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Wächter der Alpweiden

Die flinken und stets wachsamen Murmeli sind allen Bergwanderern wohlvertraut. Nach ihrem Winterschlaf, den sie im «Kreis der Familie» in ihren Erdbauten verbringen, müssen die grossen Nager während des Bergsommers jeweils rasch wieder an Gewicht zulegen.

Seit die Alpweiden im späteren Frühling schneefrei geworden sind, sind auch die Murmeli wieder aktiv. Sie müssen sich beeilen, um nach ihrem monatelangen Winterschlaf zu Kräften zu kommen und ihre Jungen vor dem Einbruch des nächsten Winters heranzuziehen. Wie kaum ein anderes Tier sind sie der Herausforderung ausgesetzt, sich im kurzen Bergsommer genügend Fettreserven anzufuttern, um den nächsten Winter gänzlich ohne Nahrung in ihrem unterirdischen Bau schlafend zu überstehen. 

Gezielte Nahrungssuche

Mancherorts sind Murmeltiere gegenüber menschlichen Passantinnen und Passanten recht zutraulich geworden. So lassen sich junge Murmeli mancherorts nur wenige Meter neben dem Wanderweg beobachten, wo es sich in aller Ruhe putzt, um dann mit seinen kräftigen Vorderpfoten nach einem Kraut zu greifen. Es ist Sommer, und da die Vegetation reichlich gewachsen ist, werden die Murmeltiere wählerisch mit ihrer Nahrung. Wo es geht, bevorzugen sie frische Triebe und saftige Kräuter sowie Blüten oder Knospen.

Dabei suchen sie offenbar gezielt nach Pflanzen mit hohem Gehalt an ungesättigten Fettsäuren, die ihr Stoffwechsel besonders gut als Treibstoff für den Winterschlaf nutzen kann. Auf den Herbst hin nehmen die «Munggen» besonders viel Nahrung auf und erscheinen immer dicker. Sie bleiben aber ausgesprochen flink, wenn Gefahr aufzieht und es darauf ankommt, rasch in ihren Bau zu verschwinden. 

Schriller Pfiff als Warnung

In ihrem offenen Lebensraum müssen Murmeltiere ständig auf der Hut sein vor Beutegreifern wie dem Adler und dem Fuchs. Sie sind deshalb äusserst aufmerksam. Meist hält das eine oder andere Tier besonders intensiv Ausschau und prüft die Umgebung in aufrecht erhobener Pose. Wenn eines eine akute Gefahr bemerkt, warnt es mit einem lang gezogenen schrillen Ruf, worauf alle Artgenossen der Umgebung in den nächstliegenden Erdlöchern verschwinden. Bei weniger dringlicher Gefahr wird mit einer Serie von kurzen Rufen gewarnt. 

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In der Regel sind es «Bodenfeinde» wie Hunde, Menschen oder Füchse, die sich relativ langsam annähern und dann auf diese Weise angekündigt werden. Die schrillen Rufe der Murmeli klingen wie Pfiffe, doch die Tiere formen diese Laute nicht mit ihren Lippen wie einen Pfiff, sondern im Kehlkopf, wobei ihr Mund weit offen ist. 

Murmeltiere pflegen ein inniges Sozialleben in der Grossfamilie. Nasenstüber dienen zur gegenseitigen Begrüssung, wobei sich die Murmeli wahrscheinlich am Duft ihrer Wangendrüsen erkennen. Die Familie besteht aus einem Elternpaar und den Nachkommen aus einem oder mehreren vergangenen Jahren. Sie ver­teidigt ihr Territorium, in dem ihr Bau liegt, energisch gegenüber fremden Art­genossen. Wenn die jungen Tiere mit etwa drei Jahren ausgewachsen sind, müssen sie früher oder später abwandern, um sich ein eigenes Territorium zu suchen – eine für sie sehr gefährliche Zeit. 

Wintertauglicher Erdbau

Ein ausgedehnter Erdbau ist für die Murmeltiere im rauen Bergklima überlebenswichtig. Entsprechend werkeln sie im Sommerhalbjahr immer wieder an ihrem Bau herum und tragen im Herbst Gras ein, um ein warmes Winternest anzu­legen. Sie können kraftvoll graben, wobei ihnen die kurzen, aber muskulösen Arme und Beine und die langen Krallen zugute kommen. Auch kurze Fluchtlöcher werden angelegt, die zusätzliche Unterschlupfe bei Gefahr bieten und nicht zum eigentlichen Bau führen. 

Der wintertaugliche Hauptbau einer Murmeltierfamilie ist meist das Werk mehrerer Generationen und kann erstaunliche Ausmasse annehmen. Es wurde schon von einem Bau berichtet, der einen Tunnel von 113 Metern Länge aufgewiesen habe. Auf jeden Fall führt er mehr als zwei Meter weit in die Tiefe, wobei lange Röhren verschiedene Kammern und Latrinen miteinander verbinden. Die grosse Schlafkammer, in der die Familiengruppe den Winterschlaf verbringt, befindet sich bis zu sieben Meter unter dem Erdboden. So tief unter der Erde bleiben die Temperaturen auch im Winter einige Grad über dem Gefrierpunkt. 

Schlaf alle 12 Tage unterbrochen

Besonders für die jüngsten Murmel­tiere, die im letzten Frühjahr geboren wurden, ist es wichtig, dass sie während des Winterschlafes von ihren älteren Familien­mitgliedern gewärmt werden. Sie liegen deshalb in der Mitte des Knäuels, wenn die Familie eng aneinandergekuschelt im tiefen Schlaf verharrt. Die Körpertemperatur der schlafenden Tiere sinkt auf zwei bis fünf Grad, während ihr Herz nur noch drei bis vier Mal pro Minute schlägt. 

Diesen kältestarren Schlaf müssen die Murmeltiere aus physiologischen Gründen etwa alle zwölf Tage unterbrechen, um sich kurzzeitig aufzuwärmen. Ihr Winterschlaf ist für sie im Ganzen sehr energieraubend, zumal sie keine Nahrung aufnehmen können. Manch geschwächtes Tier erwacht nicht mehr aus seinem tiefen Schlaf, wenn es sich im Sommer nicht ausreichend Fettreserven anlegen konnte. Bis zum nächsten Frühling verlieren auch die gesunden Murmeli mehr als ein Drittel bis manchmal fast die Hälfte ihres Körpergewichts. 

Bewohner von Kältesteppen

Die Murmeltiere sind ursprüngliche Bewohner kalter Steppenlandschaften und vermögen Hitze nicht gut zu ertragen. Durch ihren dicken Pelz können sie überschüssige Körperwärme kaum abführen, zumal sie keine Schweissdrüsen haben und nicht wie Hunde hecheln. Heisse Mittagsstunden verbringen die Murmeli deshalb ruhend unter der Erde in ihrem wohltemperierten Bau. In warmen Gegenden kann eine allzu lange «Hitzeruhe» auf Kosten ihrer Nahrungsaufnahme gehen, gerade dann, wenn sie ihre Fettpolster für den Winter anlegen sollten. Dies ist sicher ein Grund, weshalb sich ausgesetzte Murmeltierpopulationen in tiefer gelegenen Gebieten Europas nicht halten konnten. 

Während der Eiszeit besiedelten Murmeltiere grosse Teile Mitteleuropas. Als das Klima milder wurde und Wälder die Kältesteppen überwuchsen, zog sich das Alpenmurmeltier in höhere und kühlere Gebirgslagen zurück. Heute kommt es im ganzen Alpenbogen vor, wobei es Alpweiden oberhalb der Waldgrenze zwischen etwa 900 und 3000  Metern über Meer besiedelt. Es schätzt vor allem Südhänge, da auf diesen der Schnee schneller schmilzt und die Pflanzen früher zu wachsen beginnen. Eine weitere Unterart, die sich leicht vom Alpenmurmeltier unterscheidet, lebt in der Hohen Tatra. 

Vierzehn Arten von Murmeltieren

Murmeltiere gehören verwandtschaftlich zu den Hörnchen und haben ihren Ursprung auf dem nordamerikanischen Kontinent, wo heute noch verschiedene Arten leben. Im Lauf der Erdgeschichte waren einige Murmeltiere über die zeitweise zwischen den Kontinenten be­stehende Landbrücke über die Beringsee von Nordamerika nach Asien eingewandert. Von dort breiteten sie sich weiter westlich bis nach Europa und südlich bis in den Himalaja aus und spalteten sich in verschiedene Arten auf.

Eines der grössten ist das Himalaja-Murmeltier, das 67 Zentimeter Körperlänge erreichen kann und Bauten bis in zehn Meter Tiefe errichtet. Vierzehn Arten von Murmeltieren sind heute bekannt, die alle in kühlen Lebensräumen wie nordischen Steppen oder höheren Gebirgslagen leben. Was wohl die Klimaerwärmung für diese aussergewöhnlichen Nager mit sich bringt?            

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