Struwwelpeter aus der Erstausgabe 1845 © gemeinfrei

Endlich… 1. April

Zeitlupe-Redaktorin Usch Vollenwyder ist 69 Jahre alt. Als Angehörige der Risikogruppe erzählt sie täglich aus ihrem Alltag im bernischen Gürbetal. Heute: von Reiskörnern und Frisuren.

Endlich habe auch ich begriffen: Bei all den Massnahmen und Einschränkungen geht es nicht um mich. Es geht darum, niemanden mit dem Virus anzustecken und selber nicht angesteckt zu werden. Mit ü65 gehöre ich zur Risikogruppe. Ich würde im schlimmsten Fall ein Bett auf einer Intensivstation und ein Beatmungsgerät beanspruchen – zusammen mit anderen Leidensgenossinnen und Leidensgenossen, von denen es mehr gäbe als Betten zur Verfügung stünden. Gleichzeitig würde ich den Platz vielleicht einem jungen verunfallten Motorradfahrer oder einem Familienvater mit Herzinfarkt wegnehmen. Ich hab’s kapiert.

Das Virus verbreitet sich exponentiell, sagen die Zahlen. Das Gesundheitssystem werde innerhalb kurzer Zeit an seine Grenzen kommen. Unter «exponentiell» stelle ich mir einen überdimensionierten Schneeballeffekt vor. Ich google den Begriff und stosse irgendwann auf die Geschichte vom Schachbrett und vom Reiskorn: Der indische Kaiser Sheram wollte den Erfinder des Schachspiels belohnen. Dieser verlangte für das erste Feld des Schachbretts ein Reiskorn, für das zweite zwei, und für jedes weitere Feld doppelt so viele Körner wie für das vorhergehende.

Die Zunahme beginnt unspektakulär: Auf dem fünften Feld sind erst 16 Reiskörner, auf dem zehnten 512. Angekommen auf Feld 64 schliesslich finden sich insgesamt über neun Trillionen Reiskörner auf dem Brett – das sind 540 Milliarden Tonnen oder die Reisernten der ganzen Welt von mehr als 800 Jahren. Für mich ein mathematisches Rätsel und unvorstellbar. Aber jetzt verstehe ich die Forderung von Expertinnen und Politikern, diese permanente Verdoppelung der Corona-Infektionen ohne Wenn und Aber und sofort einzudämmen: Das Virus darf nicht ausser Kontrolle geraten.

Mein erster Gedanke, als am 17. März das öffentliche Leben stillgelegt wurde: «Warum nur bin ich nicht am Vortag noch schnell zum Coiffeur gegangen?» Lächerlich, ich weiss. Aber der Gedanke war da. Ich kann es ja nicht machen wie unser Berner Regierungsrat Christoph Neuhaus, im normalen Leben immer adrett frisiert, der sich selber eine Kahlrasur verpasst hat und sie auf Facebook als «Chris’ Corona Crisis Cut» vorstellt. Aber ich halte mich an die Anordnungen des Bundesrats. Jetzt schon seit mehr als zwei Wochen. Sie scheinen mir endlos lang. Wie sehe ich das wohl am 19. April? Verschwende ich dann noch einen Gedanken an meine Frisur?

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Usch Vollenwyder

Zeitlupe-Redaktorin