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Perfekte Kletterer

Gämsen sind klettertüchtige Bergtiere, doch überraschenderweise leben sie nicht nur im Gebirge. Manche fühlen sich auch in Wäldern der tieferen Lagen wohl, sofern es steile Stellen gibt, wohin sie sich bei Gefahr zurückziehen können.

Von Esther Wunschleger Schättin

Die Gämsen am Ricken sind weitherum bekannt. Manchmal verlangsamen dort Autos die Fahrt, wenn sie über den gut 800 Meter hohen Rickenpass ins Toggenburg unterwegs sind. Auf der abschüssigen Weide rechts der Strasse zeigt sich nämlich hin und wieder ein Trupp Gämsen, die sich nahe am Waldrand zum Äsen auf die Wiese vorgewagt haben. Dass sie sich hier weit unterhalb der Baumgrenze aufhalten, ist an sich noch nichts Ungewöhnliches. Denn sie sind, obwohl man sie vor allem als solche kennt, keineswegs ausschliessliche Hochgebirgsbewohner. 

Gämsen besiedeln auch die Juraberge und gelangen von da bis in den Kanton Solothurn, wo sie sich etwa im Gebiet des Weissensteins wohlzufühlen scheinen, und vereinzelt in den Aargau. Wichtig für sie sind einfach Wälder mit steilen Abhängen oder Felspartien in einiger Nähe, wohin sich die geübten Kletterer bei Gefahr flüchten können. In solchen geschützten Rückzugsgebieten, wo sie sicher vor Feinden und Störungen durch den Menschen sind, lassen sie sich auch gerne zum Ruhen und Wiederkäuen nieder. Der Wald wiederum bietet den kälteangepassten Bergtieren Schatten während der Sommerhitze. 

Wie man heute weiss, bleiben manche Gämsen mehr oder weniger dauerhaft in Wäldern. Sie werden deshalb auch als «Waldgämsen» bezeichnet. Andere verbringen als «Wechselgämsen» nur den Winter in Wäldern und ziehen im Sommer wieder in alpines Gelände hoch, um dort zu äsen. Wieder andere bleiben das ganze Jahr hindurch über der Baumgrenze, sofern der Winter nicht zu schneereich verläuft. Diese «alpinen» Exemplare überwintern vor allem an steilen, exponierten Südlagen, wo sich jeweils am ehesten wieder Lücken im Schnee zeigen und so ihre Pflanzennahrung zugänglich wird. Trotz des unterschiedlichen Lebensraumverhaltens zählen die Gämsen der Schweiz alle zur selben Art, der im Alpenbogen verbreiteten Alpengämse. 

Das Fell der Alpengämsen ist im Sommer hellbraun bis gräulich und im Winter sehr dunkel bis fast schwarz. Ein Aalstrich über dem Rücken, die Bandzeichnung im Gesicht und die Beine bleiben auch im Sommerhalbjahr dunkel. Die Gesichtszeichnung ist kontrastreich und von Weitem gut zu erkennen. Die kräftigen Beine wirken stämmig und der Körperbau kompakter als etwa beim Reh. 

Beide Geschlechter tragen Hörner

Das soll nicht über ihre Beweglichkeit hinwegtäuschen. Wer je ein junges Gämslein herumspringen sah, wird über die Geschicklichkeit dieser Tiere nur staunen können. Wie beim Steinbock geben die Füsse hervorragend Halt beim Klettern. Der Schalenrand der spreizbaren Hufe passt sich den Unebenheiten am Boden an, und die weiche Sohlenballe haftet gut auf dem steinigen Untergrund. 

Beide Geschlechter tragen die typischen hakenförmigen Hörner, die auch als Krucken bezeichnet werden. Sie wachsen während des ganzen Lebens der Tiere weiter. Durch den Effekt des Jahreszeitenwechsels bilden sich feine «Jahrringe» an den Hörnern aus, anhand welcher Fachleute mit einigem Geschick das ungefähre Alter eines Tieres erkennen können. Bei den Böcken ist der Umfang des Hornansatzes etwas dicker und das Horn oben meistens stärker gebogen. 

