© Rachel Louise Brown

Frauen, werdet sichtbar!

Frauen werden nicht gesehen, weil Daten über Männer den Grossteil unseres Wissens ausmachen. Mit ihrem akribisch recherchiertem Buch «Unsichtbare Frauen» kämpft die britische Autorin und Feministin Caroline Criado-Perez kraftvoll für eine weiblichere Welt.

Von Claudia Herzog

Medikamente, Autos, WC-Anlagen und Spracherkennungssysteme: Die meisten erhobenen Daten, auf die sich Forschung und Entwicklung stützen, basieren auf männlichen Angaben und Erfahrungen. Der Mensch wird kulturell bedingt 1:1 mit Mann gleichgesetzt. Er gilt als menschlicher Standard, als Prototyp.

Und zwar handelt es sich hier nicht um irgendeinen Mann, sondern es ist üblicherweise ein weisser, der um die 30 Jahre alt ist und 70 Kilogramm wiegt. Die Frau wiederum ist in der Daten-Erhebung die Abweichung vom Normalfall. Dies sei keine böse Absicht, sondern Zeichen der uralten Verzerrung in unseren Köpfen, dass die Hälfte der Bevölkerung wie eine zu vernachlässigende Minderheit behandelt werde, schreibt die britische Journalistin und Aktivistin Caroline Criado-Perez in ihrem Buch «Unsichtbare Frauen».

«Die Vorstellung der Welt ist, wie die Welt selbst, ist das Produkt der Männer: Sie beschreiben sie von ihrem Standpunkt aus, den sie mit dem der absoluten Wahrheit gleichsetzen.»

Simone de Beauvoir

Die männliche Perspektive, schreibt Caroline Criado-Perez, sei immer noch die unausgesprochene Selbstverständlichkeit. Über Frauen werde nicht geredet – sie seien mitgemeint. Ausserdem fehlen oft die Daten, die für eine weibliche Perspektive relevant sind. Oder es fehlt den Männern an den Entscheidungshebeln dieser Welt schlicht das Verständnis, wie diese weiblichen Daten zu interpretieren sind. Die Folgen dieses Gender-Daten-Gaps sind für Frauen ärgerlich bis tödlich.

Datenlücken im grossen Stil

Beispielsweise wenn bei Crashtests für Autos die Dummies so gross und schwer sind wie ein Mann und sich Frauen in der Folge bei Unfällen öfter verletzen. Wenn Polizistinnen von unpassenden Uniformen kaum geschützt werden, weil ihr Busen nicht in die schusssichere Weste passt und deshalb bei jeder grösseren Bewegung verrutscht.  Oder wenn die Schulmedizin bei einem Herzinfarkt von den Symptomen ausgeht, die Männer zeigen – und Frauen oft eine falsche Diagnose kriegen.

Selbst dort, wo Daten und Vorschriften eine faire 50-50-Gleichberechtigung suggerieren, geht die Rechnung für die Frauen nicht auf. Es mag nur logisch erscheinen, dass öffentliche Toiletten für Frauen und Männer jeweils die gleichgrosse Fläche aufweisen.

Wenn ein Männer-WC jedoch sowohl Kabinen als auch Urinale hat, ist die Zahl der Menschen, die gleichzeitig auf die Toilette können, pro Quadratmeter weitaus höher als im Frauen-WC. Dabei müsste es umgekehrt sein, weil Studien zeigen, dass Frauen im Durchschnitt zwei bis drei Mal so viel Zeit für einen WC-Besuch benötigen wie Männer. Die Folgen können alle bei jedem Kino- oder Konzertbesuch beobachten: Es bildet sich eine meterlange Schlange vor dem Frauen-WC.

Schneeräumen kann sexistisch sein

Der Fokus auf frauenbezogene Daten kann Schritt für Schritt die Welt verändern, wie beispielsweise Karlskoga zeigt. Die schwedische Stadt hat früher im Winter immer zuerst die Strassen geräumt, und erst dann die Gehwege.

Die vermutlich männlichen Entscheider des Schneeräumplans fuhren ja selbst mit dem Auto ins Büro. Doch wegen der glatten Bürgersteige verletzten sich häufig Fussgänger, und das sind vor allem Frauen. Denn Frauen erledigen 75 Prozent der weltweiten, unbezahlten Care-Arbeit. Das beeinflusst ihre Bedürfnisse an Fortbewegung. So bringen Frauen beispielsweise die Kinder zur Schule, gehen dann zur Arbeit, begleiten später ein älteres Familienmitglied zum Arzt und erledigen auf dem Heimweg die Einkäufe.  

Einen Kinderwagen, ein Fahrrad oder einen Rollstuhl durch den Schnee zu schieben, birgt grosse Verletzungsgefahr. Diese Verletzungen der Frauen belasten jedes nationale Gesundheitssystem. Deshalb befreit die schwedische Stadt Karlskoga seit 2011 nun immer zuerst die Gehwege vom Schnee.

Die Welt mit neuen Augen sehen

Criado-Perez liefert in ihrem Buch jede Menge Beispiele dieses Gender-Data-Gaps, das knapp 500 Seiten und stolze 1331 Fussnoten aufweist. Sie zeigt eindrücklich auf, wie diese Datenlücke unsere Alltags- und Arbeitswelt beeinflusst.

«Eine Welt, die für alle funktionieren soll, können wir nicht ohne Frauen entwerfen», davon ist Criado-Perez überzeugt. «Die bezahlte und unbezahlte Arbeit der Frauen ist das Rückgrat unserer Gesellschaft und Wirtschaft. Es an der Zeit, sie entsprechend wertzuschätzen.» Criado-Perez Lösungsvorschlag um den Gender-Daten-Gab zu schliessen, ist sowohl einleuchtend wie simple: «Man» muss nur die Frauen fragen.

Buchtipp

Cover: unsichtbare FrauenCaroline Criado-Perez: «Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert», btb 2020. Mehr Infos finden Sie hier.