General Guisan am Postschalter

Im Januar feierte Agnes Styger-Hartmann aus Mels SG mit der ganzen Familie den neunzigsten Geburtstag. Ihr Sarganserland liebt sie seit Kindsbeinen.

Blumen und Berge sind mei­ne Lieblingsmotive bei meinem grossen Hobby, dem Malen. Heute, da ich die Höhe nicht mehr ver­trage, male ich aus der Erinnerung und geniesse die Aussicht auf Gonzen, Pizol, Falknis und Co. umso mehr. Auch aufs stolze Schloss Sargans blicke ich vom Balkon meiner Alterswohnung aus – direkt darunter, im Schloss Zehnten­haus, bin ich aufgewachsen.

Das Foto von 1936 zeigt mich in der ersten Klasse bei Lehrer Albrecht. Ich sass zuhinterst, weil ich zu den Gröss­ten gehörte und schon damals gern schwatzte … Das Lernen fiel mir immer leicht und ich durfte nach meiner Lehre als Verkäuferin schon früh viel Verant­wortung im Beruf übernehmen.

Schwarzweissfoto: eine Erstklässlerin sitzt in der Schulbank, um 1936 im Sarganserland.
© zVg

Den Krieg erlebten wir in Sargans mitten im Festungsgebiet, jederzeit be­reit für den Umzug in die Bündner Berge im Falle eines deutschen Über­falls. Für uns Kinder war die Kriegszeit eher spannend als beängstigend. Hat­ten die im Schloss einquartierten Soldaten Essen übrig, hängten sie ein Handtuch aus dem Küchenfenster und wir durften mit dem Kesseli Kakao oder Suppe holen. Geprägt hat mich auch die grosse Arbeit, die die ganze Familie auf den uns zugeteilten 22 Aren Land zur Selbstversorgung leistete.

Mit 18 zog ich nach Lausanne. Eines Tages, ich machte gerade Einzahlungen, betrat ein Mann in Uniform die Post: General Guisan! Natürlich wollte ich ihn sofort vorbeilassen, aber er sagte ga­lant: «Mademoiselle, après vous alors», und stellte sich hinter mir an.

Vor zwei Jahren musste mein Mann ins Pflegeheim zügeln. Er dort, ich hier, das ist hart – wir vermissen einander sehr. Trotzdem bin ich dankbar für mein schönes Leben: Ich empfinde es als Geschenk und Gnade.

Aufgezeichnet von Annegret Honegger