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Rock on Roller

Elektro-Trottinetts gehört die Zukunft – prophezeien Experten. Das machten sie bereits vor 100 Jahren. Denn schon damals war der fahrbare Untersatz gross in Mode. Angetrieben wurde er mit Benzin.

Wer durch Schweizer Städte spaziert, sieht sie an jeder zweiten Ecke: Elektro-Trottinetts. Darauf fahren Frauen und Männer zur Arbeit, Touristen erkunden auf E-Scooters die Stadt, Mütter transportieren ihre Kinder zur Schule. Selbst die SBB ist auf die surrenden Flitzmobile aufgesprungen und testet in einem Pilotversuch, ob sie diese – wie viele andere Unternehmen – zur Miete anbieten wollen. Fans und Kritiker sprechen von einem Boom – und prophezeien E-Scooters eine lange und erfolgreiche Zukunft.

Was kaum einer weiss: Motorisierte Roller sind keine Erfindung der Moderne. Sie waren bereits vor 100 Jahren ein beliebtes Fahrzeug. Schon Anfang des 20-Jahrhunderts kurvten Trendnasen auf zweirädrigen Gefährten durch die Städte, so etwa die britische Frauenaktivistin Lady Florence Norman (1883–1964), die ihr sogenanntes «Autoped» zum Geburtstag geschenkt erhalten hatte. Dieses gilt als eines der ersten Motorräder überhaupt.

Florence Norman auf ihrem «Autoped« in London

Eine kleine Verkehrsrevolution

Ein New Yorker Unternehmen, die Autoped Company of Long Island City, hatte das benzingetriebene Gefährt ursprünglich als Kinderfahrzeug erfunden, danach aber auf Erwachsene ausgerichtet  – ab 1919 wurde es unter anderem von den deutschen Krupp Motoren- und Kraftwagenfabriken in Lizenz hergestellt. «Der Krupp-Roller stellte eine kleine Verkehrsrevolution dar – und sorgte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wegen des etwas albernen Aussehens für Spott, für Beschwerden über rollendes Rowdytum und die Sicherheit», schreibt das Magazin Monopol. In der aktuellen Ausgabe erzählt die Zeitschrift die Geschichte des «Autopeds» gleichermassen detailreich wie amüsant.

Vor 100 Jahren war das zu 50km/h schnelle Zweirad vor allem in den USA sehr beliebt. Es versprach eine gewisse Freiheit, blieb aber ausschliesslich Reichen vorbehalten. Wobei: Selbst Postboten absolvierten damals auf dem Scooter ihre Routen, und unter Ganoven soll der Roller ebenfalls sehr beliebt gewesen sein: Darauf waren sie im Gewusel New Yorks schneller und agiler als die Polizei und entkamen so regelmässig allfälligen Strafen.

Flugpionierin Amelia Earhart war Fan der ersten Stunde

Auch US-Flugpionierin Amelia Earhart (1897–1932) war eine «Autoped»-Anhängerin. «In Zukunft muss niemand mehr laufen», war sie sich damals sicher und sagte dem Roller eine grosse Zukunft voraus. Doch sie sollte sich täuschen. Das «Autoped» konnte sich im Verkehr nicht lange halten. Es war gefährlicher und weniger komfortabel als etwa ein PKW. Letztendlich aber wurde es durch zusehends strengere Gesetze gestoppt. Die städtische Infrastruktur wurde immer stärker aufs Automobil zugeschnitten.

1921 wurde die Produktion in den USA eingestellt, Krupp fertigte sein letztes «Autoped» 1922. «Vielleicht war es seiner Zeit einfach voraus», folgert die Monopol-Autorin: «Der heutige Boom der E-Mobilität birgt zumindest faszinierende Parallelen zur Blütezeit des Scooter-Vorfahren. Wieder gibt es Diskussionen darüber, wem die Strasse gehört und wer wie viel Platz braucht.»

Die Mobilität in den Städten wird derzeit tatsächlich neu erfunden. Überall denken Tüftler darüber nach, wie wir das Chaos in den Strassen mindern und schneller vorwärts kommen können. Die Menschen sollen von ihren Autos auf andere Fahrzeugtypen umsteigen. Sogenannte Mikro-Mobilität ist ein möglicher Lösungsansatz: Fahrzeuge, die auf ein oder allenfalls zwei Personen zugeschnitten sind und möglichst wenig Energie verpuffen. Derzeit sind weltweit Unternehmen daran, viel Geld in diesen Bereich zu investieren. Gemäss Fachleuten soll dieser Markt schon bald 500 Milliarden Franken umsetzen. Der Elektro-Roller markiert damit den Anfang eines Mega-Trends.

40 000 E-Scooters surren durch Paris 

Auch dieses Mal nahm der Roller in den USA Fahrt auf: genauer in Kalifornien. Moderne E-Trottinetts, die bis 25 km/h schnell sind, sorgen dort bereits wieder für rote Köpfe. Ihre Präsenz ist dermassen gross, dass sich Fussgänger und Autofahrerinnen neuerlich in ihrer Freiheit (und Sicherheit) bedroht fühlen und härtere Gesetze fordern. «Erst sausen sie uns um die Ohren, danach liegen sie uns überall im Weg», beklagt sich eine Bewohnerin von Los Angeles auf der Homepage der dortigen Polizei: «Rettet uns vor dieser Pest!»

In der französischen Hauptstadt Paris – ein anderer Hotspot der E-Scooter-Mobilität – haben die Ordnungshüter bereits ein Machtwort gesprochen. Wer dort einen der 40 000 E-Scooters an nicht markierten Stellen abstellt, riskiert eine hohe Busse – und muss 140 Euro Strafe bezahlen. 

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