Evelyn Hofer, Hommage à Zurbarán (Still Life No. 6), New York, 1997, © Evelyn Hofer Estate, Courtesy Galerie m, Bochum

Der Blick auf die Ewigkeit braucht Zeit Fotografin Evelyn Hofer

Evelyn Hofer fotografierte ihr Gegenüber – sei das eine Stadt, ein Interieur, eine Bäuerin aus Soglio oder Andy Warhol – stets mit derselben Neugierde und Offenheit. Nie stahl sie schnell ein Bild, sondern nahm sich immer sehr viel Zeit.

Von Claudia Herzog

«Es ist bei der Fotografie wie mit einer guten Suppe. Wenn sie gelingen soll, braucht es Zeit», sagte Evelyn Hofer 2006 in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger. Die gebürtige deutsche Fotografin – geboren 1922 in Marburg, 2009 in Mexiko-Stadt verstorben – wollte gültige Bilder schaffen. Bilder, die die Jahre überdauern. Der Schnappschuss interessierte die Grand Dame der Fotografie nicht.

Ihre entschleunigte Vorgehensweise war auch der umfangreichen Ausrüstung geschuldet, mit der Evelyn Hofer ein Leben lang arbeitete. Neben der Grossbildkamera mit verschiedenen Objektiven, diversen Stativen und einem extra Koffer für fünfzig Filmkassetten und Polaroids, waren mindestens drei schwere Koffer an Material ihr Standard. Wegen der schweren Ausrüstung liess sie sich stets von einem Assistenten begleiten. «Einer meiner Assistenten war Humphrey Sutton; der wurde dann auch mein Ehemann», bemerkte Hofer einmal trocken.

Phoenix Park on a Sunday, Dublin 1966, © Evelyn Hofer Estate, Courtesy Galerie m, Bochum

Kompromisslose Perfektionistin

Das Klavier war Evelyn Hofers erste Leidenschaft. Doch nach einem missglückten Vorspiel an einer berühmten Pariser Akademie spielte die junge Frau nie wieder einen Ton. Ihr Vater motivierte sie, Fotografin zu lernen. Früh fand die Perfektionistin zu ihrem eigenen Stil und war in ihrer Arbeit ganz und gar kompromisslos. Jene Fotos, die Hofers eigenen hohen Ansprüchen nicht genügten, zerstörte sie sofort.

Sie wollte authentisch sein, sich keiner Mode anpassen. Mit einer Grossbildkamera zu fotografieren, galt bereits in den 50er-Jahren als höchst unmodern und unflexibel. Evelyn Hofer tat es trotzdem und mit lebenslanger Überzeugung.

«Es geht mir immer um die Essenz der Dinge. Das ist zweifellos nicht modern. Aber wenn es mir in meinen Fotos gelungen ist, diese Essenz abzubilden, dann wäre ich froh.»

Bei der Grossbildkamera zeigt sich das Bild im Sucher auf dem Kopf stehend und wird erst durch die Verwendung eines dunklen Tuches sichtbar. Diese Art des Sehens war für Evelyn Hofer ein wichtiger Teil des Fotografierens. Eine gute Komposition funktioniere auch auf dem Kopf stehend, war eines ihrer Mantras.  

Alma und Silvia Giovanoli, Soglio,1991, © Evelyn Hofer Estate, Courtesy Galerie m, Bochum

Das Licht als Mass aller Dinge

Bei der Farbfotografie war Hofer vielen Kolleginnen und Kollegen gleich mehrere Schritte voraus. Sie fotografierte bereits 1953 erstmals in Farbe. Bis in die 70er-Jahre hinein waren Farbfotografien die Ausnahme in der sich ernst nehmenden fotografischen Welt, obwohl Farbe technisch bereits lange möglich war – Kodachrome-Filme waren ab 1936 verfügbar. Auch mit diesem Stilmittel ging Evelyn Hofer sehr bewusst vor: Nur sehr spärlich setzte Hofer sie ein und versuchte so zu vermeiden, dass Farbe in ihrer Fotografie gewöhnlich wurde.

An ihren durchdachten Kompositionen, meist in Bildserien angelegt, überliess sie nichts dem Zufall und arbeitete an den einzelnen Motiven so lange, bis sie ihren perfektionistischen Ansprüchen genügten. Sie verband meisterhaft Inhalt mit Form, Hell mit Dunkel, und war stärker geprägt von der Malerei als von den Vorbildern in der Fotografie. Die Aussage, dass Fotografen Maler des Lichts seien, stimmt bei Evelyn Hofer sehr.

Andy Warhol, New York, 1980, © Evelyn Hofer Estate, Courtesy Galerie m, Bochum

Die berühmte unbekannte Fotografin

An die sechzig Jahre hat Evelyn Hofer als Fotografin gearbeitet. Doch ihre Arbeit und ihr Name sind sowohl in ihrer Wahlheimat USA wie auch in Europa weitgehend unbekannt geblieben. «Das liegt wohl auch daran, dass ihre Bilder nicht sensationell, sondern von stiller Natur sind, für den Mainstream schlicht zu still», meint ihr langjähriger Assistent und Nachlassverwalter Andreas Pauly. Ausserdem habe sich Evelyn Hofer nicht gut verkaufen können.

Wie ging Evelyn Hofer vor, wenn sie eine Stadt wie New York, London oder Paris fotografierte? Hofer liess sich bei diesen Aufträgen für längere Zeit in der jeweiligen Stadt nieder, mietete eine Wohnung, richtete eine Dunkelkamera ein, und liess den Ort, die Menschen, liess Atmosphäre und Licht bei ihren Streifzügen auf sich wirken, bevor sie zur Kamera griff. Sie recherchierte zuerst über Geschichte, Kultur, Kunst der Stadt, bildete sich eine Vorstellung darüber, was die jeweilige Stadt und ihre Bewohner auszeichnete, was ein charakteristisches Bild vermitteln könnte, das frei von Klischees war.

«Die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollen oder können.» (August Sander)

Nach zunächst zufälligen Begegnungen mit Fremden auf der Strasse nahm sie persönlichen Kontakt zu ihnen auf und fotografierte sie mit deren Einverständnis. Hofer wollte dabei auch Lebenseinflüsse, Schicksale zeigen. Als Referenz diente ihr August Sander, der berühmte deutsche Porträtfotograf mit seinem Anspruch, «die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollen oder können.» Hofer wollte den Menschen die sie fotografierte genügend Raum und Zeit lassen, damit sich diese getrauten, sich wirklich zu «zeigen».

Auf die Frage, wie sie sich als Künstlerin definierte, lächelte Evelyn Hofer immer nur. Und sagte: «Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich finde die Frage eigentlich vollkommen unzulänglich. Ich mache einfach meine Fotos. Je fais mon commerce.»

Pollock Studio, Long Island, 1988, © Evelyn Hofer Estate, Courtesy Galerie m, Bochum

Evelyn Hofer – Begegnungen

Die Ausstellung «Evelyn Hofer – Begegnungen» in der Fotostiftung Schweiz vereint vom 29. Februar bis 24. Mai 2020 Hofers unterschiedliche Arbeiten in einer umfassenden Werkschau. Weitere Informationen finden Sie hier.