Der Winzerkönig

In zehnter Generation übernahm Louis-Philippe Bovard 1983 das familieneigene Weingut in Cully VD. Er hinterfragte alte Traditionen und ging neue Wege. Kreativität und Innovationsgeist zeichnen den 85-jährigen Winzer aus. 

Text: Usch Vollenwyder

Rund achthundert Hektaren Rebland umfasst das Gebiet des Lavaux zwischen Lausanne und Vevey am nordöstlichen Ufer des Genfersees. Vom Ufer bis hinauf zu den Feldern auf der Hochebene zieht sich der sonnige, von Menschenhand terrassierte Hang, Ursprung und Heimat des Chasselas. Schmale Strässchen führen zwischen den Rebbergen hoch; Steinmauern umgeben die einzelnen Parzellen. Seit 2007 gehört die Weinbauregion unter dem Namen «Weinterrassen von Lavaux mit Blick auf den See und die Alpen» zum Unesco-Welterbe.

Louis Philippe Bovard in seinen Weinbergen des Lavaux
Louis Philippe Bovard in seinen Weinbergen des Lavaux © Blaise Kormann/ L’illustré

Zwischen den beiden Weindörfern Epesses und Rivaz liegt das Dézaley; ein mit dem AOC-Gütesiegel ausgezeichnetes Terroir mit einem Mikroklima, das Weine mit der Qualitätsbezeichnung «Grand Cru» hervorbringt. Einer von ihnen ist der «Dézaley Médinette Grand Cru». Die Weinkritikerin und Autorin Chandra Kurt rühmte den besonderen Tropfen als einen der absolut besten Chasselas der Schweiz: «Er liegt gehaltvoll im Glas und duftet nach Honig, Heu, reifen Birnen und Aprikosen. Seine Mineralität im Abgang ist markant und feinfruchtig.» Auch Tage nach dem Öffnen der Flasche sei der Wein noch voll im Schuss.

Produzent dieses Qualitätsweins ist Louis-Philippe Bovard, mit 85 Jahren gilt er als Doyen der Schweizer Weinbauern. Am Telefon erzählt er von seinen Anfängen als Winzer. Der studierte Jurist und Ökonom war bereits fünfzig Jahre alt, als er 1983 das rund 18 Hektaren umfassende Weingut seines Vaters in Cully VD übernahm. «Ich hinterfragte die Traditionen meiner Vorfahren, übernahm, was mir richtig schien, und ging meinen eigenen Weg.»

Anregungen bekam er von seinem Freund, dem Basler Spitzenkoch Hans Stucki: Dieser habe nach weniger spritzigen und mehr säurehaltigen Weissweinen gesucht, die besser zu seiner währschaften, mit Butter und Rahm verfeinerten Küche passen würden. «Ich begann zu experimentieren», sagt Louis-Philippe Bovard. Er führte neue Rebsorten ein, baute den Chasselas in Eichenfässern aus und veränderte die Prozesse der Weinproduktion. Er tüftelte an seinen Kreationen und produzierte säurehaltigere Weissweine. Der Chasselas sollte lagerfähig, aromatischer, gehaltvoller und unverwechselbarer werden – so dass er nicht nur als leichter Wein zum Apéro, sondern auch als Begleiter zu einem reichhaltigen Menu zur Geltung kommen konnte. Louis-Philippe Bovard schaffte Weine von internationalem Niveau, die sich bis nach New York und Japan verkaufen. Kreativität und Innovationsgeist sind bis heute seine Markenzeichen geblieben.

Innovativ müsse man in der heutigen Zeit auch tatsächlich sein, sagt Louis-Philippe Bovard. «Wer die neuen Herausforderungen nicht annimmt, geht unter.» Zum einen habe sich das Weinverhalten der Schweizerinnen und Schweizer verändert. Vorbei seien die Zeiten, als man sich im Restaurant zu einem Apéro traf und dabei ein Glas oder auch zwei Gläser Weisswein bestellte. Zum andern verlange auch der Klimawandel eine Anpassung an höhere Temperaturen und trockenere Sommer. «Rebsorten aus südlicheren Gebieten gedeihen neu im Lavaux, während andere rund 150 Kilometer weiter nördlich ihr ideales Klima finden.»

Zu den neuen Rebsorten in Louis-Philippe Bovards Weinbergen gehören Sauvignon blanc und Chenin blanc, aber auch Merlot und Syrah. Zudem unterhält der erfahrene Winzer in Zusammenarbeit mit der Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil auf seinem Weingut eine Parzelle mit neunzehn Chasselas-Varietäten – eine weltweit einzigartige Sammlung. Die Vielfalt dieser Rebsorte soll gepflegt und für die Nachwelt erhalten werden.

Louis-Philippe Bovard führt den Betrieb bereits in der zehnten Generation. Und immer habe der Patron «Louis» geheissen, nur einmal wurde die Ahnenreihe von einer «Louise» unterbrochen. Doch nun wird das Familienunternehmen in eine Stiftung überführt. Auch was die Zukunft betrifft, ist der Winzer für neue Wege offen: «C’est comme ça, la vie» meint er. «So ist das Leben.» ❋

Adresse: Domaine Louis Bovard, Place d’armes 2, 1096 Cully, Telefon 021 799 21 25, Internet domainebovard.ch

Buchtipp

Louis-Philippe Bovard und seine Frau Christine gehören zu den Gastgebern im Kochbuch «Zu Tisch bei den Schweizer Winzern». Darin stellen fünfzehn Winzer vom Boden- bis an den Genfersee ihre liebsten Rezepte mit den dazugehörigen Weinen vor.

«Zu Tisch bei den Schweizer Winzern. Heimische Weine entdecken und genussvoll kochen», Christina Gubler, Winfried Heinze, LandLiebe-Edition 2020, 300 S., CHF 48.-