Die Philosophin Eva Schiffer ©ZVG

«Das nackte Leben ist kein Lebenszweck»

Corona trifft auf eine Gesellschaft, die schon vorher tief verunsichert war. Wie weit wird das Virus uns und die Welt verändern? Ein Gespräch mit der Philosophin Eva Schiffer über die gegenwärtige Krise und die Chance, erneut darüber nachzudenken, was es heisst, ein gutes menschliches Leben zu führen.

Das Gespräch führte Claudia Herzog

In unserer Gesellschaft ist der Hang zu Kontrolle und Optimierung gross. Plötzlich befinden wir uns in einer komplett unbekannten, unbequemen Situation, die wir für unbestimmte Zeit aushalten müssen. Was macht das mit uns, Frau Schiffer?
Zuallererst macht es uns Angst: vor Ansteckung; vor der gespenstischen Leere des  öffentlichen Raumes; dem Mitmenschen als potenzieller Gefahr; der Ungewissheit, wo zuvor vermeintlich Gewissheit war. Die menschlichen Angelegenheiten erweisen sich plötzlich als fragiler, als es unserem westlichen Selbstverständnis entspricht: Die vertraute Welt droht uns zu entgleiten. Wir sind nicht souverän. Man kann Ihre Frage aber auch umkehren: Was machen wir mit dieser Situation?  Wagen wir es, über akute Bedrängnisse und die gerade notwendigen Massnahmen hinaus zu denken? Beunruhigende Fragen nicht auszublenden – etwa über den Zusammenhang zwischen dem, was uns geschieht und den Folgen unseres Handelns?

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Wir sind es gewohnt, dass es für jedes Problem eine schnelle Lösung gibt. Die gibt es hier nicht …
«Lösungsorientiert» ist eines der Schlagworte unserer Zeit. Die Ideologie der «sofortigen Lösungen» ist jedoch ein Problem in sich selbst. Sie verdeckt unsere Ratlosigkeit und bleibt blind für den grösseren Kontext, in dem ein Problem auftaucht, und damit für das Problem selbst. Der Klimaforscher Reto Zittel hat kürzlich in einem Gespräch zur gegenwärtigen Krise gesagt: «Wir sind seit dreissig Jahren daran, es verpasst zu haben.» Mit ‚es’ ist ein pflegliches, ein schöpferisches Umgestalten der Welt gemeint und die Einsicht, dass das, was wir ‚Globalisierung’ nennen, sich eher durch einen blinden Veränderungszwang auszeichnet: Die Unterwerfung der Natur unter den menschlichen Willen, die Ausbeutung aller gewachsenen Systeme – natürlicher, kultureller –  im Dienste des eiligen Verbrauchs und Verschleisses. Das Eingeständnis, dass wir die unbeabsichtigten Folgen unserer Handlungen längst nicht mehr im Griff haben, macht Angst. Vielleicht bewegt uns diese Angst zu einer neuen Nachdenklichkeit. Dann wäre sie heilsam.

Ich habe das Gefühl, wir haben uns in der Krise äusserlich sehr schnell angepasst und versuchen mit Massnahmen, alles richtig zu machen. Aber emotional und mental haben wir noch nicht einmal im Ansatz kapiert, was mit uns gerade passiert.
Die äusserlich rasche Anpassung war in der Tat erstaunlich. Sie mag auf einem Gemisch  verschiedenster Motive beruht haben: Abwehr von Hilflosigkeit und Erschrecken; dem guten Willen, sich ins Unvermeidliche zu schicken und ihm mit Einfallsreichtum  zu begegnen, mutig, solidarisch zu sein, vielleicht auch die Hoffnung, dass es sich hier um einen «Ausnahmezustand» handele, der bald wieder von unserem gewohnten «Normalzustand» abgelöst würde. Die Besinnung, zu der diese Krise eine Chance ist, kann zur Einsicht führen, dass das, was wir für ‚normal’ hielten, menschheitsgeschichtlich und global betrachtet, die absolute Ausnahme war: für den grossen Teil der Menschheit galt vielmehr, und gilt auch heute noch, Mangel, Krankheit, Krieg, Verfolgung, Elend, Leid. Am schwierigsten ist wohl das Eingeständnis des Ausmasses, in dem unser Wohlstand hier auf Kosten anderer Kulturen und des ökologischen Gleichgewichts geht.

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Unsere Gesellschaft wird sich durch Corona verändern?
Sicher, die Dinge verändern sich ohnehin, auch ohne Pandemien. Wichtiger scheint mir, in dieser Krise einen Anstoss zu tieferen Einsichten wahrzunehmen, einen Anstoss zur Verwandlung anstelle von rein äusseren Veränderungen. Entscheidend wäre hier wohl das Erschrecken über eine Tatsache, die der Philosoph Günther Anders schon in den 1950er-Jahren im Hinblick auf die spätmoderne Technik und ihre Folgen in einen Satz gefasst hat: «Wir werfen weiter, wir Kurzsichtigen, als wir sehen können.» Was hier angesprochen wird, ist das Missverhältnis zwischen der ungeheuren technischen Macht moderner Gesellschaften und den begrenzten menschlichen Fähigkeiten des Vorstellens und Verantwortens. Ein Beispiel für dieses Missverhältnis gab kürzlich ein Epidemiologe in einem Gespräch: Die langfristige Zerrüttung gewachsener Ökosysteme durch menschliche Eingriffe habe die Viren aus ihren natürlichen Wirten gewissermassen herausgeschüttelt; auf der Suche nach einem neuen Wirt seien die Viren nun fündig geworden – im Menschen. Das Eingeständnis über das Ausmass unserer Blindheit könnte uns zu kontextsensiblerem und massvollerem Handeln bewegen. Voraussetzung dafür wäre eine tiefgreifende Wandlung des westlichen Selbst- und Weltverständnisses.

Mit Massnahmen versuchen wir, das Virus einzudämmen und damit zumindest wieder einen neuen Normalzustand zu erlangen. Zum Beispiel teilen wir die Gesellschaft in verschiedene Gruppen ein. Zu einer dieser Gruppen – der Risikogruppe – gehören auch Sie.
«Jetzt müssen wir unsere Älteren schützen», titelte kurz vor dem Lockdown eine Gratiszeitung – eine  vielschichtige Empfehlung. Zum einen irritiert das Wort «die Älteren»: Grammatisch bedeutet es ja die Steigerung von «die Alten», während es in der Umgangssprache im umgekehrten Sinne als Abschwächung und verschleiernde Floskel gebraucht wird: Niemand will alt sein, also nennt man uns «die Älteren» – und wenn man es ganz gut meint, auch noch «unsere Älteren». Ebenso mehrdeutig ist der Ausdruck «Risikogruppe»: Abgesehen davon, dass Leben als solches Risiko ist, hat die Tatsache, dass die Alten gewöhnlich vor den Jungen sterben, mit Risiko nichts zu tun; es liegt einfach in der Ordnung der Dinge. Die neblige und teils aufgeblasene Sprache, in der gegenwärtig über die eigenartige Präferenz dieses Virus für alte Menschen geredet wird, scheint mir ein tiefliegendes Unbehagen unserer Zivilisation zu verhüllen: Uns fehlt die geistig-spirituelle Dimension, um gelassener mit der Sterblichkeit umzugehen.  

