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Memento mori 24. April 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von letzten Wünschen und Gedanken an die Vergänglichkeit.

Wir haben es die ganze Zeit vor uns hergeschoben: Das Gespräch darüber, wer im Ernstfall welche medizinische Behandlung wünscht. Doch mit den ersten bundesrätlichen Lockerungen rücken die weite Welt und Corona wieder in die Nähe, und wir diskutieren darüber am Frühstückstisch. Aber wer hat schon Lust, sich die Freude an bald wieder mehr Freiraum mit dem Gedanken an die Sterblichkeit zu verderben? Ich nicht. Und mein Mann schon gar nicht. Er zitiert den österreichischen Dramatiker Johann Nestroy, der gesagt haben soll: «Ich weiss, dass wir alle sterben müssen, aber um mich wäre es schon sehr schade.» 

Ich weiss es natürlich auch. Trotzdem möchte ich jetzt noch nicht sterben. Wo sich gerade die Hoffnung breit macht, dass vielleicht alles wieder gut kommt. Aber will ich in zehn, zwanzig oder dreissig Jahren sterben? Sicher finde ich auch dann noch einen Grund, warum es nicht unbedingt sein muss. Also kann ich mich auch gleich angesichts von Corona diesen Fragen stellen. Ich trage für niemanden mehr wirklich Verantwortung. Mein Leben war rund und voll und schön. Ich könnte es jederzeit dankbar zurückgeben. Einige Menschen wären traurig, aber sie wären es wohl auch in zehn, zwanzig oder dreissig Jahren. 

Natürlich habe ich mir in langen Nächten schon überlegt, wie ich mit einer Erkrankung umgehen würde. Als erstes kommt immer die Hoffnung, dass das Virus unbemerkt an mir vorübergeht, höchstens ein bisschen Fieber und Husten verursacht, oder zumindest nicht komplizierter als eine normale Grippe verläuft. Doch je länger die schlaflosen Nächte fortschreiten, umso mehr drängen sich andere Bilder und Zahlen in den Vordergrund: Menschen umgeben von piepsender Technik, verborgen hinter Masken und angeschlossenen Schläuchen. Die Hälfte aller Patientinnen und Patienten auf der Intensivstation stirbt – trotz optimaler Behandlung.

So setze ich mich hin. Auf ein weisses Blatt schreibe ich das Datum und ganz formell den Titel: «Ergänzung zur Patientenverfügung, falls ich an Covid-19 erkranke.» Und füge an: «Ich wünsche keine intensivmedizinische Behandlung und damit auch keine künstliche Beatmung.» Schnell versorge ich das Blatt zu den anderen Dokumenten in der untersten Schublade des Schreibtisches und hoffe, dass ich es nie hervorholen muss. Mein Mann? Er lässt sich noch Zeit. Er bringt sein bestes Argument vor: «Vor einem halben Jahr wurde mein Herz für teures Geld geflickt. Jetzt ergebe ich mich sicher nicht kampflos diesem Corona.»

Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin