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Peinliches Geheimnis

Harninkontinenz, der unkontrollierte Verlust von Urin, wird meist lange verheimlicht. Die Verzweiflung der Menschen ist entsprechend gross – obwohl die Medizin viele Therapien kennt, die das Leiden zu lindern vermögen. 

Text: Roland Grüter

Letzthin, in der Fernsehwerbung. Eine Frau um die 60 wird von Freundinnen zum Spaziergang abgeholt. Die Frau strahlt, von Freiheit ist die Rede, von Glück und Sicherheit. Und davon, dass unter der Jeans der Frau etwas unsichtbar verborgen bleibt. Erst im Abspann des Werbespots wird ersichtlich, was gemeint ist: Einlagen respektive Höschen, die die Trägerin diskret vor den Auswirkungen ihrer Blasenschwäche schützen. Dabei werden die Worte «Urin» und «Harninkontinenz» tunlichst vermieden. Denn diese erschrecken – und sie schrecken ab.

Das grosse Schweigen

Das ist im Alltag der Zuseherinnen und Zuseher nicht anders: Zwar leidet jede zweite Frau über 50 unter Harninkontinenz, also unter unkontrolliertem Urinverlust. Sprechen darüber mögen aber nur die wenigsten, weder mit Freundinnen, der Familie, ja nicht einmal mit dem Arzt. Entsprechend gross ist das Leiden der Betroffenen. Sie ziehen sich oft aus dem Gesellschaftsleben zurück. Sie fürchten sich davor, dass andere ihre Schwäche bemerken, etwa weil sie unangenehm riechen. Manche richten ihren Lebensweg konsequent auf öffentliche Toiletten aus – und schweigen.

«Um ihre Blasenschwäche im Umfeld geheim zu halten, kaufte eine meiner Patientinnen Slip-Einlagen jahrelang in der Nachbargemeinde», erzählt Prof. Dr. med. Regula Doggweiler, die an der Zürcher Klinik Hirslanden im Kontinenz-Zentrum praktiziert und Störungen der Harnblasenfunktion respektive Harninkontinenz interdisziplinär behandelt.

Leidensgeschichten bekommt sie allenthalben zu hören. «Die Menschen verbinden Blasenschwäche mit dem Verlust der Selbstkontrolle, mit Versagen», sagt die Urologin, «und schämen sich dafür.» Was nüchtern betrachtet erstaunlich ist. Denn Inkontinenz geht wie andere Krankheiten auf verschiedenste Ursachen zurück: auf lasches Bindegewebe, auf schwache Beckenbodenmuskeln, auf eine vergrösserte Prostata, auf überaktive Nervenzellen in den Blasenwänden. Auch Verstopfung und Krankheiten (Tumore, MS, Hirnschlag) können zu Blasenproblemen führen – alles Faktoren, die nichts über unseren Willen und unser Wesen aussagen.

Drei Formen der Harninkontinenz

Die Medizin kennt drei Hauptformen von Harninkontinenz. Menschen mit Belastungsinkontinenz verlieren Urin, sobald der Druck im Bauchraum wächst: etwa beim Niesen, Lachen, Treppensteigen oder Heben von Lasten. Der Harnabgang erfolgt spontan. Oft verspüren die Menschen vorgängig keinerlei Dranggefühle. Diese Form kommt bei Frauen öfter vor als bei Männern. Gründe dafür sind meist schwache Muskeln des Beckenbodens oder Blasen- und Gebärmuttersenkung.

Eine zweite Gruppe leidet an Dranginkontinenz. Die Menschen verspüren einen plötzlichen, unaufhaltsamen Harndrang, der ihnen kaum Zeit lässt, aufs Klo zu rennen. Kaffee, plätschernde Geräusche, nasse Hände genügen, um das Fiasko auszulösen. Im Volksmund redet man von einer Reizblase. In der Mischinkontinenz finden die Symptome der Belastungs- und Dranginkontinenz zusammen. Auch in diesem Bereich sind Frauen weit mehr betroffen als Männer – weil der weibliche Körperbau anfälliger ist und quer durchs Leben mehr Strapazen ausgesetzt ist, etwa durch Geburten.

Nur bei jedem zehnten Menschen mit Harninkontinenz lässt sich nichts ausrichten und nur in Ausnahmefällen sind operative Eingriffe erforderlich. In der Regel genügen konservative Therapien, etwa die Stärkung der Beckenbodenmuskulatur, um den Zustand zu verbessern. Auch Anpassungen der Lebensgewohnheiten helfen: «Deshalb fordere ich meine Patientinnen und Patienten dazu auf, vor der ersten Sprechstunde Buch darüber zu führen, was, wann und wie viel sie trinken – respektive wann und wie viel Flüssigkeit sie danach ausscheiden.» Wer beispielsweise Kaffee, Cola oder Schwarztee durch andere Getränke ersetzt, Alkohol meidet oder abends weniger trinkt, gerät unter Umständen weniger schnell in Not. Im Bereich der Dranginkontinenz wiederum schaffen Medikamente Linderung und beruhigen die überaktive Blasenmuskulatur.

Statt sich mit der Hausärztin oder einem Facharzt abzusprechen, laborieren viele Menschen erst selber an sich herum. Sie reduzieren beispielsweise die Trinkmenge – und belasten damit ihren Allgemeinzustand zusätzlich. Nicht einmal über taugliche Einlagen und Höschen trauen sie sich offenbar zu informieren. Wie eine repräsentative Umfrage in den USA gezeigt hat, verwendet jede vierte betroffene Frau kommune Damenhygieneeinlagen. Ein weiterer Fingerzeig, weshalb wir Blasenschwäche öfter beim Namen nennen sollten – nicht nur in der Werbung. 

Mehr Informationen zu den Ursachen und Therapien von Blaseninkontinenz erfahren Sie unter: www.kontinenzzentrum.ch