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Corona enttäuscht auch unsere Zuversicht, das physische Alter mit gesunder Lebenshaltung ewig herauszögern zu können.
Dank moderner Medizin und Wohlstand geniessen wir hier das unerhörte Privileg, uns bis ins hohe Alter fit und wohl zu fühlen. Das ist ein grosser Wert. Kehrseite dieses Privilegs ist die Tendenz der westlichen Zivilisation, die uralte Sehnsucht des Menschen nach ewigem Leben mit allen wissenschaftlichen Mitteln in Realität umzusetzen. Nun zwingt uns die Pandemie, vertieft über unseren Umgang mit der Sterblichkeit nachzudenken: Was ist der Sinn, das Sterben um jeden Preis aufschieben zu wollen? In welchem Verhältnis steht der Kampf um die Überlebenschancen sehr alter und sehr kranker Menschen im Westen zu den Zukunftschancen kommender Generationen, zu den Lebenschancen anderer Kulturen? So gewinnt der philosophische Gedanke, dass zu einer Kunst des Lebens wesentlich eine Kunst des Sterbens mit dazu gehört, unvermutet wieder Bedeutung.

Wir stellen uns zurzeit wieder wichtige Fragen. Diskutieren buchstäblich über Leben und Tod. Braucht eine Gesellschaft eine Krise, um sich weiterzuentwickeln?
Tatsächlich scheint es, dass wir – sowohl einzeln als auch kollektiv – einfach weitermachen, wenn uns nichts zu fundamentaler Veränderung zwingt. Krisen sind dem Wortsinn nach Situationen, in denen eine Entscheidung anfällt: Krisen rütteln uns wach. Die meisten Geschehnisse liegen ausserhalb unserer Macht; wie wir uns ihnen gegenüber verhalten, das allerdings liegt an uns. Dafür sind wir verantwortlich. So sind Krisen sowohl Chance als auch Gefahr. Das gilt auch für die gegenwärtige Situation.

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Haben Sie mir ein Beispiel für einen möglichen neuen Denkansatz?
Für uns Heutige scheint mir die Besinnung auf das, was wir Wohlstand nennen, zentral zu sein. Es sind gerade junge Menschen, die mich häufig auf dieses Thema ansprechen: Sie hadern mit der Tendenz unserer Gesellschaft, Wohlstand und Reichtum rein quantitativ zu bestimmen:  mehr Konsum, mehr Geld, mehr Umsatz, mehr Kaufkraft, mehr Information, mehr Erfolg, mehr Erlebnisse. Aristotelisch lautet die zu stellende Frage: Was heisst es, ein gutes menschliches Leben zu führen? Sie ist heute wieder hoch aktuell, beispielsweise in den Büchern der Philosophin Martha Nussbaum und des Wirtschaftswissenschaftlers Amartya Sen: Qualitäten wie Humor; Spiel; Anerkennung durch die Mitmenschen; Freundschaft; die Möglichkeit, eigenständiges Denken und eigene Vorstellungen zu entwickeln – all dies kann man nicht quantifizieren. Aber niemand würde von einem Leben, in dem diese Qualitäten fehlen, behaupten, dass es sich dabei um ein gutes menschliches Leben handle.

Wäre es auch die Zeit, um wieder mehr Mut zu haben?
Wenn Mut nicht mit blinder Selbstbehauptung und Rücksichtslosigkeit verwechselt wird, ja. Wirklicher Mut ist nie blind: Er geht einher mit dem Respekt vor menschlicher Grösse ebenso wie mit der Anerkennung der für den Menschen konstitutiven Verletzlichkeit und Abhängigkeit, seiner Irrtums- und Wahnanfälligkeit. Mutig sein bedeutet, im Bewusstsein der Fragilität aller menschlichen Angelegenheiten den Versuch, das Beste aus uns selbst und anderen hervorzubringen, niemals aufzugeben.

Wie hilft Ihnen in schwierigen Momenten die Philosophie?
Das Anknüpfen an schon Gedachtes, das Weiterspinnen des Fadens langer Denktraditionen erfahre ich als bereichernd und ermutigend. Es befreit von der Aufdringlichkeit des Zeitgeistes mit seinen Scheingewissheiten und öffnet den Blick für andere Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Lebens.

Eva Schiffer

studierte Philosophie, Ideengeschichte und vergleichende Literatur in London und Florenz und genoss eine Ballettausbildung in Zürich, Basel und Graz. Seit 1997 führt sie eine eigene philosophische Praxis in Zürich. www.philo.ch/tithenai