Volksmusikgruppe Sarnen, aus der Videodokumentation «Musik ist mein Leben»

«Musik tut der Seele gut»

Musiklernen und Musizieren bis ins hohe Alter: Ein Forschungsprojekt der Hochschule Luzern realisierte dazu die Filmdokumentation «Musik ist mein Leben». Musiker und Dozent Marc Brand gibt Antworten zum Thema. 

Interview: Usch Vollenwyder

Was zeichnet Musizierende im Alter aus?

Eine grosse Leidenschaft und viel Enthusiasmus. Musizieren scheint einem starken inneren Bedürfnis zu entsprechen. Dabei ist es nicht einfach, in späteren Jahren ein Instrument wieder aufzunehmen oder gar neu zu lernen. 

Es ist nicht einfach – und trotzdem tut man sich das an: Warum?

Oft höre ich: «Wenn es mir nicht so gut geht, nehme ich mein Instrument hervor und spiele.» Musizieren tut der Seele gut. Erfolgserlebnisse beglücken. Zudem schenkt die Beschäftigung mit einem Instrument, mit einer neuen Materie, Befriedigung. Es gibt auch Menschen, die suchen nach der Pensionierung eine neue Herausforderung und kommen so – manchmal eher durch Zufall – auf die Musik. Hin und wieder stehen hinter dem Musizieren oder Singen im Alter auch negative Kindheitserinnerungen. Ich weiss zum Beispiel von einer Frau, die immer zu hören bekam: «Sei besser still, du kannst sowieso nicht singen.» Sie wollte es im Alter noch einmal wissen und ging in einen Chor. 

Was ist besser – auf ein altes Instrument zurückzugreifen oder ein neues zu lernen?

Wo brennt das innere Feuer? Zu welchem Instrument fühlt man sich hingezogen? Diese Fragen gilt es zuerst zu klären. Ob man schliesslich sein altes Instrument wieder hervorholt, ein neues lernt oder zum ersten Mal überhaupt Musikunterricht nimmt, ist weniger wichtig. Wer von früheren musikalischen Erfahrungen zehren kann, hat es beim Wiedereinstieg leichter. Allerdings mag es für diese Seniorinnen und Senioren zur Herausforderung werden, wenn etwas nicht gleich so gelingen will, wie man es sich von früher her gewohnt ist. Auch wer sein Leben lang Musik gemacht hat, kann sich immer noch weiter entwickeln und musikalisches Neuland entdecken. Bei Neueinsteigenden geht es etwas langsamer und sie brauchen niederschwellige Angebote. Doch sie sind in der Regel top motiviert und spornen sich gegenseitig an. Ich staune, wie viel sie in kurzer Zeit erreichen können. 

Wo sind die Grenzen?

Grenzen setzen oft körperliche Probleme. Rheuma in den Händen zum Beispiel … Für ein Blasinstrument braucht man eine gute Lippen- und Atemmuskulatur, am Cello muss man die Kraft dosieren können. Natürlich gibt es Instrumente, die schwieriger und andere, die einfacher zu lernen sind. Am Klavier kann man zum Beispiel sofort einen Ton erzeugen, bei der Akkordzither muss man nicht Noten lesen können, bei der Gitarre beherrscht man schnell einige Akkorde. Grundsätzlich kann man jedes Instrument lernen. Es kommt darauf an, wie viel Zeit man sich gibt und welche Ansprüche man stellt. 

Welches ist der Unterschied zwischen Singen und Instrumentalmusik?

Singen ist – noch mehr als Musizieren – sehr persönlich und ganz nah mit der Seele oder mit dem Herzen verbunden. Singen ist für mich ein Urausdruck des Menschen. Der Zugang zu einem Chor ist in der Regel niederschwelliger als zu einem Orchester. Werden nicht allzu anspruchsvolle Werke gesungen, kann man auch ohne Noten lesen zu können sofort mitsingen. Zudem ist Singen ein körperliches Training: Man richtet sich auf, übt den Atem, trainiert den Kehlkopf. Auch der soziale Aspekt ist wichtig: Musikgruppen sind oft starke Gemeinschaften. In einem Chor lässt sich der Anschluss vielfach besser finden.

Braucht es überhaupt spezifisches Altersmusizieren?

Bei den Erwachsenen reden die Fachleute vom sogenannten Anschlusslernen, das auf Lebenserfahrung und Kompetenzen aufbaut. Auf die Musik übertragen bedeutet das: Auch wer nie ein Instrument gespielt hat, besitzt eine innere Musikbiografie. Ältere Menschen haben viel Musik gehört, haben vielleicht als Kind gesungen und wissen, was ihnen gefällt. Wenn sie schliesslich ein Instrument lernen, läuft bereits ein inneres Tonband mit. Das ist mit ein Grund, warum Seniorinnen und Senioren ihre bevorzugte Musik oft sehr schnell umsetzen können. 

Lernen Erwachsene anders? 

Kinder lernen intuitiver, sie spielen drauf los und experimentieren. Erst ab dem Jugendalter beginnt man, den Musikstoff kognitiv zu analysieren. Das ist ein langsamer Prozess, das geht Schritt um Schritt. Lehrpersonen müssen wissen, wie sich ältere Menschen Musik aneignen: Sie wollen Erklärungen, stellen entsprechende Fragen und reflektieren den Stoff – dann erst beginnen sie zu spielen. Sie haben einen Leistungsanspruch und nehmen es der Lehrperson in der Regel sehr übel, wenn sie sich nicht ernst genommen fühlen. 

Braucht es einen bestimmten Typ Lehrer für Senioren?

Seniorenlernen ist Erwachsenenbildung; davon muss eine Lehrkraft etwas verstehen. Seniorinnen und Senioren haben eine klare Vorstellung, was sie lernen und welche Musik sie machen wollen. Auf diese Wünsche müssen die Lehrpersonen eingehen, sonst bleibt ihre Seniorenklasse bald leer. Rein technische Übungen zum Beispiel oder musikalische Grundlagen interessieren ältere Musizierende kaum – und schon gar nicht wollen sie erzogen werden. Lehrkräfte müssen zudem auf mögliche altersspezifische Defizite sensibilisiert sein – die Abnahme der Sensomotorik, der Sehkraft, des Gehörs oder auch von Gedächtnisfunktionen. 

Mit Ihrem Team von der Hochschule Luzern haben Sie vier Online-Videos zum Musiklernen im Alter herausgegeben. Warum haben Sie das gemacht?

Es ist schwierig, allein mit Texten Menschen für die Musik zu begeistern. Unsere vier Porträts zum Musiklernen im Seniorenalter sollen die breite Öffentlichkeit, vor allem Seniorinnen und Senioren sowie Fachpersonen aus Pflege, Sozialer Arbeit und Musikpädagogik auf den Wert des gemeinsamen Musizierens im Alter aufmerksam machen. In den Kurzfilmen sprechen die Musizierenden selber und lassen die Zuschauenden an ihrem Musizieren teilhaben. Die Filme sollen motivieren; sie lassen sich in Alterseinrichtungen, an Altersnachmittagen, in Vereinen zeigen – überall dort, wo sich ein interessiertes Publikum findet.

Marc Brand

Marc Brandstudierte Musik am früheren Konservatorium Luzern und war als Klarinettist in vielen Konzertsälen im In- und Ausland tätig. Der 63-Jährige ist Studienkoordinator Musikpädagogik Klassik und Jazz am Institut der Hochschule Luzern. In seinen Forschungsarbeiten geht er Fragen rund um das Musiklernen verschiedener Altersgruppen in ihren jeweiligen Lebenswelten nach.

Die vier Dokumentationen «Musik ist mein Leben», in denen musizierende Seniorengruppen vorgestellt werden, geben die Musikerinnen und Musiker Einblicke in ihr Musiklernen, ihre Chancen und die damit verbundenen Herausforderungen.

Weitere Informationen sind zu finden unter www.hslu.ch/de-ch/musik/forschung/forschungsprojekte/musiklernen-und-musizieren-im-alter/

Filmporträts

Volksmusikgruppe Sarnen
Fünf Landfrauen aus dem Kanton Obwalden treffen sich regelmässig zum gemeinsamen Musikmachen. Dabei kommt auch der gegenseitige Austausch bei Kaffee und Kuchen nicht zu kurz .
Kaleidoskop – pro Musicante Rapperswil
In der buntgemischten Seniorengruppe Kaleidoskop werden verschiedenste Instrumente und unterschiedliche Musikstile gespielt.
Fokus Demenz
Eber Ferrer zeigt, dass auch Menschen mit fortgeschrittener Demenz in Musikgruppen mitspielen können. Inklusion verschafft demenziell erkrankten Menschen eine vergleichsweise hohe Lebensqualität.
Silverhorns und Greenhorns
Das Ensemble aus dem Raum Basel beweist eindrücklich, dass auch im Seniorenalter ein Instrument neu und gemeinsam mit anderen erlernt werden kann.

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