© Claudia Herzog

«Verblühte Tulpen strahlen Kraft aus»

Von taufrisch bis vertrocknet: Anna Halm Schudels Blumenfotografie zeigt die Schönheit der Vergänglichkeit. «Meine Bilder sollen Trost spenden», sagt die Zürcher Fotografin.

Von Claudia Herzog

«Fast jeder Mensch, der eine Fotokamera besitzt, fotografiert Blumen», sagt Anna Halm Schudel. «Es ist eine Herausforderung und mein persönlicher Anreiz, Blumen anders zu zeigen, als es alle anderen tun. Ich mag es, wenn mein Hirn arbeiten muss und ich hin und her überlege, wie ich es anders machen könnte.»

Für alle Eindrücke offen sein

Die Inspiration zu ihren Bildern findet die 75-jährige Zürcher Fotografin manchmal sogar in der Abfalltonne. «Als ich eines Tages einen verwelkten Strauss entsorgen wollte, landete der so bildschön in meinem Abfall; ich musste ihn sofort fotografieren.» Aus diesem Schnappschuss entstand später Anna Halm Schudels Serie «Trash Flowers» mit entsorgten Blumensträussen. «Inspiration entsteht durch einen offenen Blick, durch genaues Hinschauen», sagt sie. «Ich kämpfe gegen die Vergänglichkeit, weil ich ihre Schönheit in einem Foto fixiere.» Anna Halm Schudel verweist auf Van Goghs berühmte Sonnenblumen. «Auch Van Gogh hat keine ganz frische, sondern bereits leicht verwelkte Blumen gemalt. Er tat dies sicher sehr bewusst.»

Nicht Sonnenblumen, sondern Tulpen sind Anna Halm Schudels Lieblingsblumen. «Ich finde es schön, wie sie sich bewegen. Tulpen sind wie Tänzerinnen. Sie verwelken auch sehr attraktiv. Alte Tulpen strahlen eine grosse Kraft aus. Sie haben einen Willen, grossartig auszusehen.»

Die Schönheit steckt im Detail

Seit fast 30 Jahren beschäftigt sich Anna Halm Schudel mit Blumen. Sie zelebriert ihre Farbenpracht und Formenvielfalt ebenso leidenschaftlich wie den Prozess des Verdorrens und Welkens – immer auf der Suche nach der Schönheit, die in jedem Lebensabschnitt der Pflanze liegt. «Ich finde, Schönheit hat einen grossen Wert. Beispielsweise ein schöner Sonnenuntergang – egal wie kitschig – tut doch der Seele gut und kann Trost spenden», betont Anna Halm Schudel.

Stundenlang kann sie in ihrem Atelier im Zürcher Seefeld mit der Kamera Blumen umkreisen, sie immer wieder aus einem anderen Blickwinkel betrachten. «Nein», sagt Anna Halm Schudel, «es gibt im Prinzip keine unfotogenen Blumen und Pflanzen. Aber schnurgerade Stelzenblumen mag ich persönlich überhaupt nicht.»

Manchmal gehe sie mit zwei Brillen auf der Nase in den Blumenladen. «Damit ich beispielsweise das Stiefmütterchen ganz aus der Nähe anschauen kann. Blumen sind teuer. Ich will immer sicher sein, dass ich etwas ganz Besonderes kaufe.»

Liebe auf den zweiten Blick

Fotografin zu werden, war für Anna Halm Schudel keine Berufung. Eigentlich wollte sie als junge Frau Sozialarbeiterin werden. Denn: «Ich wollte etwas Nützliches machen.» Während eines Praktikums, als sie mit Sucht, Gewalt und Armut konfrontiert war, merkte sie, dass sie das Leid nicht aushielt. Ihr Vater brachte sie schliesslich auf die Idee, Fotografin zu werden. Wegen seines eigenen schlechten Gewissens: Er hatte sich eine sündhaft teure Fachkamera gekauft. 

Die Berufswahl war damals mehr Vernunft als Leidenschaft. «Im Nachhinein wäre ich lieber Mode-Designerin geworden», sagt Anna Halm Schudel, «ich nähte mir bereits als Schülerin selbst Kleider. Doch in unserer Familie galt dies als oberflächlich und wurde weder goutiert noch gefördert.» 

Die Vernunftsentscheidung entwickelte sich über die Jahre immer mehr zur Liebe. «Heute ist das Fotografieren mein Hobby», sagt Anna Halm Schudel. «Wenn ich heute fotografiere, vergesse ich Zeit und Raum. Ich habe Ferien von allen Belastungen des Alltags.»

© Claudia Herzog

«Blossom» von Anna Schudel Halm

Cover: Blossom von Anna Halm SchudelVom antiken Wandbild über das barocke Stillleben bis zur Fotografie der Gegenwart: Blumen gehören zu den beliebtesten Motiven der Kunstgeschichte. Seit 30 Jahren beschäftigt sich die Zürcher Fotografin Anna Halm Schudel mit dem traditionsreichen Sujet.

132 Seiten, 93 farbige Abbildungen, 1. Auflage, 2019. Texte Deutsch und Englisch von Nadine Olonetzky und Franziska Kunze, Verlag: Scheidegger & Spiess

Sie besitzen noch kein Abonnement der Zeitlupe?

Abonnieren Sie die Zeitlupe und lesen Sie alle unsere Artikel auch online.

Ich möchte die Zeitlupe abonnieren