Drohgesten und Imponiergehabe

Während der Brunftzeit im November versuchen die Böcke, ein Territorium mit Geissen zu sichern. Mit eindrücklichen Drohgesten halten sie Rivalen in Schach. Sie zeigen ihre Breitseite und stellen dabei die langen Rückenhaare auf, was sie grösser erscheinen lässt. Ihre gebogenen Hörner sind gefährliche Waffen, doch die Böcke beschränken sich weitgehend auf ihr Imponiergehabe, um die Rangverhältnisse auszuhandeln. Kommt es doch zu einer Auseinandersetzung, wird der Widersacher in einer wilden Hetzjagd verfolgt und manchmal brutal angegriffen, wenn er sich nicht rasch genug entfernt. Während der Brunftzeit verlieren die Böcke viel an Kraft, ausgerechnet zu Beginn des nahrungsknappen Winters. Zweifellos kommen manche an ihre Grenzen. Ihre Lebenserwartung ist allgemein geringer als die der Geissen, welche bis über 17 Jahre alt werden können. 

Gämsen sind zähe Tiere, doch sie pflanzen sich verhältnismässig langsam fort und erholen sich daher nur langsam von Bestandesrückgängen. Vor allem im Mai, wenn genügend eiweissreiche Gräser und Kräuter wachsen, bringen die Geissen ihr Kitz zur Welt. Sie sondern sich nur zur Geburt vom Geissenrudel ab. Oft kommt es vor, dass einzelne Geissen die kleinen Kitze des Rudels in ihren ersten Lebenswochen wie in einem Kinderhort «hüten», während sich die Mütter zum Äsen an nahrungsreichere, aber weniger geschützte Stellen begeben. Die Sterblichkeit ist bei den Kitzen dennoch recht hoch. 

Ruhige Rückzugsgebiete

Die Alpengämse ist nicht gefährdet, obschon es in den letzten Jahren offenbar zu Bestandesrückgängen kam. Zum einen setzen Krankheiten wie die Gamsblindheit, die auch von Schafen übertragen werden kann, den Tieren zu. Die Gamsblindheit, eine hoch ansteckende Augeninfektion, kann bei Gämsen einen schweren Verlauf nehmen und bis zu einer Erblindung führen. Betroffene Tiere wanken unsicher im Gelände, oder sie verhalten sich dem Menschen gegenüber auffallend furchtlos, da sie ihn nicht sehen. Auch Störungen durch den Freizeittourismus, der in die Naturräume der Berge vordringt, haben zugenommen. Wie andere Wildtiere brauchen die Gämsen ruhige Rückzugsgebiete – gerade im Winter, wenn sie ihre Kräfte schonen sollten. 

Neben diesem Alpenbewohner gibt es weitere Unterarten von Gämsen in Europa, die zum Teil sehr selten geworden sind. Die Tatra-Gämse in der Hohen Tatra ist vom Aussterben bedroht, da es nur noch wenige Hundert Tiere gibt. Die Chartreuse-Gämse lebt einzig im französischen Chartreuse-Massiv und ist in ihrem kleinen Verbreitungsgebiet ebenfalls sehr gefährdet. Die Pyrenäengämse unterscheidet sich stärker von der Alpengämse als ihre verschiedenen Unterarten und wird deshalb als eigenständige Art angesehen. Sie ist glücklicherweise nicht bedroht. 

Verwandt mit den Ziegen 

Verwandtschaftlich gehören die Gämsen zu den ziegenartigen Tieren, wie auch der Steinbock und die domestizierten Hausziegen und Hausschafe. Im Vergleich zu anderen Hornträgern wie den Antilopen sind die Ziegenartigen recht stämmig gebaute Huftiere, die typischerweise in kargen Berggebieten oder Wüsten leben. Sie erreichten ihre «Blütezeit» während der letzten Eiszeiten, und besonders viele dieser Überlebenskünstler kommen heute in gebirgigen Lebensräumen Europas und Asiens vor. 

Ähnliche Nischen und Lebensweisen, die in den Alpen die Gämsen und Steinböcke einnehmen, werden in anderen Gebirgen der Welt durch verschiedene andere ziegenartige Tiere ausgefüllt. In den amerikanischen Rocky Mountains etwa leben die Schneeziegen als überaus trittsichere Kletterer über Fels und Eis im Hochgebirge. Ihr dichtes, wolliges Fell ist schneeweiss und schützt sie vor Kälte und Wind.