himmeln Männer in der Filmindustrie an, so sein Credo. 

Kameramann Vittorio Storaro bespricht sich am Filmset mit Regisseur Woody Allen.
Kameramann Vittorio Storaro bespricht sich am Filmset mit Regisseur Woody Allen. | © Frenetic Films

Dass er dabei bereits im Vorfeld des Films von der Realität eingeholt wurde, passt dazu. Weil alte Missbrauchsvorwürfe, für die Woody Allen vor Gericht freigesprochen worden ist, wieder thematisiert wurden, hat er für den Film in den USA keinen Kinoverleiher gefunden. Und die Amazon Studios wollten als Folge der Medienberichte nicht nur mit «A Rainy Day in New York» nichts mehr zu tun haben, sondern auch mit den weiteren vertraglich vereinbarten drei Filmen von Allen. Sie kündigten den Vertrag, worauf Woody Allen klagte. Mittlerweile hat man sich aussergerichtlich geeinigt. Nicht nur im Leben von Studenten gehen Partnerschaften manchmal unverhofft zu Ende.

«A Rainy Day in New York», 92 Minuten, jetzt im Kino. Mit Timothée Chalamet, Elle Fanning, Selena Gomez, Jude Law, Diego Luna, Liev Schreiber, Rebecca Hall, Kelly Rohrbach, Suki Waterhouse.

Die Filmvorschau:

Sie besitzen noch kein Abonnement der Zeitlupe?

Abonnieren Sie die Zeitlupe und lesen Sie alle unsere Artikel auch online.

Ich möchte die Zeitlupe abonnieren