Techno-Ruedi © zVg

«Ich tanze fünf Stunden voll Power durch!»

Ruedi Seehofer hat mit 65 Jahren die Street Parade in Zürich für sich entdeckt. Er fühle sich dort wie ein 20-Jähriger, sagt der heute (fast) 81-Jährige im Interview. Am 10. August tanzt er wieder.

Wie kam es dazu, dass Sie 2003 mit 65 Jahren zum ersten Mal an der Street Parade mitgefeiert haben?

Ich wohnte damals in Luzern – mit herrlicher Seesicht. Das Seenachtsfest fand immer gleichzeitig mit der Street Parade statt. Ich hatte stets viel Besuch in meiner Wohnung, weil man von da aus das Feuerwerk bestens bestaunen konnte. 2003 gab ich allen Bescheid, dass ich nicht zu Hause sein würde und fuhr alleine und verkleidet mit dem Zug nach Zürich. In Zug stieg eine Frau zu, der man sofort ansah, dass sie auch zur Parade unterwegs war. Sie erzählte mir, dass sie auf der Bühne eines Love-Mobiles durch die Stadt fahren dürfe. Ich war begeistert von dieser Idee. Sie fragte mich, ob ich denn mit 65 Jahren nicht zu alt wäre für diese Riesenparty. Ich verneinte, tanzte ihr im Zugabteil etwas vor, und einen Telefonanruf später durfte ich mit ihr zusammen auf dem Love-Mobile «Vivai» mitfahren.

Und, wie war diese Premiere?

Alle freuten sich, als ich auf dem Wagen nicht mehr aufhören wollte zu tanzen. Der Freund der Frau – er war der Verantwortliche des Love-Mobiles aus St. Moritz – hatte mich willkommen geheissen. Die 120 Franken fürs Mitfahren habe ich gerne bezahlt. Mittlerweile werde ich immer eingeladen. Drei Jahre fuhr ich mit den St. Moritzern mit, später auf einem Wagen aus Altdorf.

Ruedi Seehofer wird nie müde, wenn an der Street Parade die Techno-Musik durch Zürich schmettert.
Techno-Ruedi (links) auf einem Love Mobile. © zVg

Heuer sind Sie mit einem Love-Mobile aus Ihrem Wohnkanton Aargau unterwegs, wie man im vergangenen Jahr im «Blick» lesen konnte.

Genau, mit dem Daytona-Love-Mobile. Ich habe immer einen reservierten Platz – Seeseite, VIP. Auch vom OK der Street Parade habe ich bereits einen Anruf erhalten, in dem man mir beschied, dass ich zum «Klassiker» der Street Parade geworden sei. Ich tanze stets voll Power durch, fünf Stunden lang, und bleibe – ausser bei einzelnen Stopps – die ganze Zeit über auf dem Wagen. Um halb zwölf fahre ich in Benzenschwil los und um halb sieben abends bin ich wieder zu Hause.

«Die meisten tanzen ganz falsch heute. Man tanzt doch mit der Hüfte!»

Mögen Sie Techno-Musik schon lange?

Ich höre Verschiedenes. Mich faszinierte jedoch schon immer Musik der eher härteren Sorte, schon als kleiner Bub. Rock’n’-Roll-Grössen wie Bill Haley und Jerry Lee Lewis waren meine ersten Lieblinge – und sind es bis heute geblieben. Ich schaue mir aber auch die Schlagerparty an.

Jodlermusik mag der «Techno-Ruedi» aber weniger, wie man lesen konnte.

Genau. Immer, wenn eine ältere Person einwendet, Techno sei doch keine Musik, antworte ich, dass für mich Jodeln keine Musik sei.

Was steht heuer auf Ihrem T-Shirt, das Sie jedes Jahr neu gestalten und drucken lassen?

Man muss dazu wissen, dass ich mich im vergangenen Jahr informell verabschiedet habe. Ich sagte, ich käme gerne wieder, wenn ich gesund bleiben würde. Man weiss in meinem Alter ja nie, ob es die nächsten 20 Jahre auch noch klappt (lacht). Deshalb steht 2019 auf meinem Shirt «Hurra, mit 81 bin ich nochmals als Tänzer da!» Dazu ein Foto von mir an der Street Parade. Sieht gut aus. 

«Alle lieben mich an der Street Parade! Ich fühle mich wie ein 20-Jähriger»

Wie gut tut die Aufmerksamkeit, die Sie an der Street Parade erhalten?

Sehr gut. Alle lieben mich! Ich fühle mich wie ein 20-Jähriger. Viele wollen ein Foto mit mir machen. Manchmal habe ich 10, 20 Frauen um mich herum, die mit mir posieren möchten. Das ist schön. Obwohl, die Meisten tanzen ganz falsch heute. Sie meinen,  es reiche, die Beine ein wenig auszuschütteln. Dabei tanzt man doch mit der Hüfte!

Hätten Sie vor Ihrer ersten Teilnahme gedacht, dass Sie derart auffallen als Rentner?

Nein, nicht in diesem Ausmass.

Wollen Sie mit Ihrer Teilnahme ein Zeichen setzen?

Nicht unbedingt, ich mache einfach gerne überall mit, sei es an 18 Fasnachtsbällen wie in diesem Jahr, an verschiedenen Stadtfesten oder wie 1967 in der Quiz-Sendung «Dopplet oder nüt», als ich zur Geschichte des Box-Sports befragt wurde.

Haben Sie sich vor lauter Freude und Aufregung auch schon übernommen?

Nein. Daran habe ich ehrlich gesagt auch noch nie einen Gedanken verschwendet.

Interview: Fabian Rottmeier

Ruedi Seehofer, der «Techno-Ruedi»

Techno-Ruedi in seinem Element. © zVg

Er habe bereits als junger Mann den Entschluss gefasst, erfolgreich zu sein und ganz nach oben zu kommen, schrieb Ruedi Seehofer 2004, als er seine «aussergewöhnliche Lebensgeschichte» in Eigenregie in Buchform herausgab. «Doch weil es mir bis jetzt noch nicht gelungen ist, werde ich weiterhin meine ganze Persönlichkeit dafür einsetzen», so sein damaliges Fazit. Das Buch trägt passenderweise den Titel «Stägeli uf, Stägeli ab».

1938 in Zollikon als Sohn eines Österreichers zur Welt gekommen, verbrachte er den grössten Teil seiner Kindheit in Österreich, bevor er als junger Mann wieder in die Schweiz zurückkehrte. Der leidenschaftliche Tänzer und frühere Ringer hat ein wildes Berufsleben mit vielen Abenteuern und Misserfolgen hinter sich: Er arbeitete sich vom Anfangskellner bis zum Chef de Service im Schwanen Luzern hoch, war Schmied, Hotelfachmann, Küchenhilfe, Sportjournalist im Nebenjob, Reisebürochef, Leiter einer Skischule, Boxkampfveranstalter, Hilfs-Heizungsmonteur, selbstständiger Verkäufer, Mitbesitzer eines Skilifts, Besitzer eines Reform-Lädelis, Chauffeur, Aussendienstmitarbeiter für Schlagcreme, Käsehändler, auch einen Geschirrverleih gründete er. Heute wohnt der bald 81-Jährige im aargauischen Benzenschwil und fährt am 10. August wieder an die Street Parade.