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Grosi-Glück 14. April 2020

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Gute-Nacht-Geschichten und Zirkusvorstellungen.

Die Gute-Nacht-Geschichte ist ein Ritual. Seit wir in unserem Dreigenerationenhaus wohnen – die junge Familie unten, wir oben – kommt unsere Kleine fast jeden Abend hoch, stellt die beiden roten Sessel zusammen, kuschelt sich in ein weiches Tuch, schlägt mir das Geschichtenbuch an der richtigen Stelle auf und wartet, bis ich mich mit meiner Tasse Tee neben sie gesetzt habe. Wir beugen die Köpfe über die Bilder im Buch. Ich atme den zarten Kinderduft ein; ich spüre den weichen Kinderarm um meine Schulter. Pures Grosi-Glück!

Gerade als die abendliche Fortsetzungsgeschichte so richtig spannend wurde – der Silberdrache machte sich mit seinen Freunden auf die Suche nach dem Saum des Himmels – kam Corona. Die Schulen wurden geschlossen, die Kinder lernten, ihre Hände zu waschen und Distanz zu halten. Landauf, landab wurden Generationenkontakte und Grosseltern-Betreuung eingestellt. Lange sträubte ich mich dagegen. Ob aus Überzeugung, wegen der Sorge unseres Sohnes und der Schwiegertochter um uns alte Eltern, oder ob wir uns ganz einfach dem öffentlichen Druck beugten: Jedenfalls gilt die Abstandregel seit vier Wochen auch zwischen uns und unserer Kleinen.

Seither erzähle ich das tägliche Buchkapitel von der Terrasse aus. Ich stelle den Stuhl nah ans Geländer, und sie setzt sich – um der Abenteuergeschichte der Drachenfreunde möglichst nah zu sein – auf den Tisch auf ihrem Sitzplatz. Bilder aus dem Buch kopiere ich und lege sie am Abend vor ihre Haustür, beschwert mit einem schönen Stein oder einer süssen Überraschung. Bei Schlechtwetter erzähle ich das Kapitel auf mein Handy und sende es als Audiodatei an ihre Mama. Die Gute-Nacht-Geschichte bekommt sie immer – wenn auch unter erschwerten Bedingungen.

Bei schönem Wetter lässt uns der Logenplatz auf unserer Terrasse an der Kinderwelt teilhaben. Die Kleine lädt aus Distanz zu einer Zirkusvorstellung ein oder führt uns auf dem Rollbrett neue Kunststücke vor. Wir sehen ihr zu, wie sie das Osternest sucht und hören ihren Jubel, als sie die vielen bunten Eier findet. Daneben liegt der Schulsack, den sie sich so sehr gewünscht hat, und den Mama und Papa viel zu teuer fanden: rosa und türkis, mit Schmetterlingen und Pelikanen. Sie rennt die Aussentreppe zu unserer Terrasse hoch, um ihn uns zu zeigen. Ihre unbeschwerte Freude ist ansteckend. Doch selbst in ihrer Begeisterung bleibt sie rechtzeitig ausserhalb des Zauns stehen – mindestens zwei Meter von uns entfernt.

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin