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Stress lass nach

Eine Studie zeigt: Wir fühlen uns gestresst. Und zwar unabhängig davon, ob wir jung oder älter sind, berufstätig oder nicht. Entscheidend für unser Wohlergehen ist deshalb, wie wir mit stressigen Zeiten umgehen.

Text: Martina Novak

Menschen, die nicht mehr arbeiten müssen, sollten eigentlich keinen Stress haben. Denkt man. Dabei sind ältere Menschen im «Unruhestand», die vor lauter Freizeitterminen nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht, beliebtes Sujet für Witze und Sprüche. Glaubt man einer im vergangenen Herbst durchgeführten repräsentativen Bevölkerungsbefragung, fühlen sich tatsächlich 25 Prozent der über 60-Jährigen in der Schweiz «etwas oder sehr gestresst».

Im Vergleich zu ihren jüngeren Mitmenschen, von denen je nach Alterskategorie bis zu 76 Prozent «etwas oder sehr gestresst» zu sein angeben, stellt der Wert immerhin eine deutliche Verbesserung dar: Noch in der Altersklasse 50 bis 59 Jahre sind es nach eigenen Angaben 55 Prozent, die etwas oder sehr unter Stress leiden. 

Angesichts der Tatsache, dass viele Menschen nach Sechzig nicht mehr voll berufstätig sind, kann der Job nicht die Hauptursache des Ungleichgewichts zwischen Arbeit und Privatem sein. Woher kommt dann der Stress der Seniorinnen und Senioren? Ulrike Ehlert, Psychologie-Professorin an der Universität Zürich: «Zum einen können gesundheitliche Ursachen Stress bereiten. Zum andern sind es Veränderungen im sozialen Umfeld; Partner sind nicht mehr da, Freundinnen sterben oder ziehen weg. Und schliesslich entsteht nach dem Wegfall der Berufstätigkeit ein Vakuum. Besonders Männern kann das Fehlen der täglichen Struktur und von Anerkennung Stress bereiten.»

Doch auch nach dem aktiven Berufsleben ist für viele noch lange nicht Schluss mit Terminchaos und Pflichtenheft. Dass auch im Rentenalter verschiedene Aufgaben im familiären oder sozialen Bereich mit der Planung der persönlichen Freizeit im Clinch liegen können, davon zeugen etwa Aussagen von Grossmüttern. Regelmässiges Enkelhüten, so befriedigend und bereichernd es ist, kann durchaus als stressig empfunden werden.

Stress macht nicht zwangsläufig krank 

Eine gewisse Stressmenge scheint unabhängig von der Alterskategorie also unvermeidlich. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie man damit umgeht, damit Zeitdruck, Belastung oder hohe Ansprüche nicht zu sehr «stressen» und die Gesundheit nicht leidet. Stress muss nicht zwangsläufig krank machen, er führt aber zu Beschwerden, die auf Dauer chronisch werden: Erschöpfung, Tagesmüdigkeit, Schlafstörungen, Nervosität und Unruhe, Hilfslosigkeit, Konzentrationsstörungen, sozialer Rückzug. Die gute Nachricht: Wie aus der Stress-Befragung weiter hervorgeht, sind die Menschen in der Schweiz ihrem Stress nicht hilflos ausgeliefert. Sie sind sich ihrer Stressbelastung bewusst und versuchen, die angespannten Nerven gezielt zu entspannen – oder sie unternehmen in der Freizeit etwas, das ihnen ganz sicher keinen Stress bereitet.

Spitzenreiter bei den Anti-Stress-Programmen ist die Ablenkung durch Fernsehen, Internet oder soziale Medien. Jeder zweite Befragte gab diese Tätigkeiten an erster Stelle an. Gemütlich auf dem Sofa liegend lässt sich bei einem Film oder einer Serie unserer Wahl wunderbar «herunterfahren». Wobei die Stressbewältigung auf elektronischem Weg von älteren Menschen seltener in Anspruch genommen wird als von jüngeren: Nur gerade jede und jeder Dritte über sechzig erholt sich vor einem Bildschirm. Je älter die Befragten, desto lieber lesen sie zur Entspannung ein Buch – oder tun bewusst gar nichts.

35 Prozent der befragten Schweizerinnen und Schweizer verbringen Zeit in der Natur, um dem Stress zu entfliehen. Noch mehr, nämlich 51 Prozent geben an, dass sie sich in der Natur zufrieden und im Einklang mit sich selbst fühlen und gut auftanken zu können. Frauen noch mehr als Männer. Erstaunlicherweise gelingt Letzteres in jüngeren Jahren besser, als wenn man das Pensionsalter erreicht hat. Ob das mit körperlichen Einschränkungen zu tun haben könnte, die einem den Weg in den Wald erschweren?

Das eigene Entspannungsgefühl finden

Auch Sport zur Stressbewältigung wird von jungen Erwachsenen bis dreissig Jahre am intensivsten betrieben, danach nimmt die Häufigkeit ab. Dasselbe gilt für Hobbies, wobei unter diesem Oberbegriff bei der Umfrage vermutlich eher Sport verstanden wurde.

Entspannungsübungen wie Yoga oder Meditation haben in der jüngeren Bevölkerung allgemein keinen ausgeprägten Stellenwert. Ab fünfzig Jahren und besonders bei Frauen nimmt ihre Beliebtheit aber zu, ob zur Prävention oder zur Stressbewältigung. 

«Wie man sich am besten entspannen kann, ist hochindividuell und abhängig von der Hirnphysiologie», bestätigt Ulrike Ehlert. «Der eine braucht Bewegung, muss sich abstrampeln können, die andere zieht sich lieber in eine ruhige Ecke zurück oder widmet sich einer kreativen Tätigkeit.» Um dem Stress die Stirn bieten zu können, der nun mal zum Leben gehört, müsse man die eigene Entspannungsfähigkeit finden. Je früher, desto besser.

Häufigste Ursachen von Stress:

  • Überlastung im Beruf oder Studium
  • Zu hohe Ansprüche an sich selbst
  • Finanzieller Druck
  • Konflikte in der Familie oder im Umfeld
  • Einsamkeit
  • Sozialer Rückzug

Quelle: Weleda Trendforschung 2018

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