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Ungereimtheiten 23. April 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von verfilztem Zottelhund und bundesrätlichen Widersprüchen. 

Der Hund muss zum Coiffeur. Sein Bergamaskermischlingsfell ist verfilzt und zottelig. Einen Termin hätte er schon vor einem Monat gehabt. Aber da stand das Leben still. Jetzt hebt der Bundesrat erste Einschränkungen auf, Coiffeursalons dürfen öffnen. Also kann auch das Kleintierpflege-Team im Nachbardorf wieder arbeiten. Ich telefoniere und frage nach dem erstmöglichen Termin. Doch mein gesunder Menschenverstand hat mich getäuscht: Im Gegensatz zu Kosmetiksalons, Massagepraxen, Nagel- oder Tattoo-Studios gibt es vorläufig kein Waschen, Trimmen, Schneiden, Scheren oder Föhnen für den Vierbeiner.

Warum die Coiffeur- und nicht auch gleich die Hundesalons? Und warum um Himmels Willen so etwas ganz und gar Unnötiges wie ein Tattoo-Studio? Falls es um Arbeitsbeschaffung geht: Die Hundecoiffeuse möchte genauso dringend wieder arbeiten können wie der Tätowierer; mit jedem Tag des Lockdowns sinken die Überlebenschancen ihres Zweifrauenbetriebs. Andere Ungereimtheiten hat der Bundesrat inzwischen korrigiert: Das Sortiment von grossen Detailhändlern bleibt eingeschränkt, bis auch die Fachgeschäfte ihre Türen wieder öffnen können. 

Offen bleibt auch die Frage vieler Grosseltern, wann sie ihre Enkelkinder wiedersehen können – vierzig Prozent von ihnen sind zumindest einmal wöchentlich in der Enkelbetreuung engagiert. Kinder seien weder Überträger noch Treiber der Epidemie, sagt der oberste Schweizer Gesundheitshüter dem Publikum, das am Fernsehen seinen unaufgeregten Ausführungen folgt. Kinder würden sich selten infizieren und das Virus selten übertragen: «Die Kinder können zur Schule, ohne dass man Risiken eingeht.» Gleichzeitig mahnt sein imaginärer Zeigefinger: Das sei kein Freipass, dass die Grosseltern ihre Enkelkinder wieder hüten dürfen. Ja, was jetzt? Sind Kinder ein Risiko oder sind sie keines? 

Meine Grosi-Gute-Nacht-Drachengeschichte erzähle ich jedenfalls immer noch auf der oberen Terrasse und die Kleine hört ihr – mit gebührendem Abstand – auf der unteren zu. Der gesunde Menschenverstand sucht nach anderen Möglichkeiten … Immerhin ist die Lösung für den Zottelhund gefunden. Er bekommt ein tierärztliches Zeugnis, dass die Fellpflege «aufgrund grosser Hitze dringend indiziert» sei. Im Moment jedenfalls ist er der Schönste in der Familie. 

Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin